Politik

Die Bundeswehr leidet unter Personalmangel – nun will man auch verstärkt junge Frauen für die Truppen begeistern. (Fot: dpa)

14.03.2014

"Der größte Umbruch in der Geschichte der Truppe"

Gerhard Stärk, Landesvorsitzender des Bundeswehrverbands, über die familienfreundliche Armee, die von Guttenberg initiierten Reformen und das Image der Truppe

BSZ: Herr Stärk, Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen will die Bundeswehr familienfreundlicher machen. Rennen Ihnen die Frauen jetzt die Bude ein?
STÄRK: Bislang hat sich noch nichts getan. Aber es geht vorrangig um bessere Bedingungen für alle – für Männer und Frauen.


BSZ: Laut einer Umfrage glauben 50 Prozent der Männer in der Bundeswehr, dass die Truppe mit Frauen schlechter wird – Sie auch?
STÄRK: Dem widerspreche ich, in vielen Bereichen gibt es seit Jahren Frauen in der Bundeswehr. Beim Sanitätsdienst liegt er über 50 Prozent. Insgesamt liegt der Frauenanteil mit 10 Prozent aber noch hinter den Erwartungen zurück. In einem Kampfpanzer, der eine sehr hohe körperliche Belastung mit sich bringt, könnte man darüber reden, ob der Einsatz von Frauen Sinn macht. Aber grundsätzlich sind alle Laufbahnen für Frauen offen. Und das alles spielt sich auch nach und nach gut ein.


BSZ: Wie soll Familienfreundlichkeit in der Truppe umgesetzt werden? Teilzeit- oder Home-Office-Soldaten kann es wohl kaum geben.
STÄRK: In Teilbereichen geht das natürlich – bei den so genannten Schreibtischtätern im Innendienst. Es gibt bei der Bundeswehr alleinerziehende Frauen und Männer, die benötigen Kindergartenplätze, die über die regulären Zeiten hinaus die Kinder betreuen. In dem Bereich tut sich langsam etwas. An der Bundeswehruniversität in Neubiberg gibt es seit dem Herbst 2013 einen eigenen Kindergarten. Teilzeit und Home Office nehmen zu. Der träge Apparat der Bundeswehr tut sich hier allerdings allgemein etwas schwer. Die Bundeswehr aber muss ein attraktiver Arbeitgeber werden, um gute Köpfe zu bekommen.

"Die Reform ist mit ganz persönlichen Schicksalen verbunden"


BSZ: Mit der Attraktivität als Arbeitgeber scheint es nicht weit her. 2013 gab es so viele Beschwerden von Bundeswehrangehörigen wie noch nie. Warum?
STÄRK: Es findet gerade der größte Umbruch in der Geschichte der Bundeswehr statt. Da herrscht natürlich nicht überall Zufriedenheit. Wenn Standorte aufgelöst werden, sind damit ganz persönliche Schicksale verbunden. Oft muss sich eine ganze Familie komplett neu orientieren. Es gibt auch viele Beschwerden zur Beihilfeproblematik.


BSZ: War die Guttenberg-Reform ein Schnellschuss?
STÄRK: Die Anzahl der Beschäftigten geht immer weiter zurück. Das, was hier passiert, ist eine Reparatur am laufenden Motor. Was unter Guttenberg beschlossen wurde, musste de Maizière aber fortführen. 

BSZ: Finden Sie von der Leyens Vorschlag richtig, dass die Bundeswehr mehr Auslandseinsätze machen soll?
STÄRK: Man sollte der Bundeswehr jetzt erst einmal die Zeit geben, innerbetrieblich etwas zur Ruhe zu kommen. Dass die Bundeswehr innerhalb der NATO etwas an Ansehen verloren hat, liegt auch nicht an ihr, sondern an der Politik insgesamt. Sie müsste der Bundeswehr die Möglichkeiten und die Ressourcen geben, das umzusetzen, was sie vorgibt. Wir sind seit vielen Jahren in Afghanistan, das hat viel Geld gekostet. Und 53 deutsche Soldaten haben ihr Leben dort gelassen. Und dennoch besteht die große Gefahr, dass am Ende das Ganze als gescheitert angesehen werden muss. Es wird spannend, was ab Herbst 2014 noch passiert.


BSZ: Was hätte die Politik besser machen müssen?
STÄRK: Das Engagement darf nicht nur von Seiten des Verteidigungsministeriums erfolgen. Es müssen auch Wirtschafts- und Entwicklungsministerium sowie Auswärtiges Amt eingebunden sein. Und wir fordern seit Langem, dass das Thema zur Chefsache erklärt wird – doch bis heute ist es unserem Empfinden nach noch nicht als Gesamtpaket auf dem Tisch der Kanzlerin gelandet.


BSZ: Ärgert Sie das Euro-Hawk-Debakel? Von der Leyen will jetzt bei der Rüstungsbeschaffung aufräumen.
STÄRK: Das wird für uns vor allem ein Problem, wenn es um den besseren Schutz von Kameraden geht und nichts passiert. Splitterschutzwesten sind hier ein Beispiel. Außerdem tragen die Soldaten Sommer wie Winter die gleichen Stiefel. Und unsere Hubschrauber in Afghanistan sind älter als ihre Piloten. Den Hubschrauber NH90, der 1990 entwickelt wurde, gibt es bis heute nicht. Ohne die Amerikaner in Afghanistan wäre Deutschland in der Rettungskette – beim Ausfliegen verwundeter Soldaten – längst am Boden.


BSZ:
Laut einer Umfrage Ihres eigenen Verbandes würden rund 90 Prozent der Soldaten ihren Kindern nicht raten, zur Bundeswehr zu gehen. Haben Sie Ihren Kindern auch abgeraten?
STÄRK: Mein Sohn wollte Hubschrauberpilot werden und hat mich gefragt, ob er das machen solle. Ich habe ihm einfach die Wahrheit gesagt, ihm erklärt, wie die Situation ist. Entscheiden musste er dann selbst. Am Ende ist er nicht zur Bundeswehr gegangen.

Stabsfeldwebel a.D. Gerhard Stärk (57) leitet seit 2006 den Landesverband Süddeutschland des Bundeswehrverbands.     
(Interview: Angelika Kahl)

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