Politik

Hält die CSU für ein lohnenswertes Forschungsobjekt: die Leiterin der Tutzinger Akademie für politische Bildung Ursula Münch. (Foto: Kruse)

04.11.2011

"Haderthauer wäre auch geeignet gewesen"

Die Politologin Ursula Münch über den neuen Finanzminister Markus Söder, Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die Zukunft der CSU

Eine Wachablösung mit Symbolcharakter: Mit Ursula Münch leitet zum ersten Mal eine Frau die Akademie für politische Bildung in Tutzing. Eine Frauenquote auch für die Wirtschaft betrachtet die 50-Jährige wohlwollend – im Gegensatz zum Betreuungsgeld. Außerdem soll sich die Politologen-Schmiede unter ihrer Ägide mehr dem gesellschaftlichen Diskurs mit Praktikern öffnen.

BSZ: Frau Münch, Sie hatten gerade Ihren ersten Arbeitstag als Akademieleiterin. Wie fühlt sich das an?
Münch: Gut. Wie wahrscheinlich jeder erste Arbeitstag bringt auch meiner viel Unbekanntes und Neues. Andererseits: Ich kenne ja das Haus, die Akademie, alle wissenschaftlichen Mitarbeiter auch aus früheren Referententätigkeiten. Es gibt also auch viele Anknüpfungspunkte.

BSZ: Was reizt Sie an Ihrer Aufgabe?
Münch: Besonders reizvoll ist es, dass sich hier mein Fach, die Politikwissenschaft, in der ich schon lange zu Hause bin, auch mit praktischer Politik verbinden lässt. Es gehört ja zu den Aufgaben des Hauses, die Praktiker aus den verschiedenen Bereichen der Politik, der Verwaltung und der Wirtschaft zusammenzubringen. Zudem finde ich schön, dass man die Politikwissenschaft und ihre Bezugswissenschaften in größeren Zusammenhängen angeht. In den meisten sozialwissenschaftlichen Disziplinen ist man an den Unis sehr stark spezialisiert, hier in Tutzing hat man noch den Blick fürs große Ganze.

BSZ: Sie haben die Auswahlkommission mit einem Zukunftskonzept überzeugt. Was steht da drin?
Münch: Ich habe für Forschung und Lehre an der Akademie Themen skizziert, die mir wichtig erschienen. Mir ist wichtig, das hohe Niveau aufrecht zu erhalten bei Themen wie Parlamentarismus, Parteienforschung, Föderalismusforschung. Andererseits muss man sich stärker mit gesellschaftspolitischen Entwicklungen befassen, mit der Frage, wie es hier in Zeiten des demographischen Wandels und der haushalterischen Begrenzungen weitergeht. Wir haben hier ein etabliertes Publikum, das wir auch künftig ansprechen müssen und wollen, aber es muss auch anderen Kreisen Rechnung getragen werden.

BSZ: Wie wollen Sie jüngere Menschen und Migranten interessieren?Münch: Es ist in der Tat schwierig, in andere Kreise hineinzukommen. Zum Beispiel gibt es in München sehr viele türkische Akademiker. Hier kommt man nur über Multiplikatoren voran. Vielleicht müssen wir auch stärker in die Wirtschaft gehen.

"Ich sehe keine Notwendigkeit in eine Partei einzutreten"

BSZ: Zu Ihren Forschungsschwerpunkten gehören das Parteiensystem und dessen Wandel. In Bayern hat sich da in den letzten Jahren einiges getan.
Münch: Es findet im Grund eine Angleichung statt an Tendenzen, die wir in der restlichen Bundesrepublik haben und in anderen Industrieländern mit einem ähnlichen politischen System. Auch wenn die CSU noch immer eine deutliche Mehrheit hat, eine Rückentwicklung zu den alten Zuständen ist sehr unwahrscheinlich. Mit der Urbanisierung und dem gesellschaftlichen Wandel gehen Veränderungen im persönlichen Leben einher, im Wahlverhalten bis hin zur Entscheidung, gehe ich überhaupt wählen.

BSZ: Ist Bayern für Politikwissenschaftler ein besonders interessantes Land?
Münch: Zweifelsohne. Wenn man allein die jüngere Geschichte Bayerns anschaut, dann ist der Wandel vom Nehmer- zum Geberland im Finanzausgleich doch hochinteressant. Und natürlich, dass wir hier in Bayern die einzige regierende „Regionalpartei“ haben, die unterschiedliche Klaviaturen bedienen muss, je nachdem, auf welcher Ebene sie agiert.

BSZ: Mitten in der Finanzkrise ist der bayerische Finanzminister Georg Fahrenschon zurückgetreten. Wie beschädigt ist Horst Seehofer?
Münch: Ich kann keine Beschädigung erkennen. Fahrenschon hat festgestellt, dass seine Karrierechancen innerhalb der CSU begrenzt sind. Das ist doch widersprüchlich: Einerseits wirft man Politikern immer vor, sie kleben an der Macht, andererseits kritisiert man jemanden, der eben nicht am Sessel klebt, sondern eine Chance ergreift.

BSZ: Was halten Sie von Markus Söder als Fahrenschon-Nachfolger im Finanzministerium?
Münch: Angesichts des Zeitdrucks ist das sicher eine gute Lösung: Söder hat in der Vergangenheit bewiesen, dass er zur Führung eines Ministeriums in der Lage ist. Es geht ja nicht in der Hauptsache um Fachkompetenz, das heißt, der Finanzminister muss nicht zwangsläufig Volkwirtschaftslehre studiert haben, sondern er muss vor allem Führungskompetenz haben. Frau Haderthauer wäre sicher genauso geeignet gewesen, aber sie hatte nicht den Rückhalt der Fraktion.

BSZ: Im Gegensatz zu Ihrem Vorgänger Heinrich Oberreuter haben Sie kein Parteibuch.
Münch: Natürlich bin ich nicht nur politikwissenschaftlich, sondern auch politisch sehr interessiert. Aber ich habe nie die Notwendigkeit gesehen, einer Partei beizutreten und habe es eher als sinnvoll erachtet, eine gewisse Distanz zu haben. Man wird weniger in eine Schublade gesteckt. Damit will ich aber niemandem einen Vorwurf machen, der als Politikwissenschaftler einer Partei angehört.

Politik hat nicht die Aufgabe, Lebensmuster vorzugeben

BSZ: Professor Oberreuter war sehr präsent in Talkrunden und Interviews. Stellen Sie sich das auch so vor?
Münch: Ja, meines Erachtens gehört das auch zum Amt der Direktorin, dass man außen wahrgenommen wird. Es ist aber nicht zwingend, an Talkshows teilzunehmen oder in eine Dauerpräsenz zu verfallen. Aber ich gehe davon aus, dass ich öfter um Stellungnahmen gebeten werde. Dem komme ich dann gern nach.

BSZ: Sie sind die erste Frau an der Spitze der Akademie. Sind Frauen jetzt bei Führungspositionen im Vormarsch? Oder plädieren Sie für eine gesetzliche Quote – auch für die Wirtschaft?
Münch: Mir geht es da wie vielen Kolleginnen in meinem Alter in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Früher wäre ich nicht für eine Quote gewesen. In Anbetracht der Zeit, die das Ganze schon gedauert hat, muss ich sagen: Mit Abwarten und Schmusekurs ist es nicht getan. Aber wenn ich mir anschaue, wie lange es gedauert hat, bis Frauen in die Position kommen, die sie von ihrer Kompetenz und ihrer Persönlichkeit ausfüllen, bin ich einer Quote gegenüber deutlich aufgeschlossener.

BSZ: Wie haben Sie selbst Karriere und Kinder miteinander verbunden?
Münch: Ich habe mich entschieden, erst meine Karriere anzugehen und dann die Familiengründung. Aber das war meine ganz persönliche Entscheidung, das ist kein Patentrezept.

BSZ: Aus verschiedenen Gründen sind Frauen gut beraten, ihren Beruf nicht aufzugeben. Was halten Sie in diesem Zusammenhang vom Betreuungsgeld, das die CSU einführen will?
Münch: Ich finde, Politik hat nicht die Aufgabe, Lebensmuster vorzugeben. Zwei Punkte sprechen gegen das Betreuungsgeld. Es kostet sehr viel, die Infrastruktur für mehr Kinderbetreuung herzustellen. Die Mittel, die für das Betreuungsgeld verwendet werden müssen, fehlen hier. Was aber noch viel wichtiger ist: Wer nimmt das Betreuungsgeld in Anspruch? Schaffen wir nicht denjenigen die Möglichkeit, sich mit ihren Kindern zurückzuziehen, deren Kinder besonderer Förderung bedürfen würden? Ohnehin haben wir bei Steuer- und Familienpolitik nach wie vor Strukturen, die die Hausfrauenehe begünstigen. (Interview: Anke Sauter)

 

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