Politik

15.02.2013

Perfektionist Benedikt

Ein Kommentar von Roswin Finkenzeller

Als er hinfällig wurde, als er litt und mit dem Tode rang, hatte Papst Johannes Paul II. die Öffentlichkeit nicht gescheut. Nach allem, was wir an Benedikt XVI. erraten können, wollte er die Wiederholung eines solchen Schauspiels um jeden Preis vermeiden. Niemand muss ihm sagen, wie bedeutungsvoll das Leiden für die christliche Religion ist, niemand auch, dass sein Vorgänger mit seinem letzten Kampf selbst Atheisten tief beeindruckte. Joseph Ratzinger jedoch war schon immer ein zuchtvoller Priester gewesen, stets bestrebt, sich keine Blöße zu geben. In der Versuchung, eigene Schwächen zu tolerieren, schwebte er selten. Derlei schloss nicht aus, war vielleicht sogar eine Voraussetzung dafür, dass der Pole und der Bayer sich glänzend verstanden. Dazu passt eine Neigung, die in der Geschichte des römischen Kardinalskollegiums bei Papstwählern oft festzustellen gewesen war: die Vorliebe für mentale Kontrastprogramme.

Das Papstamt - ab jetzt ist es verändert


Doch wer auch immer es in Zukunft wahrnehmen wird – das Papstamt hat sich in dieser Woche verändert. Künftige Nachfolger Petri sind auch Nachfolger Joseph Ratzingers. Einer einzigartigen Arbeitsplatzgarantie werden sie sich zwar weiterhin erfreuen dürfen, einer völlig uneingeschränkten jedoch nicht mehr. Das grandiose Beispiel Benedikts lehrt, dass der Thron zu räumen sei, sobald die Kräfte schwinden, die zur Pflichterfüllung nötig sind, der Oberhirte sei 80 oder 60. Wer aber befindet, dass der Schwung nachlässt, und wer spricht es aus oder deutet es taktvoll an? Dem Ratzinger-Stil entspräche der souveräne Selbstverzicht zu einem relativ frühen Zeitpunkt. Doch so streng mit der eigenen Person kann ein Mensch gar nicht sein, dass Neider, Übelnehmer und Verleumder bei passender Gelegenheit nicht tuschelten, die richtige Stunde für den Abschied sei eigentlich schon längst da.
Liegt der Augenblick der Abberufung nicht mehr wie bisher rein in Gottes Hand, werden die Päpste politischer werden müssen. Vielleicht auch misstrauischer, um nicht zu sagen intriganter. Oder einfach erfolgreicher. Leicht gesagt – wer soll die Kriterien für vatikanische Effizienz festlegen? Kaum zu glauben, welche Revolution ein als erzkonservativ abgestempelter deutscher Theologe da ausgelöst hat. Es handelte ein großer Denker, ein Perfektionist der Selbstkritik.

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