Politik

Wenige Tage ist dieses Kälbchen alt - Europas Bauern können von April an ihre Kühe melken so viel sie wollen. (Foto: dpa)

23.03.2015

Die Milchquote fällt - ist das jetzt gut oder schlecht?

Die BSZ erklärt: Das Ende der Planwirtschaft auf dem Bauernhof. Was kommt auf Landwirte und Verbraucher zu?

Mehr als 30 Jahre lang steckten die Landwirte in einem planwirtschaftlichen Korsett - die Milchquote regelte, wie viel Milch sie an die Molkereien liefern durften. Expansion war nur möglich, wenn ein Lieferrecht dazugekauft wurde. Die Bauern, die ihren Hof aufgaben und ihr Milchkontingent loswerden wollten, freuten sich dagegen meist über den Geldsegen. Nun läuft die Quote aus. Was kommt auf die Bauern zu - und was auf die Verbraucher?

Werden Milch, Butter und Joghurt im Supermarkt jetzt billiger?
Das kann so genau niemand vorhersagen. Die Preise diktieren in der Regel die großen Discounter. Gut möglich, dass sie das Quotenende zum Anlass nehmen, um Druck auf die Molkereien auszuüben, ihnen die Produkte billiger zu verkaufen. Aber die Lebensmittelpreise in Deutschland hängen inzwischen auch am Weltmarkt. Dass Anfang März Aldi die Preise für Butter anhob, führten Experten beispielsweise unter anderem auf eine Dürre in Neuseeland und die Euro-Schwäche zurück. Und auf die vorhergehende Preissenkung auf den russischen Einfuhrstopp von Milch und Milchprodukten. Das Ende der Milchquote ist nur einer von vielen Faktoren, die bei der Preisentwicklung eine Rolle spielen. 

Werden noch mehr Höfe in Bayern aufgeben?

Innerhalb der vergangenen drei Jahrzehnte ist die Zahl der Milchviehbetriebe in Bayern rasant zurückgegangen - von 155 000 auf knapp 37 000. Ob das so rasant weitergeht, hängt im Wesentlichen  davon ab, ob der Preis, der dem Landwirt für das Kilogramm Milch bezahlt wird, weiter sinkt. Tut er das, so dürfte sich das Höfesterben in Bayern noch einmal beschleunigen. Viele Betriebe werden dann aufgeben anstatt zu expandieren, um günstiger produzieren zu können. Expertenschätzungen gehen aber davon aus, dass weltweit der Bedarf an Milch und Milchprodukten steigt - das könnte eine Chance für Bayerns Bauern sein. Einen "gewissen Konzentrationsprozess" erwartet Landwirtschaftsminister Helmut Brunner (CSU) dennoch. 

Gibt es bald auch in Bayern nur noch große "Agrarfabriken"?  
Bayern ist stolz auf seine bäuerlich geprägte Landwirtschaft mit gerade einmal durchschnittlich 35 Kühen pro Betrieb. Zum Vergleich: Der Bundesdurchschnitt liegt laut Bauernverband bei 56 -und in Brandenburg bei 224 Milchkühen. Wenn aber bei niedrigem Milchpreis die kleinen Betriebe in Bayern nicht mehr über die Runden kommen, dürfte der Trend zum Wachstum weitergehen. Denn riesige Betriebe können günstiger produzieren und im Schichtbetrieb melken. Doch in Teilen Bayerns ist schon allein die Landschaft ein begrenzender Faktor - einen 100-Kühe-Betrieb in den Alpen wird es so schnell nicht geben, weil gar nicht genug Futter vorhanden ist. Almbauern bekommen zudem noch zusätzliche Subventionen. 

Werden die Molkereien von April an mit Milch überschwemmt?
Das ist eher nicht zu erwarten. Denn einfach mehr Kühe in den Stall stellen, melken und die Milch abholen lassen - so leicht funktioniert das nicht. Die Fläche für die Futtergewinnung ist begrenzt. "Im Gegenteil, sie wird wegen der Bebauung geringer", sagt Martin Ponfick, Funktionär beim "Ring junger Landwirte" mit Hof in der Nähe von Bayreuth. "Da gibt es eine gewisse natürliche Grenze." Auch die nötigen Arbeitskräfte müssen vorhanden sein, um mehr Milch erwirtschaften zu können. Vereinzelt gibt es aber neu gebaute Ställe, deren Besitzer das Quoten-Ende abwarten wollen, bevor sie ihre Milchmenge aufstocken. 

Kann die bäuerliche Landwirtschaft in Bayern Nischen und Sonderwege nutzen, damit sie nicht vom Weltmarkt erdrückt wird?

Bio beispielsweise. Die Landtags-Grünen etwa hoffen, dass die Milchbauern nach dem Ende der Milchquote verstärkt auf Bio setzen. "Der Bedarf an Biomilch ist riesig und der Preis ist fair", sagt die agrarpolitische Sprecherin Gisela Sengl. Der Selbstversorgungsgrad bei Biomilch liege in Bayern bei nur 68 Prozent. Bei konventionell erzeugter Milch könne die bayerische Landwirtschaft dagegen 178 Prozent des heimischen Bedarfs decken und müsse damit einen großen Teil der Produktion außerhalb absetzen. "Es ist völlig daneben, wenn wir bayerische Höfe aufpumpen, um sie fit für den Weltmarkt zu machen", sagt Sengl. Es gebe ein Bedürfnis der Verbraucher, Bioprodukte aus regionaler Erzeugung zu konsumieren. An die Verbraucher appelliert auch Jung-Landwirt Ponfik: "Der Verbraucher hat eine Verantwortung. Wir appellieren deshalb: Kauft regionale Produkte und stärkt damit die Region."

Hat die Quote überhaupt etwas gebracht?
Der Bauernverband hat hier eine eindeutige Meinung: "Die Milchquote ist gescheitert", sagt der stellvertretende Präsident Günther Felßner. Sie habe die heimischen Milchbauern sogar in den vergangenen Jahren empfindlich gebremst: "Während die Milchmenge und auch die Nachfrage nach Milchprodukten weltweit gestiegen sind, ist die Erzeugung in Deutschland in den vergangen Jahren in etwa stabil geblieben. Hier wurde ganz klar Entwicklungspotenzial verschenkt - und schuld ist für mich klar die Milchquote." Die Kontingentierung hat zudem die Erzeugerpreise nicht stabilisiert, wie ursprünglich erhofft. (Kathrin Zeilmann und Birgit Ellinger, dpa)

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