Landtag

Beliebter Forschungsgegenstand der Demoskopie: der Wählerwille. (Foto: DAPD)

12.04.2013

Von wegen Kassandra-Kunst

Akademiegespräch: (Ohn) Macht der Demoskopie: Professorin Ursula Münch diskutierte mit Jörg Schönenborn und Matthias Jung über Wählerumfragen

Was ist und was leistet die Demoskopie? Dass sich diese Frage nicht mit wenigen Sätzen beantworten lässt, zeigte sich gleich zu Beginn des jüngsten Akademiegesprächs im Münchner Maximilianeum mit dem Titel „(Ohn)Macht der Demoskopie“. Statt eine Antwort zu geben, warfen Ursula Münch, Direktorin der Tutzinger Akademie für politische Bildung, und Peter Meyer (Freie Wähler), Vize-Präsident des bayerischen Landtags, rhetorische Fragen auf.
Damit vermittelten sie trefflich das ambivalente Element, das die Disziplin kennzeichnet. Münch: „Entspricht die Demoskopie unserem Wunsch, in die Zukunft zu sehen? Und wenn ja, sehen wir wirklich in die Zukunft?“ Meyer: „Gleicht die Demoskopie Absichtserklärungen, die mit dem tatsächlichen Handeln allenfalls verwandt sind?“

Union, SPD und Grüne halten Umfragen geheim

Damit konfrontierten Münch und Meyer das Vorstandsmitglied der Forschungsgruppe Wahlen Matthias Jung und den ARD-Wahlmoderator Jörg Schönenborn (siehe Info). Die zwei sind TV-Zuschauern bestens bekannt: Jung zeichnet mitverantwortlich für das im ZDF präsentierte Politbarometer. Mit Schönenborn verbinden die meisten die Sonntagsfrage.
Obwohl beider Hauptgeschäft die Präsentation und Interpretation von Wählerumfragen und Wahlergebnissen ist, äußerten auch sie sich differenziert zum Einfluss von Erhebungen. Dass von diesen ein Effekt auf Wähler, Politiker und Journalisten ausgeht, leugneten sie nicht. Aber in welche Richtung sich das Handeln der Bürger dauerhaft entwickelt, lasse sich nicht messen. Jung: „Es handelt sich um Beschreibungen einer Stimmungslage zu einem bestimmten Zeitpunkt.“ Empirisch lasse sich nicht belegen, wie nachhaltig der Wählerwillen davon modifiziert wird.
Dazu nannte Jung ein Beispiel: Die Feststellung, dass eine bestimmte Partei bei anstehenden Wahlen die 5-Prozent-Hürde möglicherweise nicht schaffen wird, könne zwei entgegengesetzte Reaktionen auslösen: Manche Wähler würden so einer Gruppierung ihre Stimme nicht geben, um sie nicht zu „vergeuden“. Andere Wahlberechtigte wiederum würden verstärkt für besagte Partei votieren, weil sie unbedingt wollen, dass sie doch noch ins Parlament einzieht. Welche der beiden Seiten überwiegen wird, lasse sich nicht seriös prognostizieren. Die jüngste Wahl in Niedersachsen mit dem überraschend positiven Ergebnis für die FDP sei ein gutes Beispiel für diese Unberechenbarkeit.
Wie diffus bei vielen Bürgern die Vorstellung von Demoskopie sein muss, erläuterte Schönenborn anhand einer Anekdote: Vor Kurzem habe ihn ein Mann am Kölner Hauptbahnhof angesprochen und sich erkundigt, wie denn das Wetter in den nächsten Tagen werde. Als der Journalist ihn über seine tatsächliche Tätigkeit aufklärte, habe der Mann entgegnet: „Ich wusste doch, dass es irgendwas mit Vorhersagen zu tun hat.“
Schönenborn selber sieht sich nicht als postmoderne Kassandra, ist aber hiervon überzeugt: „Wählerumfragen sind eine Orientierungshilfe für die Bürger.“ Dass Medien zu den Hauptauftraggebern gehören, hält er für demokratisch notwendig: Parteien seien die anderen großen Kunden der Meinungsforschungsinstitute. Union, SPD, Grüne & Co. hielten die von ihnen in Auftrag gegebenen Umfragen in der Regel aber geheim und enthielten somit dem Wähler Wissen vor. Genau dieses vermittelten die Medien, indem sie ihrerseits Umfragen veröffentlichen.
Schönenborn hält die allgemeine Übereinkunft, in den letzten zwei Wochen vor Wahlen keine Erhebungen zu veröffentlichen, für berechtigt. Zu groß wäre sonst aus seiner Sicht der Einfluss auf die Stimmberechtigten, die sich kurzfristig entscheiden. Jung vertritt dagegen die Ansicht, dass die Bürger ein Recht haben, von allen Daten, die erhoben werden, zu erfahren. Dies sei ein Gebot der Transparenz. (Alexandra Kournioti)

INFO:

Jörg Schönenborn ist der Mann aus Nordrhein-Westfalen für Nordrhein-Westfalen – auch wenn er internationale Politiker wie Wladimir Putin interviewt: 1964 in der Klingenstadt Solingen geboren, studierte er Journalistik und Politik an der Dortmunder Universität. Nach mehreren Stationen als freier Journalist, Korrespondent, Redakteur und Moderator beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) ist der mittlerweile 48-Jährige seit Januar 2002 Chefredakteur der Sparte Fernsehen beim WDR. Das ist aber nicht sein einziger Posten: 1999 löste Schönenborn Ulrich Deppendorf als Wahlmoderator der ARD ab. Zudem leitet er die Sendung Presseclub und führt durch Sondersendungen wie ARD Brennpunkt. Auch privat ist der Fernsehmann seinem Geburtsland treu: Gemeinsam mit seiner Frau Jona Teichmann – sie leitet beim WDR die Hörfunk-Programmgruppe Regionales – lebt er im zwischen Düsseldorf und Solingen gelegenen Hilden.

Matthias Jung hat die für einen Wahlforscher ideale Fächerkombination studiert: Ökonomie, Politische Wissenschaft und Mathematik an der Universität Mannheim. Dort war der heute 56-Jährige als wissenschaftlicher Mitarbeiter aktiv, bis er 1987 zum Verein Forschungsgruppe Wahlen stieß. Dessen Vorstand gehört er seit 1991 an. Jung und besagtes Institut für Wahlanalysen liefern vor allem dem ZDF zu diversen Urnengängen Hochrechnungen und Analysen. Außerdem strahlt der Sender regelmäßig das allseits bekannte Politbarometer aus. (aki)

 

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