Politik

Elke Benning-Rohnke hat eine eigene Unternehmensberatung. Zu ihr kommen auch viele junge Frauen. (Foto: BSZ)

02.04.2015

"Der Staat muss im eigenen Bereich Vorbild sein"

Unternehmensberaterin und Ex-Wella-Vorstand Elke Benning-Rohnke über die Frauenquote, den eingeschränkten Blick von Männern und ihren eigenen Weg an die Konzernspitze

In nur zwölf Jahren Konzernkarriere schaffte sie es in den Vorstand eines MDAX-Konzerns. Die 56-Jährige gründete das Netzwerk „Great Women in Business“ und engagiert sich bei FidAR – Initiative für mehr Frauen in die Aufsichtsräte – für mehr Gleichberechtigung in der Wirtschaft. Benning-Rohnke: „Dass wir endlich ein Gesetz zur Frauenquote haben, werte ich auch als Ergebnis unserer parteiübergreifenden Arbeit.“

BSZ: Frau Benning-Rohnke, hatten Sie schon immer die Idee, die Karriereleiter nach ganz oben zu klettern?
Benning-Rohnke: Ich hatte schon immer Ziele, die waren aber nicht karriereorientiert. Als Kind hatte ich eine klare Vorstellung, wie ich gerne leben wollte. Ich wollte ein Pferd, eine Perlenkette und eine schöne Wohnung. Damals hatte ich mir ausgerechnet, dass ich dafür 5000 Mark Einkommen brauche. Die Vorstellung eines bestimmten Lebensstils und Lebenssinns haben mich immer mehr geleitet als klassische Aufstiegsdenke.

Ich wusste sofort, dass ich zu den Besten gehören musste

BSZ: Sie haben Psychologie studiert. Das klingt erst einmal nicht nach Topmanagement.
Benning-Rohnke: Mein Interesse ging schnell in Richtung Marketing. Da ich zum „falschen Studium“ auch noch den Nachteil „falsches Geschlecht“ hatte, wusste ich sofort, dass ich zu den Besten gehören musste. Und ich hatte das Glück, bei Procter & Gamble angenommen zu werden. Gender-Diskussionen waren dort schon in den 1980er-Jahren überkommen. Frauenförderprogramme überflüssig, die Leistung zählte. Der Mehrwert für das Unternehmen war die Richtschnur für Beförderungen. Im Rückblick muss ich sagen: Hätte ich nicht bei einem so fortschrittlichen amerikanischen Konzern angefangen, wäre mein Lebensweg so nicht möglich gewesen.

BSZ: Aber stellt sich nicht auch in einem amerikanischen Konzern die schwierige Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf? Sie haben zwei Kinder.
Benning-Rohnke: Als unser erster Sohn geboren war, haben mein Mann und ich in Kanada gearbeitet. Dort machten wir eine für unser weiteres Familienleben sehr prägende Erfahrung, nämlich dass es andernorts sehr wohl üblich ist, dass Mütter und Väter sich gleichberechtigt um Familienangelegenheiten kümmern und gleichzeitig ihre beruflichen Ambitionen verfolgen. In Deutschland halten wir noch sehr an traditionellen Rollenbildern fest, und die Politik fördert das männliche Ernährermodell mit Steuergeschenken wie Ehegattensplitting und der kostenlosen Krankenversicherung des nicht berufstätigen Partners.

BSZ: Sie haben lange für eine Frauenquote gekämpft. Was sagen Sie Frauen, die kritisieren, dass sie nicht aufgrund der Quote, sondern ihrer Leistung einen Spitzenposten wollen?
Benning-Rohnke: Auf eine Position zu kommen – aus welchen Gründen auch immer –  ist doch nur der Anfang. Eine Frau muss sich dort dann mit Leistung beweisen. Und Frau Merkel wurde, als sie noch „Kohls Mädchen“ war, sogar als Doppelquotenfrau beschimpft. Heute ist sie aufgrund ihrer Persönlichkeit und ihrer Leistungen eine der einflussreichsten Frauen der Welt und hoch anerkannt.

Man findet, wen man sucht - qualifizierte Frauen für Spitzenpositionen jedenfalls gibt es reichlich

BSZ: Männer müssen mit der Quote gezwungen werden, Frauen eine Chance zu geben?
Benning-Rohnke: Unternehmen investieren viel in Mentoring, Qualifikation und das Dauerthema Vereinbarkeit von Familie und Beruf, um Frauen nach vorne zu bringen. Fragt man aber die Frauen und schaut in die wissenschaftlichen Studien, so sind es die Mentalitätsmuster in den männlich dominierten Unternehmen, die den Aufstieg behindern. Da setzt die Quote einen Impuls, bestehende Auswahl- und Beurteilungsverfahren zu überprüfen. In der Diskussion um die Quote für Aufsichtsräte hieß es bis vor Kurzem oft: „Die Quote lehnen wir ab, die Arbeit in den Gremien wird dadurch nicht besser, und geeignete Frauen gibt es sowieso nicht.“ Nun aber höre ich von den Listen mit sehr qualifizierten Frauen, die dieselben Aufsichtsratsvorsitzenden gefunden haben. Das heißt: Man findet, wen man sucht. Die Quote rückt die guten Frauen in den Blick, die vorher übersehen wurden.

BSZ: Reicht denn eine Quote in den Aufsichtsräten, was ist mit anderen Unternehmensbereichen?
Benning-Rohnke: Wir sprechen hier über etwas mehr als 100 Unternehmen und etwa 180 Frauen, die bis 2020 in die Aufsichtsräte nachrücken werden. Und das Gesetz der Bundesregierung ist mit Absicht weiter gefasst. Etwa 3500 Unternehmen stehen nun in der Pflicht, selbstgesetzte Ziele für ihren Aufsichtsrat, Vorstand und die oberen Führungspositionen zu formulieren und zu veröffentlichen. Gleichberechtigte Teilhabe von Frauen in der Wirtschaft ist nicht der Druck auf ein Knöpfchen, sondern der Weg, Voraussetzungen für diese Teilhabe zu schaffen.

BSZ: Was fordern Sie von den Unternehmen konkret?
Benning-Rohnke: Sie müssen an Auswahl- und Beförderungsprozessen arbeiten. Stereotype und Vorurteile dürfen in der Beurteilung von Frauen keinen Platz haben. Dass Frauen nicht oben ankommen, ist ja selten die böse Absicht einzelner. Aber gleiches Verhalten wird bei Frauen oft anders bewertet als bei Männern. Und in Gruppen werden Erfolge eher den Männern zugeschrieben.

Auch die Frauen müssen ihre Einstellung überprüfen

BSZ: Welche Aufgabe kommt den Frauen selbst dabei zu?
Benning-Rohnke: Auch sie müssen ihre Einstellung überprüfen. Gleichstellungsbehandlung im Unternehmen setzt Gleichstellungsverhandlung im Privaten voraus – falls nicht natürlich gegeben. Unabdingbar für den beruflichen Aufstieg ist zudem Klarheit in Ambition und Rollenverständnis. Das Bild der guten Führungskraft, gekennzeichnet mit Attributen wie Durchsetzungsstärke und Konfliktfähigkeit, entspricht – anders als beim Mann – nicht dem Stereotyp einer „guten Frau“. Von einer „guten Frau“ erwarten viele Eigenschaften wie Harmoniebereitschaft und Gefälligkeit. Manche Frauen befürchten deshalb, mit einem Aufstieg ihre Weiblichkeit zu verlieren oder nicht mehr so beliebt zu sein und verzichten lieber. Das sei jeder freigestellt.

BSZ: Müssen sich Frauen einfach auch mehr zutrauen?
Benning-Rohnke: Die Sozialisation bringt den Frauen gemeinhin eher zurückhaltendes, genügsames Verhalten bei. Auch das weibliche limbische System wirkt und macht uns in Gruppen defensiver, aber auch teamorientierter. Anders als viele Männer haben Frauen weniger den Drang, sich ständig an die Spitze des Rudels zu kämpfen. Das muss für ein Unternehmen kein Nachteil sein. Aber es muss wissen, dass es Frauen anders ansprechen muss, wenn es um die Besetzung von Positionen geht.

BSZ: Wie beurteilen Sie es, dass ausgerechnet für den öffentlichen Dienst und staatliche Unternehmen eine Quote rigoros abgelehnt wird?
Benning-Rohnke: Die Politik hat eine Willenserklärung formuliert und ein Gesetz zur Quote erlassen. Das ist eine mächtige Intervention und eine klare Aufforderung an die Unternehmen. In einem Wirtschaftsunternehmen wäre es selbstverständlich, dass auch der Vorstand die erlassenen Regeln erfüllt. Insofern wäre es sehr wünschenswert, dass die Politik mit gutem Beispiel vorangeht und in den Unternehmen, in denen sie Einfluss nehmen kann, die Genderquote gut und schnell umsetzt. Das würde die freie Wirtschaft sicher als ein Signal sehen, ein Ausbleiben allerdings auch.
(Interview: Angelika Kahl)

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Kommentare (2)

  1. Wissenschaftlerin in Bayern am 04.04.2015
    Zunächst möchte ich gerne zu dem Gesetz zur Frauenquote in Aufsichtsräten gratulieren. Dies ist ein sehr guter und großer Schritt in die richtige Richtung!

    Gerne möchte ich einen weiteren Aspekt zum Titel dieses Interviews hinzufügen und diesen bestätigen. Der öffentliche Dienst und staatliche Unternehmen sollte stärker eine Vorzeigerolle übernehmen und diese langfristig übernehmen. Leider vermisse ich in meinem Fall eine aktive Unterstützung in der Politik. Ich selbst arbeite im wissenschaftlichen Bereich in Bayern in einem sehr männerdominierten Bereich und bin in meiner Fakultät als stellvertretende Frauenbeauftrage/Gleichstellungsbeauftragte tätig. In diesem Zusammenhang nehme ich neben meinem Job als Wissenschaftlerin und Lehre weitere Aufgaben (Gremienaufgaben) wahr. Im Bayerischen Hochschulgesetz ist in Artikel 4.3 festgeschrieben dass:
    'Frauenbeauftragte sind für die Dauer ihrer Tätigkeit unter Berücksichtigung des Umfangs ihrer Aufgaben von anderen dienstlichen Aufgaben zu entlasten.'

    Aufgrund von Streitigkeiten zwischen den Hochschulen in Bayern und dem Ministerium gibt es derzeit keine Reduzierung des Dienstauftrages welches aktuell zu Lasten der weiblichen Wissenschaftler in Bayern ausgetragen wird. Wichtigster Diskussionspunkt ist bezüglich des Rechnungshofes ob die Universitäten die Entlastung der Dienstaufgaben oder das Ministerium die Entlastung der Dienstaufgaben wahrnehmen sollen.

    Es ist sehr schade dass trotz großer Anstrengungen der Wissenschaftlerinnen bisher kein Ausgleich gefunden werden konnte (welches dem Gesetz widerspricht) und die Honorierung der Aufgaben (im Vergleich zu Dekan/Studiendekan/Studienberater) nicht stattfindet, welches ich persönlich noch schlimmer finde.

    Noch dauern die politischen Gespräche zwischen den Universitäten/Ministerium an und vielleicht mit etwas Glück und viel Geduld wird sich auch diesbezüglich die Situation verbessern. Wünschen würde ich es der Bayerischen Wissenschaft auf jeden Fall und vielleicht kann man sich bis dahin auch gute Vorbilder aus der Wirtschaft suchen!
  2. Genderexpertin am 07.04.2015
    Vielen Dank für den guten Artikel. Auch ich habe in einem amerikanischen Unternehmen Karriere gemacht. Offenheit und die Aufhebung der Rollenstereotype sind auch in den USA noch nicht zu 100% gelungen, aber sie sind viel weiter als in Deutschland. Deswegen kommen die weltbewegenden Neuheiten ja auch aus den USA. Das ist kein Zufall.

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