Politik

16.01.2015

Paris und die Folgen

Ein Kommentar von Waltraud Taschner

Was geht in einem Menschen vor, ehe sich im Kopf ein Schalter umlegt? Ehe es „klick“ macht und aus einem bis dato unauffälligen Mitbürger ein mordender Extremist wird? Und wie ließe sich gegensteuern? Weil die Antwort auf derlei Fragen so schwierig ist, konzentriert sich die Politik nach der Katastrophe von Paris fast durchweg auf das Standardprogramm: die Forderung nach neuen und/oder schärferen Gesetzen.
Natürlich sollen Dschihadisten in Deutschland keinen Rückzugsraum haben und an der Ausreise gehindert werden, natürlich sollen der geplante Besuch von Terrorcamps und die Finanzierung terroristischer Aktionen sanktioniert werden. Entsprechende Gesetze sind überfällig, und man fragt sich, weshalb es erst zu dem schrecklichen Attentat kommen musste, um derlei auf die Agenda zu setzen. Alternativlos ist auch die von Bayern angekündigte verstärkte Beobachtung Terrorverdächtiger, mit mehr Personal.

Warum nicht in der Schule in allen Fächern mal über den Terror in der Welt reden?


Ob aber zur Terrorabwehr Grundrechte wie das auf informationelle Selbstbestimmung geopfert werden sollen, ist äußerst fraglich. Die von der CSU propagierte Idee brächte in der Praxis wenig und riecht nach Aktionismus. Eine Studie des Bundeskriminalamts besagt: Die Wiedereinführung der vom Bundesverfassungsgericht 2010 gekippten Vorratsdatenspeicherung würde die Aufklärungsquote bestenfalls um 0,006 Prozentpunkte erhöhen. In Frankreich konnte die dort erlaubte Telefondatenspeicherung jedenfalls nicht dazu beitragen, das furchtbare Attentat auf die Redaktion von Charlie Hebdo zu verhindern.
Bei allem berechtigten Ringen um schärfere Sicherheitsgesetze darf nicht vergessen werden, auch die möglichen Ursachen von Radikalisierungen stärker im Blick zu haben. Dabei ist es zu kurz gegriffen, im Fall junger Islamisten nur von mangelnder Eingliederung in die westliche Gesellschaft zu sprechen. Vermehrt werden ja auch deutsche Jugendliche radikalisiert – die aus welchen Gründen auch immer enttäuscht oder ausgegrenzt sind. Dort anzusetzen ist die schwierigste Aufgabe von allen. Die Schulen sind hier gefragt, auch Kindergärten, Sportvereine, wir alle. Eine Stunde zusätzlicher Sozialkundeunterricht, wie es die Landtags-SPD verlangt, wird das Problem nicht lösen. Das Fingerspitzengefühl der Lehrer und die Freiheit, den Lehrplan einfach mal beiseite lassen zu dürfen, schon eher. Warum nicht in jedem Fach immer mal wieder über den Terror in der Welt sprechen? Was es für Familien bedeutet, wenn sie Angehörige verlieren, was hinter jedem einzelnen Schicksal steckt, dass es für Mord nie eine Entschuldigung geben kann – darüber soll auch ein Mathelehrer mit seinen Schülern reden dürfen.

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Kommentare (2)

  1. Zitrone am 21.01.2015
    Ich kann mich an eine Rede erinnern, in der Herr MP Stoiber die Zuwanderer dazu aufrief, mehr Deutsch zu lernen. Fast gleichtzeitig waren in Folge der Sparwut des Herrn MP Stoiber die Mittel für die Sprachförderung um mindestens eine Million Euro gekürzt worden. Diese Doppelzünigigkeit zieht sich durch fast alle Politikbereiche. Auch bei der Bekämpfung der braunen Socken.
    Dei wahre Integrationsarbeit leisten doch nicht die Eliten der Gesellschaft (Politik, Wirtschaft und Finanzen), sondern die Kindergärten, Schulen mit ihren Kindern und Erziehern, die mit Klassen mit über 50% Migrantenanteil umgehen müssen.

    Wir müssen doch selbstkritisch zugeben, dass wir mehrheitlich damit zufrieden waren, wenn jeder Bevökerungsteil sein Leben lebte, ohne den anderen mehr als erforderlich zu belästigen. Fördern (das kostet Personal und damit Geld) sollte deshalb die Devise sein, um den Kreis der Ausreiser mögliichst klein zu halten.
  2. Regina Koller am 23.01.2015
    "Bei allem berechtigten Ringen um schärfere Sicherheitsgesetze darf nicht vergessen werden, auch die möglichen Ursachen von Radikalisierungen stärker im Blick zu haben. Dabei ist es zu kurz gegriffen, im Fall junger Islamisten nur von mangelnder Eingliederung in die westliche Gesellschaft zu sprechen. Vermehrt werden ja auch deutsche Jugendliche radikalisiert – die aus welchen Gründen auch immer enttäuscht oder ausgegrenzt sind."
    Schärfere Sicherheitsgesetze - wie sie seit vielen Monaten von London bis Berlin in Arbeit waren und nun mit großer Geste präsentiert werden - sind also unbedingt und absolut berechtigt?
    Wo die Grande Nation 16 ihrer Bürger aufgrund des gerade frisch reduzierten Personalaufwands bei der Vorratsdatenspeicherung n i c h t vorm Erschossenwerden durch 3 in französischen Gefängnisen zu GOTTESKRIEGERN umgedrehten Kleinkriminellen bewahren konnte - da wird´s das Land der Joachim Herrmanns und Cem Özdemirs b e s t i m m t besser machen! (Ironie off)
    Warum schreibt Waltraud Taschner von jungen ISLAMISTEN - bei denen sie "mangelnde Eingliederung in die westliche Gesellschaft" als Einflugschneise zur Radikalisierung als "zu kurz gegriffen", sprich als dumme Ausrede, ablehnt? Daß sich "d e u t s c h e" Jugendliche auch vermehrt radikalisieren - dem sollen aber nun bitteschön Kindergärten, Sportvereine und Schulen dadurch begegnen, daß sie "immer mal wieder über den Terror in der Welt" reden?
    Sind Jugendliche mit Verwandten aus muslimisch-geprägten Staaten für Frau Taschner automatisch "junge Islamisten" und Teenager mit hessischen oder venezulanischen Vorfahren - d a s sind dann "deutsche" Heranwachsende, weil k e i n e Muslime?

    Mein Vorschlag: Waltraud Taschner gibt selber ein volles Jahr lang Unterricht an einer öffentlichen Schule, gibt in einem Sportverein die Übungsleiterin oder geht Erzieherinnen in einem Kindergarten als Hilfskraft zur Hand!
    Wenn sie das, was sie als Kommentar auf die beiden Anschläge in Paris als die nun n o t w e n d i g e n Folgen niederschrieb, ernsthaft meint - dann sollte es ein Leichtes für sie sein, im realen Leben zu beweisen, wie einfach man verhindert, daß d e u t s c h e Kindergartenkinder vor lauter Angst vor ihrer ISLAMISIERUNG zu krawalligen PEGIDA-Chauvis heranwachsen...Äh...sich als Teenager oder Studenten im Orient zu Selbstmordattentäter ausbilden lassen!
    In einem Land, wo man leicht zigtausende Unterstützer für Internet-Petitionen und Demonstrationen wider den `staatlichen Kindesmißbrauch´ durch eine an den Schulen stattfindende Aufklärung in Sachen Homosexualität & Co. finden kann - da erledigt sich das Problem der Radikalisierung bei d e u t s c h e n Jugendlichen bestimmt auch wie von selbst, wenn man mit den Kinderchen "in jedem Fach immer mal wieder" darüber spricht, daß es für Mord "nie eine Entschuldigung geben kann". Wenn"junge Islamisten" Christen und Juden totschießen.
    Wenn ein deutscher oder amerikanischer Soldat in einer Kaserne in Bayern oder in Kentucky mit seinem Joystick an seinem modernen schwarz/weiß-Bildschirm eine Drohne losschickt,die dann irgendwo im sowieso von lauter ISLAMISTEN bewohnten Afghanistan oder Jemen einfach mal eine ganze Hochzeitsgesellschaft ins Jenseits befördert - d a n n gibt´s sofort eine Entschuldigung für diese Tat.
    Drohnen-Angriffe dienen nämlich dem Schutz u n s e r e r Kinder und u n s e r e s Wohlstands vor den ISLAMISTEN - wie sie bereits getarnt als harmlose Gemüsehändler oder Müll-Männer in unser Land einwanderten und Jahr für Jahr weiter als angebliche Flüchtlinge einsickern...nicht wahr, Frau Taschner?.

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