Politik

Martin Keck ist Chefarzt und Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München. (Foto: Max-Planck-Institut für Psychiatrie/dpa)

17.11.2015

"Es ist völlig normal mit Angst zu reagieren"

Angst-Experte Martin Keck über die Furcht vor Terror, wann sie überhand nimmt und wie man damit umgehen kann

Bei vielen Menschen hat die Nachricht von der Terrorserie in Paris ein quälendes Gedankenkarussell in Gang gesetzt. Egal ob im Fernsehen, im Radio, in der Zeitung oder im Internet - die zahllosen Bilder, Berichte und Nachrichten sind erschütternd. Angesichts der Drohungen der Islamisten fürchten viele, ebenfalls Opfer eines derartigen Anschlags zu werden. "Es ist völlig normal, mit Angst und Unsicherheit zu reagieren. Alle haben Angst, alle sind betroffen und berührt", sagt Martin Keck, Chefarzt des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, der dort den Schwerpunkt Angsterkrankungen aufgebaut hat.

Frage: Wie wirken sich Ereignisse wie der Terrorakt in Paris auf das Sicherheitsgefühl der Menschen aus? Antwort: Das ist für jeden eine massive Bedrohung des Sicherheitsgefühls, insbesondere dann, wenn man das vor Ort miterleben musste - aber auch, wenn man so etwas im Fernsehen sieht oder davon hört oder in der Zeitung liest. Das löst bei den meisten Menschen eine sehr große Unsicherheit aus, weil es etwas Neues und Unkontrollierbares in ihren Alltag einbrechen lässt.

Frage: Wovon hängt es ab, ob Menschen damit klar kommen oder ob sie Probleme bekommen?  
Antwort: Es kommt bei solcher Art Ereignisse auf unsere genetische Ausstattung an, also auf die individuelle Anfälligkeit und unsere früheren Erfahrungen. (...) Und was auch ganz wichtig ist: Wie sind die sozialen Umgebungsbedingungen? Gibt es Menschen, die einen unterstützen, mit denen man reden kann, wenn man möchte und nicht reden muss, wenn man nicht möchte. Es gibt viele Determinanten, die darüber entscheiden, was genau beim Einzelnen passiert. Es ist völlig normal, mit Angst und Unsicherheit zu reagieren. Alle haben Angst, alle sind betroffen und berührt. Es kann sich aber eventuell auch mit zeitlicher Verzögerung eine gravierende psychische Erkrankung daraus entwickeln.

"Angst kann auch gesunde Anteile haben"

Frage: Wie geht es Menschen, die ohnehin schon anfällig sind für Angsterkrankungen?  
Antwort: Möglicherweise erleben oder sehen das Menschen, die Ähnliches schon einmal erlebt haben oder die von Angehörigen wissen, die so etwas erlebt haben. Das kann dann im Sinne einer Retraumatisierung nochmals ähnliche Symptome auslösen. Bei Menschen, die ohnehin an einer anderen psychischen Erkrankung leiden, zum Beispiel einer Angsterkrankung oder einer Depression, können sich die Symptome durch so ein stresshaftes Ereignis verstärken. 

Frage: Was lässt sich gegen diese Angst tun - sollte man ihr ausweichen und sich mit den Bildern und Berichten der Terrorserie möglichst wenig konfrontieren, oder sollte man sich dem stellen?
Antwort: Das muss man im Einzelfall genau anschauen. Bei Angsterkrankungen im generellen Sinne sprechen wir eher von irrationalen Ängsten, zum Beispiel Angst vor Höhe oder vor Menschenmengen, wo es eigentlich keinen Grund gibt, Angst zu haben. Hingegen ist die Angst, die durch einen Terrorakt entsteht, Realangst. Das ist eine Angst, die man völlig zu Recht hat, und die ja auch gesunde Anteile hat. Denn da soll man sich ja sinnvollerweise in Sicherheit bringen.  

"Durch die ganzen Sondersendungen können Ängste auch verstärkt werden"

Frage: Wie bekommt man solche negativen Gefühle in den Griff?  
Antwort: Bei so einem Terrorereignis kommt es sehr auf die individuelle Situation an. Braucht man Hilfe, sich dem zu stellen, sich den belastenden Gefühlen auszusetzen, sich auch intellektuell mit den Hintergründen zu beschäftigen? Hilft und entlastet das? Es kann aber auch viel zu viel sein: Die ganzen Sondersendungen unterschiedlichster Qualität, die mehr Fragen möglicherweise offen lassen, als sie beantworten. So können Ängste sogar verstärkt werden.

Frage:
Wie können Eltern damit umgehen, wenn Kinder Ängste und Befürchtungen haben?  
Antwort: Sehr sorgfältig darauf achten: Was beschäftigt das Kind, welche Bilder in der Zeitung schaut es sich intensiver an, welche Fragen stellt es. Auf diese Fragen sollte man eingehen und sie nicht abtun. Und dann kind- und altersgerecht darauf antworten. Es leuchtet jedem ein, dass da keine komplexen politischen Analysen sinnvoll sind, sondern klare und einfache Antworten.Und das hilft uns allen, wenn das soziale Umfeld Schutz und Sicherheit vermitteln kann. Das ist für Kinder noch viel wichtiger. Sie sind uns ausgeliefert und brauchen dieses Gefühl, beschützt zu werden, dass man sich kümmert, dass man darüber spricht. Man sollte altersgerecht darauf eingehen, dass solche schlimmen Dinge geschehen können, dass wir aber alles tun und der (Interview: Cordula Dieckmann, dpa)

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