Landtag

Auch ein paar Fans der Ghanesen feuerten am Mittwoch ihr Team im Maximilianeum an. Gemeinsam mit Landtags-Präsidentin Barbara Stamm (ganz rechts) folgten sie gebannt dem Spiel ihrer Mannschaft. (Foto LTA/POSS)

25.06.2010

Wenn Volksvertreter zu Hellsehern werde.

Im Maximilianeum fieberten am Mittwochabend Dutzende Abgeordnete mit der deutschen Nationalmannschaft

Für Volksvertreter ist die Fähigkeit, möglichst genau die Zukunft vorauszusagen, von großem Vorteil. Kann etwa ein Finanzpolitiker die erwarteten Steuereinnahmen richtig prognostizieren, fällt die Aufstellung eines jeden Haushalts gleich deutlich leichter. Ein wenig hellseherische Qualitäten können da neben all den Expertengutachten wahrlich nicht schaden. Über die verfügt offenbar auch Karsten Klein, Haushaltsexperte der FDP-Fraktion, – jedenfalls was das runde Leder betrifft. Zahlreiche Abgeordnete sind an diesem Mittwochabend zum Public Viewing des WM-Spiels Deutschland gegen Ghana in den ehemaligen Senatssaal gekommen. Doch nur ganz wenige – unter ihnen Klein – tippen vor dem Anpfiff auf das richtige Ergebnis: 1:0. Zufrieden scherzt ein ausgelassener Klein deshalb nach dem Spiel: „Wenn man als Haushälter bereits in der Vorrunde so erfolgreich wie die deutsche Mannschaft ist, kann man nur zufrieden sein.“ Die Stimme des stellvertretenden Fraktionschefs der Liberalen geht im Gedröhne einiger Vuvuzelas und der Freudenrufe der Schlachtenbummler fast unter. Um 20.15 Uhr, nicht mal zwei Stunden vor dem Abpfiff der Fußballpartie – und dem damit verbundenen Weiterkommen des deutschen Teams –, ist die Stimmung freilich noch ganz anders. Während viele Münchner in den umliegenden Biergärten eine deutsche Torflut prognostizieren, ist das Maximilianeum eine Insel der Skeptiker. SPD-Fraktionsvize Thomas Beyer orakelt, dass es am Ende 2:1 für die Deutschen stehen werde. Auch die Landtagsabgeordnete Claudia Jung von den Freien Wählern tippt auf ein solches Ergebnis. Die Schlagersängerin, die sich extra die deutschen Nationalfarben auf ihre Wangen gemalt hat, sagt ganz offen: „Ich hätte mir das Spiel lieber mit meinem Mann auf der Couch angeschaut. Wir sehen uns ja so selten.“ Aber schließlich geht der Erlös des von ihrem Fraktionskollegen Bernhard Pohl initiierten „Charity Viewing“ ja an Kinder in Not. Über 4500 Euro aus Eintrittsgeldern können sich die Vertreter des Hilfsprojekts „Afrika hilft“ am Ende des Abends freuen. Landtagsvizepräsident Franz Maget (SPD) hat zu diesem Zweck aktive und ehemalige Bundesligaspieler zusammengetrommelt. Fachsimpelte Maget vor dem Spiel noch mit dem Sportdirektor des FC Bayern, Christian Nerlinger, über die Stärken des afrikanischen Gegners, steht er in der Halbzeit entspannt an einem der Stehtische und nippt an seinem Weißbier. „Das wird schon noch“, sagt der als ehemaliger SPD-Fraktionschef an Zweckoptimismus gewöhnte Maget zu dem bis zu diesem Zeitpunkt äußerst schwachen Spiel der deutschen Mannschaft. Der Sozialdemokrat lobt vor allem die Spielfreude der Ghanesen. Er selbst freue sich jedenfalls über einen „schönen Abend, an dem die Abgeordneten einmal ganz locker unterwegs sind“. Auch Maget trägt ein altes Deutschland-Trikot. Nicht weit von ihm entfernt fiebert der CSU-Abgeordnete Eberhard Sinner mit der Nationalelf. In Jeans und Turnschuhen prophezeit er: „Kakau schießt noch ein Tor.“ In seiner Hosentasche steckt eine Vuvuzela. „Die wurden hier verteilt“, sagt er fast entschuldigend. Von seinem zu Beginn geäußerten 2:0-Tipp will er auch als es zur Halbzeit nur 0:0 steht, nicht abrücken. Leidenschaftlich hatte er zuvor bei den wenigen deutschen Chancen mitgefiebert. Hatte seine Arme in die Luft gerissen, als Mittelfeldstar Mesud Özil in der 20. Minute eine todsichere Gelegenheit vergab. Überall hängen kleine deutsche Flaggen an den Wänden. Ein paar Ghanesen sitzen in der vordersten Reihe – ganz in den Landesfarben Gelb, Grün, Rot. Als zu Beginn vor allem das starke Geschlecht lautstark die deutsche Hymne zum Besten gab, sind sie höflich mitaufgestanden. Doch das Public Viewing ist keineswegs eine reine Männerangelegenheit: „Die super Stimmung“,, lobt auch Ingrid Heckner (CSU). Die Vorsitzende des Ausschusses für den Öffentlichen Dienst sagt, dass sie die Bundesliga nur ihrem Mann zuliebe ansehe. „Aber die wichtigen Spiele der Nationalmannschaft – das ist mir eine Herzensangelegenheit.“ Manche Besucher haben auch ihre Kinder mitgenommen. Alfred Vogel, Mitarbeiter des Landtagsamts, ist mit seiner Tochter gekommen. „Wenn so etwas angeboten wird, dann sollte man hingehen“, findet der Mann, der ein Hawaii-Kränzchen in Deutschlandfarben um den Hals trägt.

(Tobias Lill)

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