Politik

15.03.2013

"Eine verbeamtete Pfeife werden Sie nicht los"

Headhunter in Kommunalverwaltungen: Zunehmend wird Führungspersonal dort von externen Beratern ausgesucht und gecoacht

Der Einsatz von Headhuntern: Da denkt man an Top-Jobs bei Banken oder in der Industrie und zum Beispiel daran, dass Autokonzern X den Vertriebschef von Konzern Y abwerben will. Konspirative Treffen in Luxushotels, geschniegelte Herren mit Luxusaktenkoffern verhandeln überLuxus- Gehälter. Doch inzwischen sind Headhunter auch in Kommunalverwaltungen zugange.
Beim Bezirk Oberbayern beispielsweise sucht man Fachkräfte für „exponierte Stellen in der Sozialverwaltung“, berichtet Behördensprecherin Susanne Büllesbach: „Wir wollten einen Teilnehmerkreis außerhalb der üblichen Verdächtigen ansprechen.“
Gerade im Großraum München hat es die öffentliche Verwaltung angeblich schwer, wenn sie die so genannten High Potentials rekrutieren möchte: Die Wirtschaft brummt, und die Verdienstmöglichkeiten dort sind für diese Klientel deutlich besser. Zudem herrscht in den Ämtern eine gewisse Unsicherheit, wie man diese Fachkräfte anspricht: „Wir kennen die Verdienstmöglichkeiten nicht, wissen nicht, ob die unser Angebot überhaupt interessiert“, erläutert Büllesbach. Logisch: Bei Vater Staat ist alles streng nach BAT und TVöD geregelt.
Externer Sachverstand ist für Kommunalverwaltungen inzwischen aber nicht nur bei der Besetzung von Führungspositionen interessant, sondern auch für Coachingmaßnahmen, verrät Sprecherin Büllesbach: „Etwa bei Weiterbildungen im Konfliktmanagement oder wenn es nach Ansicht des Dienstherrn Probleme im kommunikativen Verhalten gibt.“
Vor allem kleinere Kommunen nutzen diese Dienste immer häufiger, wie Nathaly Dahms, ehemalige Verwaltungsbeamtin im gehobenen Dienst und inzwischen mit einem eigenen Beratungsunternehmen tätig, bestätigt. Zwei ihrer Hauptbetätigungsfelder in bayerischen Rathäusern sind Organisationsuntersuchungen und Teamentwicklungsmaßnahmen.

Auch Vetternwirtschaft kann ein Problem sein


Häufiges Dilemma aus ihrer Sicht: Viele Gemeindeverwaltungen sind ineffizient organisiert. Wenn ein Posten zu besetzen ist, laufe es mitunter so, dass Beamte nur deshalb zum Zug kommen, weil sie schon lange auf eine Beförderung warten. Obendrein ist die Gefahr der Vetternwirtschaft hoch: Was soll ein Bürgermeister sagen, der einen neuen Kämmerer sucht, und auf die Stelle bewirbt sich der Sohn seines örtlichen Partei- und Fraktionschefs? „Gerade im öffentlichen Dienst ist eine sorgfältige Auswahl des Führungspersonals wichtig, vielleicht noch mehr als in der Privatwirtschaft“, glaubt Dahms. „Einen inkompetenten Manager können Sie feuern, eine verbeamtete Pfeife werden Sie nicht mehr los.“
Billig sind die Dienste der externen Personalberater freilich nicht, etablierte Anbieter berechnen Tagessätze zwischen 700 und 800 Euro. Hinzu kommt die Provision nach Vertragsabschluss, macht noch einmal drei Monatsgehälter. Und das beträgt selbst beim Bauamtsleiter einer kreisangehörigen Gemeinde rund 5500 Euro brutto im Monat.
„Wenn die Gemeinden das Geld dafür haben“, kommentiert süffisant ein Sprecher des bayerischen Innenministeriums, „dann ist das aufgrund der kommunalen Selbstverwaltung deren Sache.“ Im Haus von Ressortchef Joachim Herrmann (CSU) verzichtet man freilich auf externe Personalberatung – was Nathaly Dahms für einen schweren Fehler hält: „Besonders die Ministerien hätten externe Beratung dringend nötig. Die kochen doch am meisten im eigenen Saft.“ (André Paul)

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Kommentare (2)

  1. Zitrone am 15.03.2013
    .....und eine Managerpfeife nur gegen eine hohe Abfindung, für die ein Beamter zehn Jahre arbeiten muss!
  2. jogi am 30.03.2013
    Flughafen Berlin, Elbphilharmonie oder Stuttgart 21 sind doch nur die Spitzen des Eisbergs. Ich erlebe tagtäglich, was inkompetente Beamte in einem kommunalen Bauamt bewirken. Ich habe es mir nicht so extrem vorgestellt. Jetzt kann ich besser verstehen, warum der Krankenstand im öffentlichen Bereich so hoch ist. Ich nehme bei meiner Frau, Bautechnikerin mit viel Berufserfahrung, auch in der Privatwirtschaft, eine stetig sinkende Motivation wahr, wenn wieder ein Problem per EMail einmal im Amt rund läuft und nach geraumer Zeit erneut am eigenen Rechner „aufschlägt“. Von oben wird verbreitet, dass der Projektsteuerer, Architekt oder Bauleiter verantwortlich ist, um von eigener Inkompetenz abzulenken. Doch das ist die Folge, wenn man sich als Kommune das Geld für Personal mit Sachverstand spart und bei Mitarbeitern oder gar einer Führungskraft, der Verwaltungsprüfung mehr Bedeutung beimisst, als dass die etwas von dem Metier versteht, für das sie Verantwortung tragen soll. Oder ein Titel Dipl.Ing. einer jungen unerfahrenen Architektin wird umfassender Berufserfahrung vorgezogen. Das mag Alles den aktuellen Verwaltungsregeln entsprechen, aber als Steuerbürger kann ich nur hoffen, dass der Bau und Betrieb unserer kommunalen Infrastruktur mangels Kompetenz und Fachkräften zukünftig mehr in private Verantwortung übertragen wird, denn dort ist man nicht so „ineffizient organisiert“ wie Frau Nathaly Dahms das beobachtet. An den Fachkräften wird es in solchen Kommunen auch weiterhin fehlen, denn "Tagessätze von 700 bis 800 Euro" die spart man sich lieber und macht weiter wie bisher.

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