Politik

Mittelschüler sollen stärker gefördert werden, als es an der Hauptschule bislang der Fall war. (Foto: dpa)

17.09.2010

Ein Schultyp auf dem Prüfstand

Die von der CSU gefeierte Mittelschule hat ihre Türen geöffnet – Opposition kritisiert sie als Rückschritt

Die Einführung der neuen Mittelschule war Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) einen Festakt im Kuppelsaal der Staatskanzlei wert. „Die erste Wahl für junge Menschen, die in eine praxisorientierte Richtung gehen wollen“, sei diese neue Schulart, sagte Seehofer. Fast überall im Land gibt es die Mittelschule nun. Die großen Städte München, Nürnberg und Augsburg wollen aus organisatorischen Gründen erst nächstes Jahr folgen. Ziel der Reform ist es, die Schülerzahlen an dieser Schulart zu stabilisieren und damit das dreigliedrige Schulsystem in Bayern zu erhalten.
Genau das betonte Seehofer, der sich sonst nur selten wegweisend zur Bildungspolitik äußert, bei dem Festakt. Es müsse Schluss sein mit der „Reformeritis“ im bayerischen Schulwesen, verordnete der Regierungschef. „Das ewige Ringen um die richtige Schulform bringt uns nicht weiter.“ Er sei ein „glühender Verfechter“ des vielfältigen und differenzierten Schulsystems in Bayern, das in allen Vergleichstests gut abschneide. „Unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Begabungen und brauchen unterschiedliche Angebote“, sagte er zur Begründung. „Die Einheitsschule ist nicht unser Weg.“


Auch die Mittelschule ist bei Eltern unbeliebt


Nach einer Auflistung des Kultusministeriums haben 587, also 61 Prozent der noch 963 bayerischen Hauptschulen den Status einer Mittelschule erworben. 61 davon aus eigener Kraft, 526 weitere haben sich zu 178 Schulverbünden zusammengetan. Das war an kleineren Standorten erforderlich, um die Anforderungen zu erfüllen. Denn Mittelschulen müssen unter anderem die drei berufsorientierten Zweige Wirtschaft, Technik und Soziales anbieten, zu einem mittleren Schulabschluss führen können, hohen Praxisbezug ausweisen und mit der regionalen Wirtschaft kooperieren sowie Ganztagesangebote vorhalten. Kleine ein- oder zweizügige Hauptschulen wären damit überfordert.
Im Gegenzug erhalten die Schulen zusätzliche Förderstunden zugewiesen, die es unter anderem ermöglichen, mit der Vorbereitung auf den mittleren Abschluss bereits in der 5. Klasse zu beginnen. An den bisherigen M-Zügen der Hauptschule war der Einstieg dafür erst in der 7. Klasse.
Einer dieser Mittelschulverbünde hat sich im Landkreis Kelheim gebildet, beteiligt sind die bisherigen Hauptschulen in Neustadt/Donau, Abensberg, Siegenburg und Rohr. Verteilt auf die einzelnen Standorte werden die verschiedenen Schwerpunktprofile und Schulabschlüsse angeboten. Für die Schüler kann das allerdings zur Folge haben, dass sie je nach Neigung zwischen den Schulen pendeln müssen.
Als Spezifikum wird ein Berufseinsteigerprogramm in Zusammenarbeit mit der örtlichen Außenstelle der Bundesagentur für Arbeit und der Volkshochschule Kelheim angeboten. Im Mittelpunkt stehen dabei arbeitspraktische Übungen sowie Hilfestellungen bei der Berufswahl und der Lehrstellensuche.
Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) erwartet sich von solchen Modellen, dass die Attraktivität der Schulart wieder steigt. „Die neue Mittelschule mit ihrem sehr breitgefächerten Bildungsangebot und ihrem erweiterten Praxisbezug eröffnet den Schülern neue Chancen auf dem Weg in den Beruf“, so Spaenle. Zumal durch die Verbünde der Erhalt vieler wohnortnaher Standorte auf dem Land möglich werde.
Bei den Eltern ist das aber offenbar noch nicht angekommen, denn die Flucht von der Haupt- und nun auch der Mittelschule hält an. Im Vergleich zum Vorjahr verloren die Haupt- und Mittelschulen heuer als einzige weiterführende Schulart weiter an Boden. 10 500 weniger Schüler, das entspricht einem Minus von 4,5 Prozent. Die Realschulen legten gleichzeitig um 1,9 Prozent zu, die Gymnasien immerhin um 0,8 Prozent.
Vor diesem Hintergrund teilt die Opposition im Landtag den Optimismus von Seehofer und Spaenle nicht. Für den SPD-Bildungssprecher Hans-Ulrich Pfaffmann ist die Mittelschule „nichts anderes als alter Wein in neuen Schläuchen“ – und das würden auch die Eltern wissen. Es fehle ein neues pädagogisches Konzept und ein der Realschule gleichwertiger Abschluss. Praxisbezug und Kooperation mit der Wirtschaft sei an der Hauptschule zudem nichts Neues. Eva Gottstein (Freie Wähler) teilt die Kritik und nennt die eine zusätzliche Förderstunde pro Woche „einen Witz“. „Das Hauptschulsterben geht weiter“, ist sich deshalb Thomas Gehring (Grüne) sicher.
Während die Freien Wähler zumindest darin mit dem CSU-Teil der Staatsregierung einig sind, dass Änderungen am Schulsystem nicht zur Problemlösung beitragen (Gottstein: „Bildungserfolg hängt nicht vom Schulsystem ab, sondern von einer ausreichenden Lehrerversorgung und kleineren Klassen.“), bedauern SPD und Grüne die Aussagen Seehofers als „einzige Enttäuschung“. Die CSU verschließe sich damit einer „modernen Schulentwicklung“. Wie die aussehen könnte, will die SPD kommende Woche vorstellen. Sie hat dazu vom Dortmunder Institut für Schulentwicklung für die Gemeinden Kipfenberg und Denkendorf im Landkreis Eichstätt ein Referenzmodell für eine Gemeinschaftsschule ausarbeiten lassen.
Auf CSU-Kurs eingeschwenkt ist dagegen der Koalitionspartner FDP, der noch im Wahlkampf mit der Forderung nach einer längeren gemeinsamen Schulzeit für alle Kinder um Stimmen geworben hatte. Noch vor der Sommerpause hatte sich FDP-Bildungsexpertin Renate Will von einem Schulversuch im oberpfälzischen Erbendorf einen „Dammbruch“ in diese Richtung erhofft und zudem intensiv für die Ausweitung der Kooperationen von Haupt- und Realschulen geworben. Nun warnt auch sie vor einer Fortsetzung der Schulstrukturdebatte. Vielmehr seien Qualitätsverbesserungen, mehr Durchlässigkeit und mehr individuelle Förderung das Gebot der Stunde, erklärte sie fast zeitgleich zu Seehofers Mittelschulfestakt. (Jürgen Umlauft)

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