Politik

Screenshot von kreuz.net .

23.11.2012

Die Lust am digitalen Höllenfeuer

Bayerns Verfassungsschutz zögert, die katholischen Hassprediger von „kreuz.net“ ins Visier zu nehmen

Es geht gegen den Islam, gegen Juden, gegen Homosexuelle. Damit sind die Themen der Internetseite kreuz.net schon fast hinreichend umrissen. Zu erwähnen ist nur noch das superfromme Mäntelchen, mit denen die Hasstiraden umgeben sind: kreuz.net kommt streng katholisch daher, man gibt sich päpstlicher als der Papst.
Seit zehn Jahren verbreitet die deutschsprachige Seite ungestraft hemmungslosen Hass. Es ist die Schnittstelle zwischen den ultraorthodoxen Katholiken und den alten und neuen Nazis. Ein Klerikalfaschismus, der nicht die geringsten Hemmungen hat, Einzelpersonen genauso wie ganze Bevölkerungsgruppen aufs Übelste zu diffamieren. Zwischen den Zeilen steht bei kreuz.net immer nur eins: der Aufruf zum Pogrom.

Geifernde Fäkalsprache

Nachdem die Strafverfolgungsbehörden zehn Jahre lang erklärten, ihnen seien die Hände gebunden, da die Hetze anonym und auf einer Internetseite betrieben wird, deren Verantwortliche Tarnadressen auf den Bahamas oder in Kalifornien angeben und daher nicht greifbar sind, haben nun Privatleute die Initiative ergriffen. So fand der aus Würzburg stammende katholische Theologe David Berger heraus, dass Hendrick Jolie, katholischer Pfarrer in Hessen, regelmäßiger Autor der Hetzseite ist.
Berger, der sich im April 2010 öffentlich zu seiner Homosexualität bekannte, wird von den fundamentalistischen Saubermännern regelmäßig mit Dreck beworfen. Die Verbalinjurien sind nicht zitierfähig. Jede einzelne dieser Beleidigungen würde ausreichen, vor einem deutschen Amtsgericht mindestens zu einer hohen Geldstrafe, wenn nicht zu Gefängnis verurteilt zu werden.
Über Bayern wird auf kreuz.net so viel geschrieben, dass sich der Verdacht aufdrängt, die Hetz- und Hassseite habe hier einen festen Stamm von Autoren. Da wird der Münchner Erzbischof Reinhard Marx als „rote Tonne“ geschmäht, gleichzeitig aber wieder für seine papsttreuen und konservativen Äußerungen belobigt. Und Gerhard Ludwig Müller, seit Juli Präfekt der Glaubenskongregation in Rom, wird als viel zu lasch verhöhnt – in der Diözese Regensburg war er zehn Jahre lang als rigoroser Abstrafer berüchtigt. Der leidenschaftliche Antisemit und Holocaustleugner Richard Williamson, gegen den demnächst wieder vor dem Regensburger Amtsgericht verhandelt wird, wird auf kreuz.net als „Märtyrerbischof“ verehrt und als nächster Papst empfohlen.
Im März 2012 attestierte Heinz Fromm, der damalige Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, kreuz.net „Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung“. Wie sieht dies das bayerische Landesamt für Verfassungsschutz? „Der Verfassungsschutz beobachtet jemanden erst dann, wenn dessen Tätigkeit gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung gerichtet ist“, erklärt der stellvertretende Pressesprecher des Innenministeriums, Rainer Hutka. Mit anderen Worten: Bayern macht sich Heinz Fromms Urteil nicht zueigen.

Homosexueller Selbsthass

Es werden keine V-Leute in der ultraklerikalen Szene angeworben, kreuz.net wird nicht im nächsten bayerischen Verfassungsschutzbericht auftauchen. Hutka wiegelt ab: Nach dem Auffliegen des NSU sei man „durchaus sensibilisiert“ für Hasstiraden à la kreuz.net: „Man hat da natürlich ein Auge drauf.“ Aber unter Beobachtung stehen die rechtsextremen Hetzer eindeutig nicht.
Das bayerische Justizministerium wiederum belässt es bei einer bedauernden Erklärung, wonach die Macher von kreuz.net leider nicht fassbar seien. Ministerin Beate Merk (CSU) erklärt lediglich: „Die Staatsanwälte arbeiten intensiv daran, den Urhebern auf die Spur zu kommen, aber das ist nicht immer erfolgreich.“
Deutlichere Worte zu kreuz.net findet der katholische Publizist Christian Feldmann: „Diese durch und durch kranken, geistige Auseinandersetzungen durch geifernde Beschimpfungen in Fäkalsprache ersetzenden und eine pathologische Lust am Höllenfeuer offenbarenden Rowdies haben mit dem Evangelium und überhaupt mit dem Glauben an einen menschenfreundlichen Gott ungefähr soviel zu tun wie die neonazistischen Dumpfbacken mit deutscher Kultur.“ Feldmann fügt hinzu: „Nicht richtig finde ich die nach dem üblichen Ritual funktionierenden Vorwürfe an die Bischöfe, nichts unternommen zu haben: Bischöfe kennen das Internet kaum. Aber jetzt wissen sie’s und jetzt müssen sie sich hinstellen und sagen: Die haben mit Kirche und Christenglauben nichts zu tun. Und die jetzt und in Zukunft entlarvten Zuträger und Schreiber müssen sie konsequent rauswerfen.“
Ob sich die Bischöfe dazu aufraffen? Derweil kann man nur mutmaßen, wer oder was hinter kreuz.net steckt. Speziell die Einlassungen zum Thema Homosexualität sind in einer Sprache gehalten, deren drastische Konkretheit darauf hindeutet, dass hier Leute am Werk sind, die wissen, wovon sie sprechen, wenn auch voller Abscheu.
Der Verdacht drängt sich auf, dass es sich im Kern um homosexuelle Autoren handelt, denen freilich von Kindesbeinen an eingebläut wurde, dass das Hingezogensein zum eigenen Geschlecht durch und durch verbrecherisch ist. Dieser homosexuelle Selbsthass wird dann stellvertretend an anderen ausgelassen. Eine Art übertragene Selbstgeißelung. (Florian Sendtner)

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