Politik

Sowohl CSU als auch FDP bescheinigen PräTect gute Arbeit. Dennoch könnte das bundesweit einmalige Projekt dem Sparzwang zum Opfer fallen. Foto: DPA

27.08.2010

„Katastrophe für die Jugendarbeit“

Das Projekt PräTect soll sexuellen Missbrauch in Vereinen und Jugendgruppen verhindern – jetzt steht es vor dem Aus

Es dauerte sieben Jahre, bis Stefan Wirth (Name geändert) endlich den Mut fand, über das Geschehene zu reden. Sieben Jahre, in denen er mit seiner Leidensgeschichte alleine klarkommen musste. Wirths Alptraum begann 2002. Der damals 14-Jährige spielte Fußball in einer Jugendmannschaft eines großen oberbayerischen Sportvereins. Doch seinem Trainer ging es offenbar nicht nur um Sport, er verging sich sexuell an dem Jungen. Heraus kam die Tat nur, weil die Polizei 2009 bei seinem Jugendcoach wegen anderer Delikte eine Hausdurchsuchung machte und dabei kinderpornographisches Material sicherstellte.
Wirth ist kein Einzelfall. Martina Kobriger, Präsidentin des Bayerischen Jugendrings (BJR), geht von einer „hohen Dunkelziffer“ an Missbrauchsfällen in Sportvereinen aus. So seien etwa beim Turnen und beim Fußball Übungen alltäglich, in denen ein Betreuer seinem Schützling Hilfestellungen geben muss. Und nicht nur dort: Nach Expertenansicht hat die gesamte Jugendarbeit eine hohe Anziehungskraft auf Pädophile.


Warten auf die Haushaltsverhandlungen


Doch die Opfer werden häufig alleine gelassen mit dem Geschehenen. Nicht nur in Sportvereinen sind sexuelle Übergriffe auf Kinder mitunter noch immer ein Tabu-Thema. Die Jugendbetreuer sprechen mit ihren Schützlingen oder Kollegen nach wie vor zu wenig über das Thema. Vorsichtsmaßnahmen wie etwa ein Kummerkasten, dem sich betroffene Kinder anvertrauen können, fehlen. Zudem fordern nach wie nur die wenigsten Vereine oder kirchlichen Organisationen Führungszeugnisse von ihren Betreuern.
Schwarze Schafe haben deshalb mancherorts leichtes Spiel. „Dennoch hat sich hier im vergangenen Jahrzehnt sehr viel zum Besseren getan“, berichtet BJR-Sprecher Bastian Dietz. Das Thema sei aus der totalen Versenkung verschwunden. Und auch Josef Zellmeier, jugendpolitischer Sprecher der CSU-Fraktion im Landtag, ist überzeugt, dass „die Sensibilität“ in den Vereinen und Jugendorganisationen in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen habe.
„Für den offeneren Umgang mit dem Thema und die verbesserte Prävention ist nicht zuletzt die hervorragende Arbeit von ,PräTect’ mitverantwortlich“, findet der Abgeordnete. PräTect ist ein Projekt des BJR und soll Strukturen in den Jugendverbänden schaffen, die helfen, Übergriffe zu verhindern. In Schulungen erlernen die meist ehrenamtlichen Betreuer, Grenzüberschreitungen zu erkennen und vor allem, welche Vorsichtsmaßnahmen sie ergreifen können.
So empfehlen die Projektmitarbeiter beispielsweise Sportklubs, Jugendmannschaften stets von zwei Trainern betreuen zu lassen. Die Kinder sollen durch die Gruppenkurse gestärkt werden, „Nein“ zu sagen.
Jürgen Igelspacher, Geschäftsführer des bayerischen Fußballverbands, bescheinigte Prätect im Gespräch mit der BSZ deshalb jüngst, „sehr gute Arbeit zu leisten“. Und auch der jugendpolitische Sprecher der Landtagsfraktion der Freien Wähler Thorsten Glauber nennt das Projekt „unverzichtbar“.
BJR-Pädagoge Dietz hält das 2003 geschaffene Programm gar für ein „Leuchtturmprojekt“. Mittlerweile interessieren sich auch andere Bundesländer für das bayerische Pilotprojekt. Bislang gibt es anderenorts aber keine vergleichbare Initiative. Doch der weiß-blauen Erfolgsstory droht ein jähes Ende.
Ende 2010 lässt der BJR das Projekt wohl auslaufen. Denn bislang finanzierte der Jugendring PräTect hauptsächlich aus Mitteln der Stiftung Deutsche Jugendmarke. Diese Fördergelder versiegen Anfang 2011. Geld aus anderen Bereichen abziehen könne der Jugendring jedoch nicht, so BJR-Sprecher Dietz. „Wegen der Kürzungen der vergangenen Jahre fehlt uns das Geld, weshalb wir ohnehin in anderen Bereichen Stellen einsparen müssen.“ Man habe, um Prätect weiter zu fördern, bereits bei der Medienpädagogik und Integrationsprojekten massiv gespart.
Tatsächlich hatte Ex-Regierungschef Edmund Stoiber 2003 die Jugendarbeit fast kaputtgespart. Er kürzte handstreichartig fast 5 Millionen Euro, worunter der BJR bis heute leidet. Der Jugendring sieht deshalb die Staatsregierung in der Pflicht eine neue Stelle für PräTect zu schaffen.
Im bayerischen Kultusministerium begegnet man dieser Forderung zwar wohlwollend. „Weil ich die Arbeit von Prätect besonders schätze, habe ich für den kommenden Haushalt entsprechende Mittel beantragt, damit das Projekt fortgesetzt werden kann“, erklärt Minister Ludwig Spaenle (CSU) auf Anfrage der Staatszeitung. Doch der Kultusminister sagt auch: „Das Ergebnis der Haushaltsverhandlungen bleibt abzuwarten.“
Und genau hier liegt das Problem. Denn die diesjährigen Haushaltsverhandlungen dürften so hart geführt werden wie lange nicht mehr. Manche Kabinettsmitglieder wetzten bereits die Messer, den üppigen Etat Spaenles fest im Blick. „Es dürfte schwer werden, die Mittel für PräTect bei den Verhandlungen durchzubekommen“, sagt ein mit der Angelegenheit vertrauter CSU-Politiker.
Und aus dem Umfeld des Kultusministeriums heißt es ebenfalls: Die geplanten Lehrerstellen stünden wegen des Koalitionsvertrags nicht zur Disposition, weshalb wohl an anderer Stelle gespart werden müsse. Dass sich Spaenle durchsetzen kann, scheint deshalb unwahrscheinlich. Dafür spricht auch, dass CSU-Mann Zellmeier in der eigenen Fraktion mit einer Initiative scheiterte, die CSU solle sich vorab auf eine Finanzierung der nötigen Mittel für das Projekt festlegen. Allerdings versichert der Straubinger Abgeordnete, er werde sich weiter für PräTect starkmachen.
Julika Sandt, jugendpolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, will sich ebenfalls für einen Erhalt der Initiative einsetzen. Schließlich sei diese „ausgesprochen wichtig“. Sie sieht neben der Staatsregierung aber auch den BJR in der Pflicht. „Hier gilt es, richtige Prioritäten zu setzen“, so die Liberale.
Zumindest die Opposition glaubt nicht mehr an eine Rettung in letzter Sekunde. „Die Staatsregierung spart mal wieder an der falschen Stelle“, sagt FW-Mann Glauber, der ein Aus von PräTect „als Katastrophe für die Jugendarbeit“ bezeichnet. Tobias Lill

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