Politik

30.07.2010

Glück gehabt

Verstöße gegen Sicherheitsvorschriften gab es auch bei bayerischen Großveranstaltungen – und noch immer fehlt es an Personal

Für viele Fans der Fantastischen Vier war der 5. Dezember 2005 ein schwarzer Tag. Aus ganz Bayern pilgerten sie zum Konzert der Hip Hop-Größen in die Münchner Tonhalle, nur um dann trotz gültiger Karten vor verrammelten Türen zu stehen. Nach einer anonymen Anzeige hatte die städtische Lokalbaukommission (LBK) die Sicherheit der Halle überprüft. Das Ergebnis war alarmierend. „Es fehlten ausreichend Fluchtmöglichkeiten. Leib und Leben der Besucher waren ernsthaft gefährdet“, zeigte sich ein LBK-Sprecher entsetzt. Die Halle sei, anders als vom Betreiber beworben, nicht für 2400 sondern nur für rund 1900 Besucher zugelassen gewesen. Das Konzert durfte nur unter Auflagen stattfinden.
Der Auftritt der Stuttgarter Hip Hopper war nicht das erste Konzert in der Tonhalle, bei dem deutlich mehr Karten verkauft worden waren als erlaubt. Man habe „einige Thekeneinbauten gemacht und diese sowie den Platz für die Licht und Tonanlagen nicht mitgerechnet“, rechtfertigte sich der damalige Geschäftsführer. Ab 2006 hat es laut dem heutigen Tonhallen-Chef Franz Klaus allerdings „keinerlei Verstöße“ gegen Behördenauflagen gegeben. Das bestätigt auch die Stadt.
Nicht nur in der Tonhalle nahmen es Betreiber in der Vergangenheit offenbar nicht so genau mit den Gästezahlen. Bereits 2007 packte ein Insider aus. „Es ist ein offenes Geheimnis, dass in den vergangenen zehn bis 15 Jahren die meisten Münchner Betreiber und Veranstalter schon öfter deutlich mehr Karten verkauft haben, als erlaubt“, sagte Gunther Ofenmacher. Er arbeitete viele Jahre als „Technischer Leiter“ für eine Reihe von Hallenbetreibern, war auch für große Konzertsäle wie das Zenith zuständig. Ein Auftritt des Country-Barden Keith Urban in einer Münchner Disco soll nach Augenzeugenberichten sogar so „rettungslos überfüllt“ gewesen sein, dass „die Notausgänge und Toiletten wegen des Gedränges nicht erreichbar“ waren. Bei einer Panik hätte dies fatale Folgen gehabt.


Es gibt einige schwarze Schafe


Konzertveranstalter sprechen dagegen von Einzelfällen. „Die etablierten Veranstalter halten sich strikt an die Auflagen der Behörden“, betont Thomas Bohnet von der Agentur Target Concerts. Doch auch er räumt ein: „Es gibt sicher ein paar schwarze Schafe.“
Das wissen auch die Behörden. So müssen die Veranstalter, auch wenn sie eine niedrigere Gästezahl anmelden, laut Lokalbaukommission nachweisen, dass selbst bei einer kurzfristig höheren Besucherzahl genug Fluchtwege vorhanden sind. Zudem führt das städtische Kreisverwaltungsreferat nach Angaben von Sprecherin Daniela Schlegel „in Konzerthallen und Discos Verdachtskontrollen durch“. In jüngster Zeit seien keine Verstöße durch die Betreiber aufgedeckt worden.
Doch für eine umfassende Kontrolle fehlt wie in vielen Kommunen im Freistaat oft das Personal. Eine Massenpanik bei einer Großveranstaltung kann nach Expertenansicht zudem niemand vollkommen ausschließen.
So sieht das auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Er fordert nach dem Unglück bei der Loveparade, die Sicherheitskonzepte aller Großveranstaltungen deutschlandweit zu prüfen. (Tobias Lill)

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