Politik

Wenn die Rente nicht zum Leben reicht: Viele Frauen stocken mit einem Minijob auf. (Foto: dpa)

06.03.2015

Armutsrisiko Teilzeit- und Minijob

80 Prozent der Neurentnerinnen in Bayern kriegen weniger als 973 Euro Rente – das wollen alle ändern, streiten aber über das Wie

Gerade einmal 535 Euro beträgt die Durchschnittsrente von Frauen in Bayern. „Und mit über 80 Prozent bleibt die Mehrheit der Neurentnerinnen in Bayern unter der Armutsgefährdungsschwelle von 973 Euro“, klagt Verena Di Pasquale, Vize-Vorsitzende des DGB Bayern. Zum Leben reicht das oft nicht. Im Freistaat stockten 2014 knapp 80 000 Frauen über 65 Jahren mit einem Minijob ihre Rente auf, bei den über 75-Jährigen waren es noch mehr als 14 000 Frauen, kritisiert Simone Strohmayr, Fraktions-Vize und frauenpolitische Sprecherin der Landtags-SPD.
Nahezu die Hälfte aller Beschäftigten im Freistaat ist mittlerweile weiblich. Bittere Wahrheit ist aber: Im Schnitt verdienen Frauen in Bayern 25 Prozent weniger als Männer. Und obwohl die Zahl der arbeitenden Frauen seit dem Jahr 2000 um 20 Prozent gestiegen ist, arbeiten heute weniger Frauen in Vollzeit als noch vor 14 Jahren. Waren 2000 noch 1,37 Millionen Frauen in Vollzeit angestellt, sind es heute nur noch knapp 1,27 Millionen (Juni 2014). Fast jede zweite erwerbstätige Frau im Freistaat (45 Prozent) hat einen Teilzeitjob, jede dritte (19,4 Prozent) geht ausschließlich einer geringfügig entlohnten Beschäftigung nach. Insgesamt 1,5 Millionen Frauen arbeiten Teilzeit oder im Minijob. Die traurige Konsequenz: Die Problematik einer Armutsgefährdung trotz Erwerbstätigkeit verschärft sich für Frauen im Alter. „Statt Minijobs brauchen wir abgesicherte und sozialversicherte Beschäftigte“, fordert Di Pasquale ebenso wie eine gleichberechtigte Bezahlung und Teilhabe am Erwerbsleben.

Ehegattensplitting und Betreuungsgeld begünstigen das Alleinverdiener-Modell

„Teilzeitarbeit als Sackgasse“ – auch im bayerischen Sozialministerium sieht man darin ein Problem. „Frauen auf ein einziges Lebensmodell zu trimmen – auf das der vollzeiterwerbsfähigen Frau“ – ginge an der Lebenswirklichkeit und den Wünschen vieler Frauen vorbei, heißt es aus dem Haus von Ministerin Emilia Müller. Annähernd drei Viertel der teilzeitbeschäftigten Frauen würden auf eigenen Wunsch nicht in Vollzeit arbeiten, betont auch Kerstin Schreyer-Stäblein, Fraktions-Vize der CSU. „Diese Wahlfreiheit wollen wir auch künftig nicht einschränken.“
Das will auch die Opposition nicht. „Es ist aber höchste Zeit, die traditionellen Rollenbilder aufzubrechen, damit Frauen gleichermaßen am Arbeits- und Familienleben teilnehmen können“, sagt Simone Strohmayr (SPD). Ihr gefällt die Idee von Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD), jungen Familien eine staatlich unterstützte 32-Stunden-Woche zu ermöglichen, damit sich Mütter und Väter gleichermaßen um Job und Familie kümmern können. Auch Eva Gottstein (FW) sieht die Ursache der Altersarmut bei Frauen vor allem in „einem Systemfehler unseres Alterssicherungs- und Steuersystems“, das sich – trotz Mütterrente – noch immer zu sehr an einer Normalerwerbsbiografie orientiere. Sie fordert eine stärkere Anerkennung von Erziehungs- und Pflegezeiten. Das unterstützt auch Kerstin Celina (Grüne), die sich aber etwas mehr „Kreativität“ bei dem Thema wünscht. „Dass in Familien beide Eltern Vollzeit arbeiten, kann nicht die Lösung sein“, sagt sie. „Dass aber beide sich die Arbeitszeit, den Verdienst und die Rentenansprüche teilen, dagegen schon.“
Sozialministerium und Schreyer-Stäblein setzen lieber auf eine  Förderung gezielter Wiedereinstiegsprogramme für Mütter in den Beruf und eine erleichterte Rückkehr zur früheren Arbeitszeit vor einer Teilzeitbeschäftigung. Der Ausbau der Ganztagsangebote an Kitas und Schulen steht ebenfalls auf dem Programm. Damit Vollzeittätigkeit überhaupt möglich ist, so Schreyer-Stäblein. „Wenn sie denn gewünscht ist.“
Wenn sie gewünscht wird, dann aber eher weniger aufgrund der CSU-Familienpolitik. Negativ-Anreize wie Ehegattensplitting oder Betreuungsgeld jedenfalls begünstigen das Alleinverdiener-Modell – und damit auch die Altersarmut von Frauen. (Angelika Kahl)

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Kommentare (1)

  1. Roland am 10.03.2015
    Und da kommt die Politik
    erst jetzt drauf?

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