Politik

Genossenschaftssiedlung als gemischtes Wohngebiet nach dem München Modell am Ackermannbogen. (Foto: dpa)

13.01.2017

Genossenschaften boomen

In Bayern fehlen Tausende Wohnungen – während die Kommunen kreativ nach Lösungen suchen, reduziert der Freistaat Fördermittel

Megaproblem Wohnraummangel: Etwa 70 000 neue Wohnungen müssten pro Jahr in Bayern gebaut werden, um den Bedarf zu decken. Dies hat die Staatsregierung bereits vor einigen Jahren als Zielmarke ausgegeben. Die benötigten Unterkünfte für Flüchtlinge sind da noch gar nicht eingerechnet. Wie das gehen soll, ist völlig offen. Denn nach wie vor wird zu wenig gebaut. Von Januar bis September 2016 wurden laut Landesamt für Statistik Baugenehmigungen für 55 456 Wohnungen erteilt.

Vor dem Hintergrund des Wohnraummangels erlebt eine Wohnbauform ein Comeback: die Wohnbaugenossenschaft. Laut dem Verband bayerischer Wohnungsunternehmen (VdW Bayern) werden 2017 fünf neue Wohnungsgenossenschaften gegründet: in Füssen, Passau, München, Weil (Landkreis Landsberg am Lech) und Kottgeisering (Landkreis Fürstenfeldbruck). Von den 458 Mitgliedsunternehmen des VdW Bayern haben 338 die Rechtsform der Genossenschaft. „Der anhaltende Gründungsboom zeigt, dass immer mehr engagierte Genossenschaftsgründer Projekte für dauerhaftes, bezahlbares Wohnen planen“, sagt VdW-Direktor Xaver Kroner.

In Erlangen setzt man auf Dachaufstockungen


Einer der Genossenschaftsgründer ist Philipp Terhorst, Vorstand der Münchner Progeno Wohnungsgenossenschaft eG. Sie will am Prinz-Eugen-Park im Nordosten der Landeshauptstadt für 15 Millionen Euro bis Ende 2018 50 neue Wohnungen schaffen. Die im März 2015 gegründete Genossenschaft hat 70 Mitglieder. Sie alle haben rund 20 Prozent Eigenkapital für ihre künftige Wohnung eingelegt. „Bei uns kostet eine 100 Quadratmeter große Wohnung für eine vierköpfige Familie rund 370 000 Euro“, sagt Terhorst der Staatszeitung. Möglich wird dieser günstige Preis mittels Hilfe der Landeshauptstadt München, die laut Terhorst bei den Ausschreibungen für den Verkauf des Baugrunds sehr kreativ vorgeht: „Kommunen dürfen ja Grundstücke nicht unter dem Verkehrswert verkaufen, aber die Landeshauptstadt legt eben Kriterien fest, die den Verkehrswert mindern. Somit können die Flächen günstiger abgegeben werden.“

Doch die Landeshauptstadt erwartet auch eine Gegenleistung. So werden 20 Prozent der 50 neuen Wohnungen der Progeno mit Sozialbindung sein; weitere 40 Prozent entstehen im München Modell, das Familien mit geringerem Einkommen die Möglichkeit eröffnet, eine bezahlbare Immobilie zu erwerben.
Die drei im Jahr 2015 gegründeten Münchner Wohnungsgenossenschaften Progeno, Bürgerbauverein München und Kooperative Großstadt wollen insgesamt 170 neue Wohnungen schaffen. Sie haben sich mit ihren Projektideen erfolgreich bei der sogenannten Konzeptvergabe der Landeshauptstadt durchgesetzt. München hat außerdem beschlossen, 20 bis 40 Prozent der Flächen in städtischen Siedlungsgebieten an Genossenschaften zu vergeben.

Insgesamt eine clevere Idee, die auch andere Kommunen in Bayern umsetzen könnten. Rein zahlenmäßig ist der genossenschaftliche Wohnungsbau nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Und die wirklich Bedürftigen, die auch mit staatlicher Förderung kein Wohneigentum erwerben können, gehen leer aus.

Im Landkreis Augsburg wollen Kommunen beim Wohnungsbau kooperieren


Gleichwohl unterstützen auch andere Städte wie Erlangen das Genossenschaftsmodell. Dort ist laut Oberbürgermeister Florian Janik (SPD) die städtische Wohnungsgenossenschaft dabei, aufzustocken: Wo es möglich ist, wird ein zusätzliches Stockwerk aufs Dach gebaut. „Aber wir haben auch so etwas Ähnliches wie die neuen Wohnungsgenossenschaften in München. Es sind Baugruppen, die Projekte realisieren wollen, nur eben in anderer Rechtsform“, so Janik. Die Stadt achte hier wie bei jedem anderen Investor darauf, dass die Quote von einem Viertel sozialem Wohnraum erfüllt wird.

Eine andere Idee, den Wohnraummangel zu beheben, hat Tanja Schweiger (Freie Wähler), Landrätin des Landkreises Regensburg: „Das klassische, mehrgeschossige Stadthaus muss auch in den Gemeinden Einzug halten.“ Die Häuser könnten natürlich in der Rechtsform der Genossenschaft realisiert werden. Ein neues Projekt wollen die sogenannten Holzwinkelgemeinden im Landkreis Augsburg realisieren. Dort laufen gerade die Vorbereitungen für interkommunale Kooperationen „zum gemeinsamen Bau und Betrieb von Wohnstätten“.

Die Kommunen im Freistaat also lassen sich durchaus einiges einfallen. Während der Freistaat sein Engagement für den öffentlich geförderten Wohnungsbau zurückfährt: Kurz vor Weihnachten wurden die Landesmittel für die Wohnraumförderung von 158 Millionen Euro auf 87 Millionen Euro für 2017 gekürzt.
(Ralph Schweinfurth)

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