Politik

Radikalisierung ist kein Ausländerphänomen – auch Bayern aus Akademikerfamilien sind betroffen. (Foto dpa)

06.06.2014

Bayerische Dschihadisten

Die Beratungsstelle Radikalisierung berät Angehörige von Fundamentalisten – viele von ihnen kommen aus dem Freistaat

Karim (Name geändert) war ein normaler 19-Jähriger, ging regelmäßig zur Schule und hatte eine Freundin. Doch eines Abends offenbarte er seiner Mutter: „Wenn Allah es befehlt, werde ich auch dich umbringen.“ Die alleinerziehende Mutter arbeitete Vollzeit und hatte nicht bemerkt, dass ihr Sohn seine Freundin längst verlassen hatte, mit Hasspredigern in Kontakt stand und sich mit Kampfsport auf seine Reise nach Syrien vorbereitete. In ihrer Verzweiflung wandte sie sich an die Beratungsstelle Radikalisierung beim Nürnberger Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

Die Behörde hat seit Anfang 2012 bereits 250 Familien beraten – davon 30 aus Bayern. Ob sie durch ihre Arbeit auch einen Attentäter wie den mutmaßlichen Dschihadisten im jüdischen Museum in Brüssel hätte stoppen können, vermag der Referatsleiter der Beratungsstelle, Patrick Schmidtke, zwar nicht zu sagen. „Wir hätten ihm aber auf jeden Fall Alternativen bieten können“, versichert er im Gespräch mit der BSZ. In erster Linie sei die Beratungsstelle so organisiert, dass nicht den rund 1000 gewaltbereiten Salafisten in Deutschland, sondern deren Eltern geholfen wird. Diese sollen dann auf die Jugendlichen einwirken und eine Ausreise nach Syrien verhindern.

Die Idee, eine solche Stelle einzurichten, wurde in Sicherheitskreisen schon 2009 diskutiert. Den Ausschlag dafür gab aber erst eine andere Mutter, die der damalige Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) im Juni 2011 am Rande eines Präventionsgipfels von Politikern und Muslimen traf. Seit dem ihr Sohn in die Bergregion Waziristan in Pakistan ausgereist war, wusste sie nicht mehr weiter. Dies war für den Minister Anlass, die Beratungsstelle beim BAMF bereits ein halbes Jahr später zu eröffnen. Doch nicht nur Eltern melden sich bei der Behörden-Hotline.

Weitere Anrufer sind besorgte Geschwister, Großeltern, Partner, Freunde, Sporttrainer oder Lehrer. Die Mitarbeiter der Beratungsstelle versuchen anschließend den Grad der Radikalisierung festzustellen. Denn in manchen Fällen handelt es sich laut Schmidtke nur um eine strenge Auslegung des Islams: „Eine Familie christlichen Glaubens könnte es schon als fundamentalistisch ansehen, wenn ihr Sohn plötzlich zweimal am Tag zum Beten in die Moschee geht.“ Dennoch ständen die Anrufer unter einem hohen Leidensdruck, und seine Kollegen würden nicht selten zu Telefonseelsorgern.

Lässt sich im persönlichen Gespräch eine ideologische Verblendung feststellen, wird ein Treffen mit einem der vier zivilgesellschaftlichen Partner in Hamburg, Berlin oder Bochum hergestellt. Für den süddeutschen Raum ist das Violence Prevention Network in Aschaffenburg zuständig. Alle haben viel Erfahrung im Bereich der Extremismusbekämpfung oder bei der Resozialisierung von Jugendlichen. Sie versuchen dann die gestörte Kommunikation innerhalb der Familie zu kitten. „Wenn genug Argumente vorhanden sind, kann die Hilfe schon nach zwei Treffen beendet werden“, erklärt Schmidtke. „In manchen Fällen sind aber auch zwölf Treffen oder mehr nötig, und die Beratung dauert bis zu eineinhalb Jahren.“

Selbst wenn sich Kinder dem radikalen Spektrum zugewendet haben, glauben Schmidtke und seine Mitarbeiter ihnen mit Hilfe des so genannten affektiven Ansatzes helfen zu können. „Solange sich ein Angehöriger bei uns meldet, ist noch ein familiäres Band vorhanden“, erläutert der Referatsleiter. Anschließend müssten die Jugendlichen dazu gebracht werden, ihre Einstellung zu hinterfragen. „Daher ist es wichtig, religiöse Diskussionen nicht ohne ausreichende Sachkenntnis anzufangen.“ Außerdem müssten Angehörige Verständnis aufbringen und die jungen Erwachsenen ernst nehmen. „Aus der Szene herausziehen müssen sie sich aber schlussendlich selbst.“

Betroffene sind keineswegs nur Muslime: „Wir haben es hier nicht mit einem Ausländerphänomen zu tun“, unterstreicht Schmidtke unter Berufung auf eine interne Statistik. Unter den Radikalen seien ebenso deutsche Konvertiten aus Akademikerfamilien – davon 70 Prozent Männer.

Eine der Hauptursachen für eine veränderte Weltanschauung bei Jugendlichen sieht Schmidtke in dem großen Einfluss der Salafistenprediger wie zum Beispiel Pierre Vogel. „Soziale Medien ermöglichen es ihm, seine Botschaften schnell und zielgruppengenau zu platzieren“, so der Referatsleiter. Außerdem spielten Abenteuerlust, Autoritätsprobleme und Diskriminierung in diesem Zusammenhang immer wieder eine große Rolle. Nicht zuletzt befänden sich junge Menschen im Alter zwischen 18 und 24 Jahren häufig in einer Lebenskrise, weshalb sie besonders anfällig für salafistische Strömungen seien.

Die Ansiedlung der Beratungsstelle beim BAMF ist für Schmidtke von großer Bedeutung. „Wir sind keine Sicherheits-, sondern eine Integrationsbehörde“, unterstreicht er. Es sei doch viel besser, bei ihm als beim Verfassungsschutz anzurufen. Trotz der durchschnittlich drei bis vier Beratungsfälle pro Woche reichen Schmidtke seine drei Mitarbeiter. „Nur unsere vom Bundesinnenministerium bezahlten Partner sind an ihren Kapazitätsgrenzen“, warnt er.

Ungeachtet ihres Erfolgs ist die Beratungsstelle bisher noch einmalig in Europa. Allerdings ist das Interesse ausländischer Medien an dem deutschen Projekt enorm. Immerhin: Frankreich hat kürzlich damit begonnen, ein entsprechendes Beratungsangebot für Angehörige gefährdeter Jugendlicher aufzubauen. „Manchmal frage ich mich auch“, meint Schmidtke achselzuckend, „warum ausgerechnet Deutschland als erstes auf die Idee gekommen ist.“ (David Lohmann)

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Kommentare (1)

  1. Gerd Buchholz am 18.01.2015
    ...wir sollten nicht vergessen, das es in den islamischen Staaten schon Kultur
    in den meisten Bereichen, wie Architektur und auch Medizin gab, als wir noch in Höhlen
    herumgekrochen sind.
    Lasst endlich den Islam in Ruhe und hört auf, ihre Länder auszuplündern, ihr engstirnigen,
    korrupten und aufgeblasenen Politiker dieser Welt.
    Denn es wird sich erweisen, daß diejenigen, welche den Krieg in die islamischen Länder getragen
    haben, dieser nun zu ihnen zurückkehren wird.
    "Allah wird alle ungläubigen von der Erde hinwegfegen"

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