Politik

Stromleitung in Nordbayern. Foto: BSZ

29.04.2011

Öko ja, aber bitte nicht bei mir

Um die Energieziele zu erreichen, muss das Stromnetz ausgebaut werden – doch Bürgerinitiativen fühlen sich übergangen

Am Ostermontag protestierten bundesweit Tausende gegen Atomkraft. Doch die knapp 600 Demonstranten, die an der Grenze zwischen Thüringen und Bayern auf die Straße gingen, richten ihren Zorn nicht gegen Kernkraftwerke. Die Anhänger der Interessengemeinschaft „Achtung Hochspannung“ wollen eine neue Starkstromtrasse verhindern. Dabei sind es Leitungen wie diese, die die Energiewende erst möglich machen sollen, indem sie ökologisch produzierten Strom von Nord nach Süd transportieren.

Ökos gegen Öko


Knapp 40 Prozent des deutschen Stromverbrauchs sollen bis 2020 durch erneuerbare Energien gedeckt werden, so will es zumnindest die Bundesregierung. Doch dafür müssten gemäß der Deutschen Energieagentur (dena) bundesweit zusätzlich 3600 Kilometer neue Stromleitungen verlegt werden. Schon vorher waren 850 neue Kilometer geplant, von denen bislang jedoch nur ein Zehntel gebaut wurde. Auch deshalb stehen Bürgerbegehren in der Kritik, etwa als „Ökos gegen Öko“, wie der Stern titelte. Renate Hichert von der Bundesnetzagentur sagt, sie könne persönliche Einwände zwar verstehen, doch irgendwo müsse die Energie herkommen.
Anette Martin, Sprecherin von „Achtung Hochspannung“, fühlt sich nicht als Öko-Bremserin. Die 48-Jährige hat auf dem Ostermarsch die Hauptansprache gehalten. Eins ist ihr besonders wichtig: „Wir haben nichts gegen erneuerbare Energien.“ Sie sei sogar eine Verfechterin – bloß eben nicht so, wie es momentan laufe.
Seit fünf Jahren kämpft Martin gegen die geplante „Thüringer Strombrücke“ zwischen Halle und Schweinfurt. Auf einer Strecke von über 200 Kilometern soll dort künftig 380-Kilovolt-Starkstrom von Sachsen-Anhalt nach Bayern fließen. Erzeugt werden soll der Strom in Offshore-Windparks. Bislang ist noch keine Energie aus den Windmühlen auf hoher See im Umlauf, doch nach Berechnungen der dena könnte bis 2020 mehr als doppelt so viel Strom auf die Weise produziert werden wie derzeit in Kernkraftwerken.
Martin bezweifelt jedoch, dass die neuen Netze tatsächlich erneuerbaren Energien dienen sollen. im Norden der „Thüringer Strombrücke“ würden 13 neue Kohlekraftwerke geplant. „Das ist doch Leute veralbern, dass die Leitung da für Windstrom sein soll“, sagt sie.
Tatsächlich gibt auch die dena zu, dass die neuen Trassen zumindest übergangsweise auch für Strom aus Kohle, Gas und Atomenergie genutzt werden sollen. Aber ohne neue Leitungen könne gar nicht auf Ökostrom umgestellt werden, sagt Bundesnetzagentur-Sprecherin Hichert. „Der Netzausbau ist dringend notwendig.“.
Umweltexperte Raimund Kamm beschäftigt sich seit Jahren kritisch mit dem deutschen Energienetz. Auch er sagt: Der Netzausbau muss sein. „Das ist so, als wenn man ein 100 Jahre altes Haus umbauen muss, wenn es neue Erfordernisse gibt.“ Die Entscheidungen müssten jedoch immer im Einzelfall getroffen, alle Beteiligten eingebunden werden. Denn die Bürger fühlten sich übergangen.


„Die Konzerne wollen
gar keine rasche Einigung“


So kritisieren viele Initiativen weniger die neuen Leitungen an sich als ihre Form. Denn die dena bevorzugt, den Strom über überirdische Starkstromtrassen zu transportieren. Eben diese Trassen mit bis zu 50 Meter hohen Masten stören die Bürger am meisten.
Martin befürchtet wie viele andere auch, dass Hochspannung krank machen könne. In ihrem Dorf im Coburger Land gibt es bereits eine überirdische Stromleitung – und ausgerechnet in dem Ortsteil seien in den vergangenen Jahren sechs Menschen an Krebs gestorben, behauptet sie. Darüber, wie gefährlich „Elektrosmog“ wirklich ist, widersprechen sich Studien allerdings bis heute. Viele Kritiker fürchten zudem die Zerstörung der Natur.
Gegen Leitungen unter der Erde haben viele Anwohner hingegen nichts einzuwenden. Die dena kritisiert sie zwar als unsicherer und teurer, aber dafür beeinträchtigen sie die Natur wesentlich weniger. Die Technik müsse je nach konkreter Situation ausgewählt werden, sagt auch Hichert von der Bundesnetzagentur. Alle Kabelarten hätten Vor- und Nachteile. Eine weitere Option sind sogenannte Hochtemperaturseile aus Aluminium, die heißer werden können als übliche Stromleitungen und so mehr Strom transportieren. Diese sind laut dena jedoch deutlich teurer.
Hinzu kommt: Die meisten Leitungen sind bereits fertig geplant – und zwar als normale Starkstromtrassen. Ohnehin sind die Zahlen der dena noch auf einem Stand vor der Fukushima-Katastrophe. Hichert fordert deshalb: „Der Bedarf muss noch einmal präzise berechnet werden.“ Und Martin sagt, die Energiekonzerne müssten ihr beweisen, dass die neue Leitung wirklich für Öko-Strom notwendig ist. Dann würde sie sie akzeptieren.
Doch Umweltschützer Kamm bezweifelt, dass die Konzerne überhaupt ein Interesse an einer schnellen Einigung haben. Denn wenn eines Tages der Markt für kleinere Öko-Unternehmen geöffnet sei, würden ihre eigenen Gewinne schrumpfen. Zudem kosteten neue Netze zunächst nur Geld, die alten Netze hingegen seien längst abbezahlt und brächten Gewinn. Deshalb kämen den Firmen die Bürgerinitiativen sehr gelegen, sagt Kamm. „Die großen Stromkonzerne versuchen, den schwarzen Peter für den Nichtausbau des Netzes den Bürgern zuzuspielen.“
(K. Antonia Schäfer)

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