Politik

19.03.2010

Busunternehmer als Gewinner

Was bringt die geplante Mittelschule?

Bereits zum kommenden Schuljahr soll in Bayern die Mittelschule an den Start gehen. Das hat Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) jetzt angekündigt. Mit wie vielen Schulen? „Konkrete Zahlen können noch nicht genannt werden“, räumt das Kultusministerium ein. Kein Wunder, der Gesetzentwurf befindet sich noch in der Verbandsanhörung; vor der Sommerpause soll der Landtag abstimmen. Deshalb empfindet der Vorsitzende des Bildungsausschusses Hans-Ulrich Pfaffmann (SPD) Spaenles Vorpreschen als Affront: „Das ist eine Missachtung von Parlament und Verbänden.“ Kommende Woche werden SPD und Freie Wähler im Landtagsplenum zwei Anträge stellen, um den Gesetzentwurf der Staatsregierung zu stoppen respektive zu korrigieren. Sogar der Koalitionspartner FDP sieht ähnlich wie der bayerische Lehrer- und Lehrerinnen Verband (BLLV) die geplante Mittelschule skeptisch. Während Politiker und Interessenvertreter streiten, weiß manch potenzieller Mittelschüler nicht, worum es geht. Um einen neuen Schultypus handelt es sich laut Ministerium nicht. Als Weiterentwicklung der Haupt- will man die Mittelschule verstanden wissen. Um dem demografischen Wandel vor allem im ländlichen Raum entgegenzuwirken, sollen mehrere Hauptschulen zu Schulverbünden fusionieren. Auf diesem Weg hofft man den Schultypus vor dem Aus zu bewahren: Derzeit gibt es rund 230 000 Hauptschüler im Freistaat, in zehn Jahren sollen es nur noch 180 000 sein. Um „Mittelschule“ zu werden, sind unter anderem diese Voraussetzungen zu erfüllen: Die berufsorientierenden Zweige Technik, Wirtschaft und Soziales müssen ebenso angeboten werden wie ein Ganztagsbetrieb, individuelle Förderung und Kooperationen mit Berufsschulen und Wirtschaft. Außerdem will man einen „realschulnahen mittleren Abschluss“ anbieten. Wie aus Theorie Praxis werden kann, hat man in 62 Dialogforen erörtert: Bürgermeister, Lehrer, kommunale Spitzenverbände und Schulämter waren beteiligt. Die Resonanz aus diesen Zirkeln sei „sehr positiv, das Mitspracherecht sämtlicher Beteiligten wird im Allgemeinen sehr befürwortet“, heißt es aus dem Kultusministerium. Auch Georg Eisenreich, schulpolitischer Sprecher der CSU hat festgestellt: „Die Chancen des Konzepts werden gesehen.“ Vom Gegenteil berichtet indes die Opposition: Forenteilnehmer beklagen laut Thomas Gehring, schulpolitischer Sprecher der Grünen, mangelnde Gestaltungsmöglichkeiten. Die Vorschläge der Schulämter dominierten und widersprächen Vorgaben des Ministeriums. Gehring: „Das Ministerium gibt keine Mindestschülerzahl vor, die Schulämter aber pochen auf 500 bis 600 pro Verbund.“ Somit seien „Verteilungkämpfe“ gewiss, bei denen kleinere Schulen verlören. Gehring plädiert mittelfristig für „richtige Realschulabschlüsse an Hauptschulen“ und langfristig für die Gesamtschule. Am gegliederten System wollen die Freien Wähler nicht rütteln, vermissen aber im Mittelschule-Konzept den pädagogischen Ansatz: „Die Schulverbünde sind viel zu groß“, beklagt die schulpolitische Sprecherin Eva Gottstein. Sie plädiert für auf die jeweilige Region abgestimmte Konzepte mit kleineren Klassen. Auch die mitregierende FDP hat ein gespaltenes Verhältnis zur Reform: „Ich begrüße die Mittelschule als Ergänzung, um die wohnortnahe Schule zu erhalten“, sagt die schulpolitische Sprecherin Renate Will. Allerdings hätte sie Kooperationmodelle favorisiert: Real- und Hauptschulzweig unter einem Dach. Viele Praktiker, die an den Dialogforen teilgenommen haben, erkennen keine Zukunft für die Mittelschule: Dieter Gewies, ehemaliger Hauptschullehrer und grüner Bürgermeister der niederbayerischen Gemeinde Furth, sieht sie als Übergangslösung für „ fünf Jahre“. Diese Meinung vertrete nicht nur er, sondern auch viele seiner Bürgermeisterkollegen von der CSU. Manche halten ohnehin die Busunternehmen für die wahren Gewinner der geplanten Reform. Zu ihnen zählt Klaus Wenzel, Vorsitzender des BLLV. Er befürchtet, dass die Schüler innerhalb eines Verbunds von Schule zu Schule fahren müssen, weil nicht jede das ganze Angebot gewährleisten könne. Wenzel glaubt, dass sich die Reform in Regionen wie München, auszahlen wird; in kleineren Regionen wie dem Landkreis Freyung-Grafenau dagegen nicht. Trotz divergierender Meinungen scheinen sich sämtliche Seiten in einem einig zu sein: das Sterben der Hauptschulen ist nicht aufzuhalten . In allen Konzepten finden sich nämlich Sätze wie: „Um so lange wie möglich so viele Hauptschulen wie möglich zu erhalten.“

(Alexandra Kournioti)

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