Politik

05.06.2015

Homo-Ehe: Das Kalkül der Union

Ein Kommentar von Waltraud Taschner

Ob zwei Lesben im Standesamt heiraten und später mal ein Kind adoptieren dürfen, ist den nicht gerade als bigott verschrienen Parteichefs von CDU und CSU vermutlich egal. Keineswegs egal ist Angela Merkel und Horst Seehofer dagegen das Wohlwollen konservativer Wähler. Eine nennenswerte Zahl von ihnen zu vergrätzen, kann die Union in Zeiten, da es auf jedes Stimmenprozent ankommt, die Mehrheit kosten. Gewiss: Die kirchlichen Hardcore-Leute unter den Unionsanhängern sind bei Weitem in der Minderzahl. Doch könnte es auf diese wenigen ankommen – zum Beispiel, weil sie aus Frust und/oder Protest nicht mehr zur Wahl gehen. Bereits seit Längerem übertreffen bei bundesweiten Urnengängen die Nichtwähler zahlenmäßig die Unionswähler. Machtpolitisch – und nur darum geht es – gilt den Parteioberen der Makel, als rückständig zu gelten und gleichgeschlechtliche Paare zu diskriminieren, als kleineres Übel.
Ohnehin mussten eingefleischte Konservative mit Grausen registrieren, wie einst unverrückbare CDU/CSU-Positionen in den vergangenen Jahren fielen: sei es bei der Frauenquote, der Abschaffung der Wehrpflicht, der Energiewende oder beim Mindestlohn. Innerhalb der CSU trommelt die Organisation „Konservativer Aufbruch“ bereits gegen eine „weitere Kehrtwende“ bei christsozialen Grundsatzpositionen.

Inhaltliche Argumente interessieren nicht – Machtkalkül um so mehr


Inhaltliche Argumente – und seien sie noch so stichhaltig – werden die Union vorerst jedenfalls nicht veranlassen, sich beim Thema Homo-Ehe zu bewegen. Kommen wird die völlige Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften mit der traditionellen Ehe trotzdem. Nach Lage der Dinge muss auch hier mal wieder das Bundesverfassungsgericht ein Machtwort sprechen. So wie bereits bei der steuerlichen Gleichstellung: Nachdem sich die Union dazu nicht hatte durchringen können, entschied Karlsruhe im Jahr 2013, dass die Homo-Ehe der traditionellen Ehe beim Steuerrecht angeglichen wird – inklusive Splittingvorteil und Kinderfreibetrag.
Merkel und Seehofer wären in dem Fall fein raus – sie waren’s dann ja nicht. Derweil dürfen sie auf den Rückhalt auch erzkonservativer Wähler setzen. Und darauf, dass die gemäßigt-liberalen Anhänger wegen des blamablen Gezerres um die Homo-Ehe schon nicht von Bord gehen. So ist das. Leider.

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Kommentare (7)

  1. Zitrone am 05.06.2015
    Auch wenn es gegen den Zeitgeist ist, Ehe sollte bleiben, was es ist. Eine Partnerschaft zwischen Mann und Frau und Kindern, denn u.a. ohne diese Verbindung würde unsere Gesellschaft aussterben. Andere Partnerschaftsformen können diese nicht ersetzen.
  2. Limette am 06.06.2015
    Liebe Zitrone, welches heterosexuelle Paar macht denn seine Entscheidung, ob es Kinder haben möchte, davon abhängig, ob Homosexuelle heiraten dürfen, oder nicht? Außerdem soll die Ehe zwischen Mann und Frau doch nicht abgeschafft werden.
  3. Dborrmann am 06.06.2015
    Hallo Zitrone.

    Folgt man Ihnen, müssten Frau Merkel und Herr Sauer sich scheiden lassen. Auch für unfruchtbare Paare wäre die Ehe dann tabu. Also lassen Sie sich etwas Neues einfallen, wenn Sie weiterhin auf Ihrer Haltung bestehen.

    Zeitgeist ist übrigens etwas sehr Wichtiges. Oder sind Sie für Sklaverei, Hexenverbrennung, Kreuzigung usw. usf. Ohne Zeitgeist lebten wir noch wie die Neandertaler.
  4. Hubbi am 06.06.2015
    Hallo Dbormann,

    "Ohne Zeitgeist lebten wir noch wie die Neandertaler."

    Du hast ja grundsätzlich Recht. Ich würde allerdings sagen „Ohne Zeitgeist würden wir heute gar nicht mehr leben.“

    Die Kritiker, die so gerne den "Zeitgeist" als Argument gebrauchen, meinen wohl eher die "Mode". Dagegen ist der gewachsene Zeitgeist mehr als eine kurzzeitige Modeerscheinung. Und die Natur (und wir sind ja ein Bestandteil dieser Natur) muss sich mehr oder weniger dem "Zeitgeist", das heißt, den jeweiligen Bedingungen unter denen sie existiert, anpassen. Alles andere bedeutet kurz-, mittel- oder langfristiges Aussterben der nicht angepassten Kreaturen.
  5. Zitrone am 06.06.2015
    Liebe Mitdiskutanten, erstmal freu ich mich über das Echo. Vier Wortmeldungen sind an diesem Platz doch eher selten. D Die Aussagen zum Begriff Zeitgeist finde ich interessant und bedenkenswert. Daß auch Ehen zwischen Mann und Frau aus den verschiedensten Gründen kinderlos bleiben können, ändert aber nichts daran, daß Mann/Frau Ehen auf Fortpflanzung angelegt sind und damit gemeinschaftserhaltend. Deswegen sollten sie auch weiterhin privilegiert bleiben. Ansonsten soll jeder ohne Diskriminierung nach seiner Fasson selig werden. Ich bin froh, bei aller Kritik, dass Grundgesetz und BVerfG Minderheiten schützen.
  6. Hubbi am 07.06.2015
    Hallo Zitrone,

    "auf Fortpflanzung angelegt" sind nicht nur Ehen. Jede sexuelle Beziehung zwischen Frau und Mann kann auf Fortpflanzung angelegt sein. Die "Ehe" ist ein Konstrukt der kulturellen Evolution, die vielleicht mal gerade ein paar Tausend Jahre alt ist. Der Mensch existierte aber schon einige Millionen Jahre vorher ohne dieses künstliche Gebilde "Ehe" und ist trotzdem nicht ausgestorben.

    Während ursprünglich die Ehe hauptsächlich von Religionen als "heiliger Akt" geschlossen wurde, ist sie in Deutschland seit über 100 Jahren zusätzlich als Zivilehe ein "staatlicher Akt" (was in Preußen einen jahrelangen Kulturkampf zwischen Staat und Kirche ausgelöst hat). Ohne eine zuvor geschlossene Zivilehe ist eine kirchliche Trauung nicht gültig.

    Also wenn zum Kinderkriegen heute in unserer freien und sexuell nicht mehr "verklemmten" Gesellschaft die Ehe nicht zwingend erforderlich ist, warum kann sie dann nicht auch für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet werden? Wenn diese dann gemeinsam eigene oder angenommene Kinder erziehen, bilden sie eine verfassungsrechtlich geschützten Familie (siehe die aktuellen Urteile des Bundesverfassungsgerichts). Damit werden heterosexuelle Ehen nicht benachteiligt und die Paare können weiterhin so viel Kinder bekommen, wie sie möchten. Und auch bei der Adoption werden sie gegenüber gleichgeschlechtlichen Paaren nicht benachteiligt. Denn hier gilt in jedem Einzelfall das Kindeswohl.
  7. Veraergert am 11.06.2015
    Homosexuelle haben es sich nicht ausgesucht keine Kinder mit ihrem Partner haben zu können. Dennoch ist es der Wunsch vieler Homosexueller ihrem inneren Trieb, sich fortzupflanzen, folgen zu können und im Alter nicht einsam sterben zu müssen.
    Sollten Menschen, die ohne Beine auf die Welt gekommen sind einfach akzeptieren niemals Teil der Gesellschaft zu werden? Sollten wir ihnen Hilfen wie Rollstühle verweigern? Sollten wir sie als Bürger 2. Klasse behandeln? Nein, niemand außer Hitler würde auf diese Idee kommen. Das wäre verwerflich.
    Homosexuelle sollen sich mit ihrem Schicksal abfinden, vor sich hinvegetieren und ohne Familie und Kinder sterben. Sie sollen Steuern bezahlen wie jeder andere, aber als Bürger 2. Klasse behandelt werden.
    Damit scheint die Hälfte der Deutschen kein Problem zu haben.
    Ich habe aber ein Problem damit. Und dieses dumme Geschwätz zum Schutz der Ehe hängt mir so zum Hals raus. Niemand verweigert Heterosexuellen ihre Ehe, ihre Kinder und ihre Heuchlerei. (Immerhin werden die Hälfte aller Ehen nach kurzer Zeit der trauten Zweisamkeit wieder geschieden.)
    Versuchen Sie mal das beste aus Ihrem Leben zu machen, wenn man Ihnen ihre natürlichen Bedürfnisse verweigert und statistisch jeder zweite sie mit den Füßen tritt.

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