Politik

Einige Kassen verzeichnen einen erheblichen Mitgliederschwund.

05.03.2010

Die Rache der Kunden

Krankenkassen, die Zusatzbeiträge erheben, verlieren rasant an Mitgliedern

Es war Ende Januar, als die Chefs mehrerer Krankenkassen Zusatzbeiträge für ihre Mitglieder ankündigten. Die Auswirkungen auf das System der gesetzlichen Krankenversicherungen mehrere Wochen später sind krass:. Nach Informationen der Bayerischen Staatszeitung kehren die vom Extra-Obolus betroffenen Kunden ihren Kassen offenbar scharenweise den Rücken.
So machten bei der BKK für Heilberufe bislang bereits etwa 8 Prozent der Mitglieder von ihrem Sonderkündigungsrecht Gebrauch. Das teilte Unternehmenssprecher Jürgen Körner auf Anfrage mit. Damit verlor die Kasse seit ihrer Ankündigung eines Zusatzbeitrags Anfang Februar fast 14 000 ihrer 170 000 Kunden. Die Betriebskrankenkasse, die auch viele Bayern zu ihren Versicherten zählt, verlangt rückwirkend zum 1. Januar 2010 einen Extra-Beitrag in Höhe von einem Prozent des monatlichen Bruttoeinkommens. Erstmals wird die auf 37,50 Euro im Monat begrenzte Summe Anfang April fällig. Bis zu diesem Zeitpunkt steht den Versicherten noch ein außerordentliches Kündigungsrecht zu.
Auch bei der BKK Westfalen-Lippe stimmten jüngst zahlreiche Versicherte mit den Füßen ab. Bis Ende vergangener Woche verließen laut Vorstandsboss Willi Tomberge bereits 400 der rund 32 000 Versicherten die Minikasse. Seit dem 1. Februar müssen Mitglieder der Betriebskrankenkasse mit Sitz in Münster bis zu 12 Euro im Monat extra berappen. „Wir hatten keine andere Wahl. Schließlich ist der Gesundheitsfonds um 4 Milliarden Euro unterfinanziert“, klagt Tomberger.
Rund ein Dutzend Kassen erheben bereits einen Zusatzbeitrag oder haben dessen Einführung angekündigt. Allein bei der DAK sind 4,6 Millionen Mitglieder betroffen. Doch während die kleinen Kassen teils offen über ihren Mitgliederschwund sprechen, mauern die großen Versicherer. „Wir werden uns zu Austritten und deren Bewertung zu einem späteren Zeitpunkt äußern“, erklärt DAK-Sprecher Jörg Bodanowitz auf Anfrage.
8 Euro zusätzlich zum Kassenbeitrag verlangt die DAK seit dem 1. Februar monatlich von ihren Kunden. Wie die Staatszeitung aus dem Umfeld der Versicherung erfuhr, sollen seither täglich mehr als Tausend DAK-Kunden von ihrem Sonderkündigungsrecht Gebrauch gemacht haben – dies entspräche allein im Februar einem Schwund von mindestens 25 000 Mitgliedern. Die Bildzeitung hatte bereits wenige Tage nach der Bekanntgabe der Zusatzbeiträge von mehr als 5000 Kündigungen berichtet.
Die DAK bestätigt die Zahlen nicht. Gerüchte über Austritte im „sechsstelligen Bereich“ weist Sprecher Bodanowitz aber als „definitiv falsch zurück“ und fügt hinzu: „In den Kundencentern glühen zwar die Telefone. Die große Kündigungswelle ist jedoch ausgeblieben.“ Den DAK-Mitarbeitern gelinge es zudem oftmals, Kündigungswillige im Einzelgespräch von ihrem Vorhaben abzubringen. Laut einer Sprecherin der bayerischen DAK-Niederlassung seien die Mitarbeiter im Freitstaat dabei „in fast der Hälfte der Fälle erfolgreich“. Vor allem die hohe Filialdichte im Vergleich zur Konkurrenz sei in den Gesprächen ein schlagkräftiges Argument.
Bei der Deutschen BKK, deren Mitglieder künftig 96 Euro extra im Jahr berappen müssen, soll es bereits Anfang Februar rund Tausend Sonderkündigungen gehagelt haben. „Kein Kommentar“, heißt es dort allerdings auf Nachfrage. Krankenkassen, die den Zusatzbeitrag schon eingeführt haben, sind verpflichtet, ihre Versicherten auf das Sonderkündigungsrecht hinzuweisen. Dadurch kann der Versicherte mit einer Kündigungsfrist von zwei Monaten die Krankenkasse wechseln. Verbraucherschützer warnen aber vor einem übereilten Wechsel der Kasse. „Die Versicherten sollten sich das genau überlegen“, sagt Bastian Landorff von der Verbraucherzentrale Bayern. Er verweist auf besondere Leistungen einiger Kassen, wie etwa die teilweise Erstattung eines Yoga-Kurses. Zudem dürften viele gesetzliche Versicherungen in diesem oder spätestens im kommenden Jahr dem Beispiel der DAK folgen, so der Rechtsexperte. Nach Schätzungen von Branchenkennern wird zur Jahresmitte jedes zweite der rund 51 Millionen Kassenmitglieder von einem Zusatzbeitrag betroffen sein. Die AOK Bayern schließt die Einführung eines Zusatzbeitrags ebenfalls nicht aus. Es gebe „eine Reihe von finanziellen Unwägbarkeiten im Jahr 2010 zu verkraften“, so Vorstandschef Helmut Platzer.
Doch Gutverdiener, die aufgrund des Zusatzbeitrags mit einem Wechsel zu einer privaten Krankenversicherung liebäugeln, sollten nichts überstürzen. Denn viele Private haben ihre Beiträge jüngst ebenfalls kräftig erhöht. Und das bei nachlassenden Leistungen. Die Zahl der Beschwerden beim zuständigen Ombudsmann verdoppelte sich deshalb in den vergangenen fünf Jahren. Klar scheint sowohl bei gesetzlichen und privaten Versicherungen in diesen Tagen deshalb nur: Die Unzufriedenheit der Kunden wird weiter wachsen.

(Tobias Lill)

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