Politik

Sieht appetitlich aus: Doch auch in Hendln aus Bayern wurden Antibiotika-resistente Keime gefunden. (Foto: dapd)

27.01.2012

"Der Verbraucher hat die Macht"

Antibiotika und Schadstoffe in bayerischen Nahrungsmitteln – wie Politik und Konsumenten reagieren

Gammelfleisch, Dioxin-Eier, Ehec-Sprossen – in den vergangenen Jahren haben uns regelmäßig Lebensmittelskandale den Appetit verdorben. Und jetzt das: Auf zehn von 20 Geflügelfleischproben – auch aus bayerischen Supermärkten und Discountern – hat der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) Antibiotika-resistente Keime gefunden.
Die Verbraucher sind tief verunsichert. Tier- und Umweltschützer fühlen sich bestätigt. Seit Jahren prangern sie den Antibiotikamissbrauch in der Viehzucht an. Untersuchungen des Bundesinstituts für Risikoforschung (BfR) ergaben bereits 2009, dass Masthühner in ihrem kurzen Leben im Schnitt 2,3 Mal Antibiotika verabreicht bekämen. Schweine, Mastkälber und Rinder sogar bis zu 5,9 Mal im Jahr.
Zahlen zum Antibiotika-Einsatz in der Viehzucht in Bayern gibt es nicht, teilt das bayerische Gesundheitsministerium auf BSZ-Anfrage mit. Es bestehe aber durchaus „Handlungsbedarf“, räumt Gesundheitsminister Marcel Huber (CSU) ein.


In Bayern gibt es jetzt eine Sonderuntersuchung


„Der Einsatz von Antibiotika bei einem kranken Tier muss grundsätzlich möglich sein“, sagt er. „Die neue Situation der Antibiotika-Resistenzen ist allerdings bedenklich. Deshalb hat das bayerische Gesundheitsministerium gehandelt und eine Sonderuntersuchung zur Keimbelastung bei Hähnchenfleisch in Auftrag gegeben.“ Erst wenn die Ergebnisse vorliegen – der Zeitpunkt ist noch nicht absehbar – will er über Maßnahmen, die über die bestehenden Kontrollen  hinausgehen, entscheiden.
Die Langsamkeit des Ministeriums sei „skandalös“, kritisiert Anne Franke, Sprecherin für Verbraucherschutz der Landtags-Grünen. Ihre Forderung: „Die Kontrollen hinsichtlich des Einsatzes und der Dauer der Verabreichung von Antibiotika müssen verschärft und dem Landtag ein jährlicher Bericht vorgelegt werden.“
Der Deutsche Bauernverband (DBV) warnt davor, in der Diskussion um den Einsatz von Antibiotika bei Tieren die Landwirte einseitig zu verurteilen. DBV-Präsident Gerd Sonnleitner betont allerdings auch, dass man das Problem ernst nehme: „Wir brauchen eine konsequente Minimierungsstrategie für den Einsatz von Antibiotika von allen Beteiligten.“
Die vorbeugende Gabe von Antibiotika zu Leistungsförderung ist   EU-weit zwar bereits verboten. „Massiver Missbrauch“ von Medikamenten sei aber immer noch an der Tagesordnung, moniert Rupert Ebner, ehemaliger Vizepräsident der bayerischen Landesärztekammer. „Und wenn  nur ein Erreger in einem Stall von 30 000 Hühnern gefunden wird, reicht das aus, um vorsorglich alle Tiere mit Antibiotikum zu behandeln.“ Haltung, Fütterung und Überzüchtung seien die Hauptursachen für Erkrankungen bei Nutztieren, erklärt Ebner. Das System der Massentierhaltung sei nur durch den Einsatz großer Mengen von Antibiotika möglich.
Die Verbraucher müssten ihr Preisverständnis ändern, erst dann würde sich die derzeitige Tierhaltung ändern, kontert der Bauernverband. Etwa 75 Prozent aller Landwirtschaftsbetriebe in Bayern halten Tiere und erwirtschaften damit fast 70 Prozent der Verkaufserlöse. „Natürlich muss man ihre Wirtschaftlichkeit sichern“, sagt auch Ebner. „Aber die menschliche Gesundheit natürlich auch.“
Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) will nun mit einem Arzneimittelgesetz erreichen, dass in der Massentierhaltung weniger Antibiotika eingesetzt werden. Erstmals sollen die Daten zur Antibiotika-Abgabe stärker gebündelt und die Meldepflicht verschärft werden. „Wertlos“ nennt der verbraucherschutzpolitische Sprecher der Bayern-SDP diesen Entwurf, da er „weder Zeitrahmen noch Mengenangaben für eine notwendige Reduzierung“ enthalte.
Aigner mahnte auch eine verstärkte Kontrolle durch die Länder an. In Bayern ist das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) zuständig. Im Jahr 2010 testete das Amt 174 Geflügelfleischproben. Elf Prozent der Hähnchen- und 69 Prozent der Putenfleischproben enthielten Antibiotika-Rückstände. Auch wenn diese die gesetzlichen Rückstandshöchstgrenzen nicht überschritten haben, es ist ein weiterer Beweis, wie großzügig die Medikamente auch in Bayern eingesetzt und damit Resistenzen gefördert werden.


Im Freistaat boomt der Biomarkt besonders stark


Für den Verbraucher bestehe keine unmittelbare Gefahr, heißt es zwar aus dem bayerischen Gesundheitsministerium. Solch resistente Keime könnten über die Nahrungskette aber durchaus auch Menschen gefährden, warnt Susanne Moritz von der Verbraucherzentrale Bayern.
Sie rät zu Geflügelprodukten, die sich dem Neuland-Verein für tiergerechte und umweltschonende Nutztierhaltung angeschlossen haben, oder zu Bioware. Tierarzt Ebner bestätigt: „Bio-Fleischprodukte sind deutlich besser als konventionelle.“ Auch Tiere aus biologischer Haltung dürften zwar mit Antibiotika behandelt werden, Häufigkeit und Wartezeit allerdings seien drastisch reguliert.“ So dürfe zum Beispiel ein Huhn, das mehr als einmal mit einem Antibiotikum behandelt wurde, nicht mehr unter dem Label Bio verkauft werden.
Tatsächlich greifen die Verbraucher in Bayern immer häufiger zu Bio-Ware. Laut Landwirtschaftsminister Helmut Brunner (CSU) ist der Freistaat in der Öko-Landwirtschaft bundesweit Spitze. 6300 Biobauern, 350 mehr als im Vorjahr, bewirtschaften 200 000 Hektar Öko-Acker. 6,5 Prozent der bayerischen Bauern haben bislang auf Öko-Produktion umgestellt.
Und dass Bio-Produkte aus Bayern „weitgehend“ rückstandsfrei seien – von Antibiotika, aber auch Planzenschutzmitteln, ergaben ebenfalls die jüngsten Untersuchungen des LGL.
Als Kunde sollte man immer konsequent nachfragen, rät Ebner. Und sich Qualität wieder etwas kosten lassen. „Das könnte einiges bewirken. Denn der Verbraucher hat die Macht“, sagt er, „Aber das ersetzt natürlich nicht die Sorgfaltspflicht des Staates.“ (Angelika Kahl)

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