Leben in Bayern

Maria Settele kommt oft an die Unglücksstelle – überqueren kann sie die Münchner Knorrstraße aber bis heute nicht. (Foto: Goetsch)

25.11.2016

"Beatrix hätte das Rad gefallen"

Sogenannte Ghostbikes erinnern in München an tödliche verunglückte Radfahrer – und sind zugleich Mahnung

Still und bleich stehen sie an Straßen und Kreuzungen der Landeshauptstadt. An Orten, an denen eine Radfahrerin oder ein Radfahrer im Straßenverkehr getötet wurde, erinnern weißlackierte „Geisterfahrräder“ an die Opfer. Eines davon ist Beatrix N. – ein Lkw hat sie beim Rechtsabbiegen übersehen. Für ihre Partnerin Maria Settele ist dieses besondere Gedenken sehr wichtig.

Jeder macht mal einen Fehler. Aber manche Fehler sind so gravierend, dass ein Mensch daran zugrunde geht.

Es ist halb zehn, ein bewölkter Morgen in München im September. Beatrix N., 53, setzt ihren Helm auf und schwingt sich auf ihr Fahrrad. Sieben Gänge, Rücktritt. Ein Zahnarzttermin steht an, keine große Sache. Sie fährt durch einen Grüngürtel auf dem Radweg Richtung Knorrstraße. Aus dem Petueltunnel schießen Autos an ihr vorbei, Fahrzeuge auf dem Weg nach Schwabing, zum Olympiapark oder nach Milbertshofen. Beatrix N. muss weiter geradeaus. An der Knorrstraße steht die Ampel auf Grün. Ein Lastwagen biegt nach rechts ab, und hält an, um einen Fußgänger und einen Rollstuhlfahrer über die Straße zu lassen. Beatrix N. bremst nicht ab. „Sie muss gedacht haben: Der lässt mich auch durch. Ich hab ja grün“, sagt Maria Settele, 56. „Er hätte sie sehen müssen.“

Aber der LKW-Fahrer blickt sich kein zweites Mal um. Er fährt einfach an.

Drei Jahre später steht Maria Settele an der Unfallstelle. Ein Tag wie damals, sagt sie. Nicht warm, nicht sonnig. Der Verkehr strömt stetig. Fahrräder ziehen an ihr vorbei, Autos, Lastwagen; Fußgänger queren die Knorrstraße. Manche Passanten sitzen im Rollstuhl, die Pfennigparade hat in der Nähe eine Außengruppe.

Immer wieder ist Maria Settele in den vergangenen Monaten hierher gekommen, um Blumen hinzulegen oder eine Kerze aufzustellen. Sie erträgt das Rauschen des Verkehrs. Die Bremsgeräusche, das Anfahren. Sie fährt auch selbst wieder Rad. Aber überqueren kann sie die Knorrstraße nicht. Weder zu Fuß, noch mit dem Fahrrad. Zwölf Jahre lang waren sie und Beatrix ein Paar. „Es hätten noch viele Jahre mehr sein können“, sagt sie.

Trauer hat die Zeit seit dem Unfall bestimmt, Schlaflosigkeit, jeder neue Tag erinnert an den Verlust. Maria Settele ist Juristin, ein reflektierter, diskreter Mensch. Sie würde ihr Leid gern für sich behalten, aber sie hat ein Anliegen. Was ihrer Partnerin zugestoßen ist, soll nicht wieder geschehen, sagt sie. Etwas muss sich ändern. „Gefahrenstellen gehören entschärft“, sagt sie.

Darum steht jetzt auf ihren Wunsch hin ein ausrangiertes, weiß lackiertes Fahrrad in der Nähe im Gras, gekettet an eine Laterne. Daran ist ein eingeschweißtes Blatt befestigt mit einem schwarzen Kreuz. „Beatrix, 53 Jahre“, dazu das Todesdatum, der 11. September 2013 und ein kleiner Text von ÖDP und ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad Club) München: „7 Radfahrer und Radfahrerinnen kommen auf Münchens Straßen und Wegen jeden Tag zu Schaden. Dieses Ghostbike erinnert an eine Radlerin, die unweit von hier tödlich verunglückte.“

Maria Settele glaubt: Beatrix hätte das Rad gefallen.

Die Idee, solche Fahrräder da aufzustellen, wo Radler tödlich verunglückten, kommt aus Amerika. Ghostbikes nennt man die Räder, Geisterfahrräder. Es ist ein plakatives Gedenken, das zugleich Mahnung sein will und eine Aufforderung an alle. Seit Mai stehen Ghostbikes in München an der Donnersberger Brücke, am Frankfurter Ring, an den Pasinger Arkaden und an der Balanstraße. Im September kam das Rad, das an Beatrix erinnert, dazu.

Der Anblick der Räder tut weh, wie die Marterl wehtun, die man an Landstraßen sieht. Aber anders als ein Marterl spenden Ghostbikes keinen göttlichen Trost. Die Räder stehen da, still, bleich, sie sollen aufrütteln – und das tun sie. Sogar Andreas Groh vom ADFC München hat noch immer „ein komisches Gefühl“, wenn er ein Ghostbike sieht. Weil er weiß: „Es kann auch mich selbst treffen.“ Laut Verkehrsbericht der Polizei wurden im Jahr 2015 in Bayern 2659 Radfahrer verletzt, fünf davon tödlich.  Eine relativ konstante Zahl. Bundesweit sterben etwa 400 Radfahrer jährlich im Straßenverkehr. Meist liegt die Verantwortung bei den Autofahrern. In einem Viertel der Fälle kollidiert ein Wagen, der rechts abbiegt, mit einem Rad, sagt Andreas Groh. Beide haben Grün. Beide folgen der Ampel. Aber der Größere, Stärkere, übersieht den anderen. „Das erwischt einen einfach“, sagt Groh.

Der ADFC plädiert darum dafür, elektronische Abbiegeassistenzsysteme verpflichtend einzusetzen. Auch die Deutsche Verkehrswacht fordert Fahrzeugindustrie und Flottenbetreiber dazu auf, elektronische Sicherheitssysteme zur Standardausrüstung zu machen. Und der Deutsche Verkehrssicherheitsrat appelliert an Autofahrer, beim Rechtssabbiegen besonders vorsichtig zu sein. Elektronische Abbiegesysteme hätten „ein hohes Potenzial zur Unfallvermeidung“, stellt er fest, erklärt aber, diese seien noch nicht ausgereift. Darum ruft der Verkehrssicherheitsrat die Industrie dazu auf, Abbiegeassistenten weiterzuentwickeln – und verlangt vom Gesetzgeber, solche Systeme baldmöglichst vorzuschreiben.

Neue Lkw-Typen müssen bereits seit drei Jahren mit einem Abstandsradar, einem Notbremssystem und einem Spurhalteassistenten ausgerüstet sein. Aber welcher Logistikunternehmer hat schon eine Flotte, die nur aus Neuwagen besteht? Maria Settele schließt sich der Meinung der Experten an. „Die Technik ist soweit, die Zeit ist reif“, sagt sie. Sie könnte Wut auf den Fahrer verspüren. Ihn hassen für das, was er angerichtet hat. Aber das tut sie nicht. Der LKW-Fahrer habe einen Fehler gemacht, sagt sie, einen „Allerweltsfehler“, jedem könne so ein Fehler unterlaufen. Manchmal denkt sie: „Der Mann wird seines Lebens nicht mehr froh.“

Der Lkw-Fahrer musste nicht einmal vor Gericht

Eine mündliche Verhandlung hätte sie sich allerdings gewünscht – für ihn, nicht für sich selbst. Stattdessen, erzählt sie, bekam der Fahrer nur einen Brief zugeschickt mit einer Geldstrafe wegen fahrlässiger Tötung. So habe man die Sache abgekürzt und banalisiert – und dem Mann die Möglichkeit genommen, öffentlich zu seiner Unaufmerksamkeit zu stehen. „In seiner Haut möchte ich nicht stecken“, sagt Maria Settele.

Den Fußgängerübergang an der Knorrstraße hat man inzwischen rot anmalen lassen, damit ihn Rechtsabbieger besser sehen. Ja, der Verkehr muss fließen. Ja, es soll keine Rückstaus geben. Maria Settele weiß das. Aber sie fragt sich zum Beispiel, warum nicht alle Fußgängerübergänge rot angemalt werden, zur Sicherheit. Und ob nicht jeder Unfall, der geschieht, Anlass für die Stadt sein sollte, eine Strecke noch mal neu zu überdenken – und im Zweifel für das Wohl der schwächsten Verkehrsteilnehmer zu entscheiden, nicht für den schnellen Verkehrsfluss. „Es wird immer Unfälle geben“, sagt sie, „aber es geht darum, die Zahl auf ein Minimum zu reduzieren.“

Vor wenigen Wochen ist wieder eine Radfahrerin in München verunglückt. An der Triebstraße, Ecke Lasallestraße. Auch dort bog ein Lkw nach rechts ab. In ein paar Monaten will der ADFC für das dreißigjährige Opfer ein Ghostbike aufstellen. Vielleicht melden sich die Angehörigen auch selbst und bitten um ein weißes Fahrrad, wie Maria Settele. Sie wird noch oft in die Knorrstraße kommen und nach dem Rad sehen, obwohl sie längst in einen anderen Stadtteil gezogen ist. Es soll in einem guten Zustand sein, und das ist es auch. Seit das Ghostbike da ist, stehen da immer mal Blümchen und Kerzen, die Maria Settele selbst nicht hingestellt hat. „Die Leute, die sie kannten, sagen hallo – das finde ich schön.“ (Monika Goetsch)

Foto (Goetsch): „7 Radfahrer und Radfahrerinnen kommen auf Münchens Straßen und Wegen jeden Tag zu Schaden“, steht auf dem Zettel am Radl.

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