Politik

Pater Anselm Grün (l) mit Walter Kohl. (Foto: dpa)

24.09.2014

Kanzler, Kloster, Krise

Walter Kohl steht als Politikersohn seit einem halben Jahrhundert in der Öffentlichkeit, Anselm Grün lebt seit 50 Jahren im Kloster. Jetzt suchen beide gemeinsam nach dem Sinn des Lebens

Den Sprung auf die Bestsellerlisten haben Walter Kohl und Pater Anselm Grün schon vor Jahren geschafft. Der Sohn von Altkanzler Helmut Kohl (CDU) und dessen Frau Hannelore sorgte mit seinem im Januar 2011 erschienenen Erstlingswerk "Leben oder gelebt werden" für Aufsehen und Auflage. Der Mönch in der Abtei Münsterschwarzach bei Würzburg schreibt schon länger. Seine mehr als 300 Bücher verkauften sich weltweit bereits 16 Millionen Mal. Nun bringen der Politikersohn und der Mann aus dem Kloster ihr erstes gemeinsames Buch auf den Markt. Und finden ein Thema.
"Wir sind Menschen mit zwei Lebensläufen, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten", sagt der Benediktinerpater im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Der 69-Jährige widmet sein Leben dem Glauben und der Kirche, vor genau 50 Jahren ist er ins Kloster eingetreten. Der 51 Jahre alte Kohl lebt seit der Kindheit öffentlich. Er hat sich vom Schatten seines Vaters befreit, sein Dasein als Kanzlersohn verarbeitet und damit Schlagzeilen gemacht.   

Mit 51 Jahren noch immer der "Sohn von"

Ihr gemeinsames Buch"Was uns wirklich trägt - Über gelingendes Leben" erscheint im Freiburger Herder Verlag. Es kommt diesen Donnerstag (25.9.) deutschlandweit auf den Markt. Kohl und Grün stellen darin ihre Biografien nebeneinander und gewähren persönliche Einblicke, hinter hohe Klostermauern ebenso wie in das Leben der Kohls. Und widmen sich der Frage, die für beide zum Lebensthema geworden ist: die Suche nach Sinn.
Kohl ist zum Schreiben zu Grün ins Kloster gekommen. Der Mönch, sagt er, sei für ihn Vorbild. "Ich habe in ihm und seinen Texten Inspiration gefunden, empfinde ihn als spirituellen Leuchtturm." Im Kloster finde er Ruhe und Kraft, könne Krisen bewältigen. Ein starker Buchverkauf stehe nun nicht im Vordergrund. "Wer allein wegen des Erfolges schreibt, ist von Beginn an zum Scheitern verurteilt."
Seitdem der Kontakt mit dem übermächtigen Vater abgebrochen ist und dem ersten Buch, in dem vom Privatleben des deutschen "Dauerkanzlers" und der Familie berichtete und in dem viele eine Abrechnung sahen, hat Kohl die von ihm ungeliebte Rolle als Kanzlersohn und seine Lebenskrisen hinter sich gelassen. Er hat sich als Berater für Lebensfragen selbstständig gemacht und im vergangenen Jahr im hessischen Königstein ein "Zentrum für eigene Lebensgestaltung" gegründet.
Noch immer wird er in Teilen der Öffentlichkeit als "der Sohn vom Kohl" wahrgenommen. Es gelinge ihm aber immer mehr, sich mit seinem Thema als eigenständige Person zu positionieren. "Ich stand 2002 kurz vor dem Selbstmord, wollte den Weg wählen, den meine Mutter beschritten hatte. Sozusagen im letzten Moment habe ich einen Weg der Versöhnung für mich entdeckt, der mir half, mich zu befreien."  
Pater Grün hat dafür Respekt. "Ich habe seine Lebensgeschichte gelesen. Sie hat mich sehr berührt." Beide kennen sich schon länger, das Buch hat sie nun zu Freunden und Partnern gemacht. Sie erzählen darin aus ihrem Leben von der Kindheit bis heute. Und widmen sich der Frage, wie Leben gestaltet werden kann und Krisen überwunden werden.

"Politik war mir seit frühester Jugend suspekt"

"Wir zeigen unsere Erfahrungen und wollen damit anderen auch Hilfe und Ratgeber sein", sagt Grün. "Wir wollen Zuversicht vermitteln." Die Suche nach dem Sinn höre nie auf. "Wir müssen sich ihr immer wieder stellen. Alle Antworten und Lösungen liegen in uns selbst." Er habe als Mönch und Buchautor seine Berufung empfunden. Und wolle seine Gedanken weiter als Autor mit der Öffentlichkeit teilen.
Auch Kohl hat sich mit seiner Biografie versöhnt und seinen "inneren Frieden" gefunden. Ein Leben in der Politik könne er sich nach den Erfahrungen, die er als Politikersohn gemacht habe, nicht vorstellen. "Ich war und bin zwar schon immer sehr an politischen Themen interessiert", sagt er. Aber: "Die Politik, die ich aus nächster Nähe erlebt habe, bestand aus einer besonderen Form von Intrige, andauernden Machtkämpfen und konfliktträchtiger Parteiarbeit. Das war mir seit frühester Jugend suspekt."
Und weiter: "Schon als Teenager war mir klar: Mit diesem Milieu möchte ich nichts zu tun haben." Dies habe er auch seinem Vater gesagt. "Mein Ideal von einer sachorientierten Politik ohne den Primat der Parteipolitik in Deutschland hat er immer belächelt. Und auch ich selber weiß, dass das wohl ein Wunschtraum bleiben wird." (dpa)

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