Politik

Der bayerische Neonazi-Aussteiger Felix Benneckenstein im Bürgerhaus in Göppingen (Baden-Württemberg). (Foto: dpa)

07.05.2015

Glatzen und Gaspistolen

Aus dem Leben eines Ex-Neonazis: Felix Benneckenstein erzählt von seinem schwierigen Ausstieg aus der Szene

So richtig erklären kann sich Felix Benneckenstein seine Vergangenheit auch nicht. Er erinnert sich gut an diese eine Szene, da war er gerade 16, auf dem Stadtfest im oberbayerischen Erding. Ein rechter Glatzkopf zielte plötzlich mit einer Gaspistole auf türkische Kinder. Benneckenstein ging dazwischen, holte sich eine blutige Nase. Dabei war er doch selbst schon in der Szene aktiv. "Ich habe mich immer mit denen angelegt, die stark erschienen", erzählt er.
Felix Benneckenstein ist mittlerweile 29 und kein Neonazi mehr. Er steht im Bürgerhaus Göppingen in Württemberg, ein örtlicher Verein gegen Nazis hat ihn eingeladen, damit er von seiner rechten Vergangenheit erzählt. Sie ist ihm nicht anzusehen. Er trägt mittellange Haare, Turnschuhe, einen blauen Kapuzenpulli. Auf Brusthöhe steckt ein roter Button von "Storch Heinar" - ein satirisches Label, dass die bei Neonazis beliebten Modemarke Thor Steinar veräppelt.
Benneckenstein kam nicht ohne Grund nach Göppingen. Die örtliche Neonazi-Szene machte lange Schlagzeilen. Erst im Dezember 2014 wurden die "Autonomen Nationalisten Göppingen" verboten, die Rädelsführer stehen vor Gericht. Auch Benneckenstein hatte damals Kontakt zu der Gruppe. Er machte sich über Jahre einen Namen in der Münchner und Dortmunder Szene, trat als Liedermacher "Flex" bundesweit auf rechtsextremen Veranstaltungen auf.  Er erzählt: "Kameraden, Kampfgefährten - so eine innige Freundschaft hatte man noch nie, denkt man.".

Stück für Stück gerät er in den Sog der braunen Ideologie

Dabei war er als Kind noch brav, "auffällig unauffällig", wie er sagt. "Ich bin nicht in Ostdeutschland aufgewachsen, meine Eltern sind keine Schwerstalkoholiker, und das Gymnasium habe ich selbst in einer rebellischen Phase abgebrochen". Über die Musik schlitterte er mit 14 in die Szene. In der Clique hörten sie plötzlich rechten Rock. "Die Musik ist für junge Männer, die sich von Autoritäten lossagen, die Feindbilder entwickeln - das war ich damals."
Stück für Stück gerät er in den Sog der braunen Ideologie. Er zerstreitet sich mit seinen Eltern, zieht nach München, wird dort von der Kameradschaft aufgenommen. Er spielt rechte Lieder auf seiner Gitarre, sprüht Keltenkreuze und rechte Parolen an die Wände. Auch den Schädel rasiert er sich einmal. "Ich hab aber einen runden Kopf, das sah nicht gut aus", sagt er und grinst. Es ging um Anerkennung, weiß er heute. "Der Nährboden ist Unzufriedenheit."
"Man ist auf einmal jemand", erklärt Frank Buchheit von der Beratungs- und Interventionsgruppe gegen Rechtsextremismus (BIG Rex) des Landeskriminalamts Baden-Württemberg. Mit seinem Team fährt Buchheit durchs ganze Land, spricht die Leute an der Haustür an, hinterlässt seine Karte. "Wir müssen auf die Lücken, die Brüche der Ideologie eingehen", sagt er.  
Die Betreuungsgespräche finden oft in Kinderzimmern statt. "Das Rudolf-Hess-Kissen ist dann irgendwann nicht mehr da." Seit 2001 hat die Gruppe rund 2500 Menschen angesprochen, mehr als 170 Aussteiger betreut. "Der Staatsschutz weiß, wo sich was tut, Gruppierungen wackeln, einer als Buhmann gilt."
Felix Benneckenstein fängt Weihnachten 2008 an zu wackeln. Er verbüßt eine Freiheitsstrafe unter anderem wegen Beleidigung im Gefängnis, sitzt in Stadelheim Tür an Tür mit Abschiebehäftlingen. "Abschiebung kannte ich ja nur von Plakaten", erzählt er. "Das waren keine Straftäter, die hatten nur gegen das Aufenthaltsrecht verstoßen. Viele waren um jeden Tag froh, den sie da drinnen sein durften." Er beobachtet, wie sich Flüchtlinge unter Tränen vor dem Zelleneinschluss am Abend umarmen, weil sie befürchten, sich am Morgen nicht wieder zu sehen. "Ich habe mich dermaßen geschämt", sagt er. "Diese Leute haben richtige Probleme."
Trotz zunehmender Zweifel bleibt er noch fast zwei Jahre in der Szene. Wegen einer Rivalität in der Münchner Szene wird Benneckenstein dann übel verprügelt, sagt gegen seine Kameraden aus. "Damit habe ich einen Schlussstrich gezogen." Wegen Drohungen im Netz schrieb er eine nächtliche Mail an das bundesweite Aussteiger-Projekt "Exit". Denn Aussteiger gelten in der Szene als Lügner, Verräter, als Spitzel. "Ich muss weiter die Augen offen halten", sagt er. Nun arbeitet Benneckenstein als Journalist, hilft Aussteigern in Bayern, hält Vorträge vor Schülern. Damit sie seine Vergangenheit verstehen. Und nicht den gleichen Weg gehen. (Nico Pointner, dpa)

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