Politik

01.10.2010

Parteipolitische Abrüstung

Dass man in der CSU über das Aus für den Bayernkurier nachdenkt, verwundert nicht - das Blatt wird nicht mehr wahrgenommen

Leicht entsteht der Eindruck, der Bayernkurier erscheine unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das CSU-Organ ist für CSU-Mitglieder bestimmt und deren Lesebereitschaft ein gut gehütetes CSU-Geheimnis. Jedenfalls wirbelt das Blatt in der Republik keinen Staub mehr auf. Das führt nicht zum ersten Mal zur Frage, ob sich die Partei für mehr als eine Million Euro im Jahr jede Woche schriftlich auf die Schulter klopfen soll, ohne dass es die Außenwelt merkt.
Viele Delegierte des bevorstehenden CSU-Parteitages, den einige Delegierte um Sterbehilfe für das Periodikum bitten, werden von dessen Glanzzeit kaum eine Ahnung haben. Die Resonanz war ungeheuer, als Franz Josef Strauß nicht nur einen Freistaat und eine Partei, sondern eben auch jene Zeitung unter sich hatte. Selten verging ein Mittwoch, an dem der politische Gegner nicht aufgeschrien hätte und Schwesterchen CDU nicht stiller Verzweiflung anheimgefallen wäre. Die angriffslustigsten Generalsekretäre waren als Wadlbeißer längst nicht so talentiert wie der Bayernkurier. Wurde er verflucht, so musste er doch erst einmal zur Kenntnis genommen werden, was mit einer aus heutiger Perspektive märchenhaften Gründlichkeit geschah. Dazu bedurfte die Partei eines parteiischen Chefredakteurs mit Rauflust und Raffinesse.
Inhaltlich war Wilfried Scharnagl die Stimme seines Herrn, stilistisch ein Meister des Sarkasmus. Linientreuer konnte in ganz Bayern keiner sein, ätzender auch nicht, geschweige denn pfiffiger in der Auflistung gegnerischer Schwachstellen. Scharnagls Artikel wurden verschlungen, wenn nicht genossen, denn Polemik mit Biss ist immer amüsant, zumal in Verbindung mit seriösen Fingerzeigen auf die Stimmungslage in den oberen Etagen des eigenen Vereins.
Stelle sich unter Scharnagl aber niemand nur einen CSU-Mann mit einem leidlich guten Draht zu FJS vor. Der Mann lobte nicht nur die CSU, er kannte sie auch in- und auswendig. Zu den Sitzungen des Parteivorstands, des Parteipräsidiums und, wenn er wollte, auch des Ministerrats, hatte er wie selbstverständlich Zutritt. Den von ihm angehimmelten Strauß brauchte er nicht zu interviewen. Er begleitete ihn auf tausend Reisen, Fahrten oder Spritztouren.

"Jetzt muss ich Deinen Blödsinn rechtfertigen!"

Er wusste, was der Boss dachte, wusste sogar, was dieser auf den ersten Blick in die Zeitung übelnehmen, dann aber verzeihen werde. Oft griff Scharnagl zum Telefon, ließ sich mit einem bayerischen Minister verbinden und las diesem die Leviten, nach dem Motto: „Den Blödsinn, den Du gemacht hast, muss ich jetzt rechtfertigen.“
Derzeitige Mitarbeiter des Bayernkuriers können ja einmal darüber sinnieren, wie sehr sich ihre Position von der Scharnagls unterscheidet. Wer dessen Artikel las, war über die CSU sehr gut unterrichtet, natürlich nicht über ihre Affären, wohl aber über ihren Willen. Deshalb war das CSU-Organ damals, was es heute nicht mehr ist, nämlich eine unerlässliche Informationsquelle.
Nach dem Tod von Strauß ging es mit dem Bayernkurier bergab – aus dem einfachen Grund, weil sich weder Streibl, noch Waigel, noch Stoiber, von weiteren Herrschaften nicht zu reden, dieses Instruments zu bedienen gedachten. Folglich sah in diesem Kurier kein Mensch mehr eine interessante Waffe oder auch nur ein Erzeugnis, das in Augenschein zu nehmen sich lohne. Der Bayernkurier ist ein Beispiel für parteipolitische Auf- und für Abrüstung und bei Horst Seehofer vermutlich in gleichgültigen Händen.
(Roswin Finkenzeller)

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