Politik

Die Oberschicht im fernen Osten sehnt sich nach Luxuskarossen aus Bayern. Foto: Getty

30.09.2011

Audis brausen durch das Reich der Mitte

Die Exporte der bayerischen Auto- und Maschinenbauer nach Russland, Indien und China legen rasant zu

Es waren großartige Nachrichten, die Friedrich Eichiner den versammelten Journalisten jüngst diktieren durfte: „Die Fabriken laufen voll am Anschlag“, erklärte der BMW-Finanzchef. Kein Wunder: Schließlich legte der Absatz des Branchenprimus im August um knapp 7,5 Prozent auf rund 110 900 Verkäufe zu und erreichte damit ein neues Allzeithoch für einen Sommermonat. Für das Gesamtjahr peilt der Konzern einen Rekordabsatz von mehr als 1,6 Millionen Wagen an.
Den Grund für die trotz Euro-Krise exzellent laufenden Geschäfte hat der bayerische Manager ebenfalls schon ausgemacht: die steigende Nachfrage nach Nobelkarossen in den Schwellenländern. Vor allem in den sogenannten BRIC-Staaten, zu denen neben Brasilien, Russland und Indien auch China gehört, ist die wachsende Ober- und Mittelschicht hungrig nach Statussymbolen made in Bavaria. Allein in China verkaufte BMW im August rund 18 500 Autos. Zum Vergleich: In Deutschland waren es mit 23 200 Fahrzeugen im gleichen Monat nur wenig mehr.
Und auch der andere große bayerische Autobauer legte massiv auf den BRIC-Märkten zu: So verkaufte Audi in Russland von Januar bis August dieses Jahres 36 Prozent mehr Neuwagen als im Vorjahreszeitraum. In China wuchs die Marke mit den vier Ringen ebenfalls kräftig: Die Ingolstädter setzten dort mit 28 100 Autos gut ein Viertel mehr Luxusschlitten ab als im selben Zeitraum des Boomjahres 2010. Damit war der Audi-Absatz in der Einparteien-Diktatur fast dreimal so hoch wie in den USA.

DGB warnt vor Gefahren des Exportbooms


Bei den Maschinen- und Kraftwerksbauern laufen die Geschäfte in den Schwellenländern ebenfalls gut. Im ersten Halbjahr 2011 stiegen die Exporte aller bayerischen Unternehmen nach Brasilien, Russland, Indien und China gegenüber dem Vorjahreszeitraum um mehr als ein Drittel, die gesamten Exporte legten dagegen nur um 5,8 Prozent zu. Damit erhöhte sich der Anteil der BRIC-Staaten an allen Ausfuhren auf 14,3 Prozent. Im Gesamtjahr 2010 hatte er noch bei 11, 4 Prozent gelegen.
8 Prozent aller bayerischen Exporte gingen im vergangenen Jahr nach China – Tendenz steigend. Damit ist das Reich der Mitte nach den USA und Österreich der drittgrößte Absatzmarkt für Produkte aus dem Freistaat. „Die BRIC-Staaten sind für Bayern ein stark wachsender Absatzmarkt“, sagt Bertram Brossardt, Chef der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft. Er geht von einem sich weiter beschleunigenden Wachstum aus. „Die bayerische Industrie kann ihre Stärke beispielsweise im Fahrzeugbau, im Maschinen- und Anlagenbau oder bei der Infrastruktur hervorragend einbringen, da der Bedarf in den BRIC-Staaten genau hier sehr hoch ist.“
Nicht nur Maos Erben importieren gerne bayerische Produkte: Jeder 50. Export aus dem Freistaat geht nach Russland. Und auch Brasilien und Indien verzeichnen hohe Zuwachsraten – allerdings auf etwas niedrigerem Niveau. Noch spielen deshalb europäische Länder wie Tschechien oder Großbritannien als Exportziele eine bedeutendere Rolle.
Doch aufgrund der Rezession in Südeuropa, die auch die bayerischen Maschinen- und Autobauer spüren, und der Dauerstagnation in den Vereinigten Staaten steigt die Bedeutung der BRIC-Länder für den Außenhandel kontinuierlich an. So soll Chinas Bruttoinlandsprodukt Prognosen zufolge im kommenden Jahr beinahe zweistellig zulegen, während Europa wohl ein Null-Wachstum verzeichnen wird. Fast die Hälfte des weltweiten Wirtschaftszuwachses geht derzeit auf die BRIC-Staaten zurück.
Das weiß auch Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP): „Die BRIC-Staaten haben einen riesigen Nachholbedarf auf den Gebieten Infrastruktur, Ausrüstungen, Anlagen, Technologien und Konsum.“ Seit vielen Jahren seien diese vier Länder deshalb „Kernziel der außenwirtschaftlichen Aktivitäten des Freistaats“. Im Rahmen von sechs Delegations- und Unternehmerreisen werde die Politik 2012 dort wieder eine „Türöffnerfunktion“ übernehmen.
Das Lob des FDP-Manns für die Arbeit seiner Vorgänger freut auch Ex-Wirtschaftsminister Erwin Huber: „Bereits zu Zeiten von Otto Wiesheu haben wir hier die richtigen Weichen gestellt“, so der Christsoziale. Er sieht vor allem in China großes Potenzial. In Brasilien und Russland gebe es dagegen nach wie vor Probleme mit der „überbordenden Bürokratie“.
Warnende Worte kommen von Bayerns DGB-Chef Matthias Jena: „Die starke Exportorientierung erhöht die Anfälligkeit Bayerns, wenn es mit der Weltwirtschaft bergab gehen sollte.“ Deshalb sei es wichtig, die Exportabhängigkeit zu verringern und den Binnenmarkt zu stärken.
Gute Nachrichten gibt es derweil bei BMW: Zwar will der Autobauer künftig deutlich mehr in China investieren, doch auch in Deutschland sollen noch dieses Jahr 1800 neue Stellen entstehen. (Tobias Lill)

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