Politik

04.06.2010

Majestätsbeleidigung

Ein Bundespräsident, sei er auch ein gewitzter Seiteneinsteiger, anheimelnder Querdenker oder leidenschaftlicher Konformist, ist ein Geschöpf der Parteipolitiker. Auch wenn er das nicht bleiben möchte und es deshalb mit der Volkstümlichkeit probiert, bedarf er der unter hohen Tieren üblichen Kontaktpflege. Oder er wirft, wie am Montag Horst Köhler, einfach hin. Eine lange Aufregung bei der Suche nach Ersatz mag einkalkulierter Balsam für sein gekränktes Gemüt sein, eine nur kurze ein weiteres Ärgernis. Ein politischer Tugendbold war er nicht immer. Als 2005 der damalige Kanzler Gerhard Schröder (SPD) seiner rot-grünen Mehrheit sicher war, doch frech behauptete, er sei es nicht, half ihm der Bundespräsident bei der Terminierung der vorgezogenen Bundestagswahl. Noch mehr half er damit Angela Merkel (CDU), die ihn, den volksfernen Direktor des Internationalen Währungsfonds, ein Jahr zuvor in das hohe Staatsamt gehievt hatte. Unsere Kanzlerin findet allerdings, politische Freundschaften zeichneten sich durch ihr jeweiliges Verfallsdatum aus. Als Köhler nach einer harmlosen Bemerkung über Auslandseinsätze der Bundeswehr mit Gewalt missverstanden wurde, sprang sie ihm nicht bei. Mit der einen Ausnahme – Verteidigungsminister KarlTheodor zu Guttenberg (CSU) – zierte sich auch ihr Anhang. Da kam dem an der Spitze vereinsamten Mann das Roland-Koch-Rezept gerade recht: Rücktritt zur Verblüffung der ganzen Nation. Die aber verliert in ihm keinen Germanisten oder Soziologen, sondern in finanzieller Drangsal ausgerechnet einen Ökonomen. Der Mehrheit der schlichten Gemüter hat es ausgezeichnet gefallen, dass Köhler auf die Finanzmärkte schimpfte und sie als „Monster“ bezeichnete. Leider riet er nicht davon ab, besagtes Monster ununterbrochen zu füttern, nämlich durch neue Kreditaufnahmen, also durch Schuldenmacherei. Überhaupt war, als es in diesem Frühjahr drunter und drüber ging, seine väterliche Expertenstimme selten zu vernehmen. Mit dem bevorstehenden Schlamassel, das sich Retterdeutschland eingehandelt hat, wird er nichts mehr zu tun haben. Wenn das kein geheimes Rücktrittsmotiv ist.

(Roswin Finkenzeller)

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