Politik

Die neuen Privathochschulen wollen eine Brücke zwischen Schulmedizin und Naturheilverfahren schlagen. (Foto: dpa)

07.03.2014

Placebo oder Effekt?

Studiengänge zu Naturheilverfahren boomen – jetzt eröffnet im oberbayerischen Traunstein eine Homöo-Akademie

Die Proteste der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) halfen nicht. Genau ein Jahr, nachdem sich Ärzte, Wissenschaftler und Apotheker auf dem Wiener Stephansplatz Überdosen homöopathischer Mittel verabreicht hatten, um deren Unwirksamkeit zu demonstrieren, eröffnet im Frühjahr in Traunstein die erste bayerische Homöo-Akademie. Ihr Ziel ist es, Homöopathie auf Hochschulniveau zu lehren, um damit Erkrankungen von Angina über Neurodermitis bis Zyanose zu heilen. „Es ist uns ein wichtiges Anliegen, die Fronten zwischen Ärzten und Heilpraktikern aufzulösen und eine Brücke zu schlagen zwischen Schulmedizin und klassischer Homöopathie“ erklärt der Präsident der verantwortlichen Steinbeis-Hochschule, Johann Löhn, auf der Akademie-Webseite.

Dazu werden Abiturienten oder Praktiker erst mal in einem dreijährigen Bachelor-Studiengang unterrichtet. Im anschließenden Master-Studiengang ist geplant, über einen Zeitraum von zwei Jahren vor allem die Forschung stärker in den Fokus zu rücken. So sollen den Absolventen Berufsfelder eröffnet werden, die bisher nur Akademikern vorbehalten waren. Kosten: 7200 Euro – pro Jahr. Initiator des neuen Studiengangs ist die Stiftung „Europäische Union der Homöopathie“, eine Lobbyvereinigung aus Ärzten, Heilpraktikern, Patienten und Förderern.

Die TU München bietet ein Akupunktur-Studium an


Doch nicht nur in Traunstein werden Naturheilverfahren gelehrt. Die Privathochschule Fresenius in Idstein bietet am Standort München einen insgesamt 28 000 Euro teuren Bachelor-Abschluss in Osteopathie an. „Er umfasst die eigenständige Befunderhebung, Interpretation anderer Befunde, die Therapieplanung und die osteopathische Behandlung“, erläutert die Vorsitzende des Verbands der Osteopathen Deutschlands, Marina Fuhrmann. Mit den richtigen Handgriffen sollen dabei Beschwerden in Muskeln, Gelenken und im Weichgewebe aufgelöst werden. Selbst an staatlichen Universitäten finden sich Angebote: So existiert an der Technischen Universität München der nach eigener Aussage einzige Masterstudiengang für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) an einer westlichen Universität. Dabei werden Mediziner mit Staatsexamen für 25  000 Euro in der chinesischen Arznei- und Akupunkturtherapie weiterqualifiziert, um damit etwa Erkältungen, Entzündungen oder Verspannungen zu lindern.

Die Vorsitzende des bayerischen Heilpraktikerverbands, Ursula Hilpert-Mühlig, hat für die enormen Kosten kein Verständnis. „Die Studiengänge wurden nur eingeführt, weil es ein Wahnsinnsgeschäft ist“, schimpft sie. Sie vermutet hinter der Akademisierung den Versuch, Zugang zur gesetzlichen Krankenversicherung zu erhalten. Allerdings steht die Heilpraktiker Akademie Bayern in Konkurrenz zu anderen Ausbildern, weil sie selber Fortbildungen anbietet – wenn auch zu günstigeren Preisen.

Andere Universitäten im Freistaat halten sich bei integrativer Medizin eher zurück. Die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg bietet lediglich ein Wahlpflichtfachseminar über TCM und klassische Homöopathie an. In Würzburg wird zu diesem Thema gar nicht geforscht oder gelehrt. Gleiches gilt für die Ludwig-Maximilians-Universität in München. „Ich bedauere das aber, weil jeder Student über die verschiedenen Verfahren Bescheid wissen und damit umgehen sollte“, erklärt der Studiendekan der Medizinischen Fakultät, Martin Fischer. Seiner Meinung nach sollte eine kritische wissenschaftliche Basis geschaffen werden, damit jeder Student selbst über einen Einsatz entscheiden kann. Ähnlich argumentiert Thomas Loew vom Universitätsklinikum Regensburg. „Mediziner müssen mehr über die medizinische Szene Bescheid wissen“, betont er. „Ohne dass eine dafür nötige Forschung existiert, darf man die Verfahren aber nicht pseudo-akademisieren.“ Er sieht die Ausbildung in Traunstein daher skeptisch.

Für den homöokritischen Buchautor Norbert Aust, Mitglied der GWUP, genügt die Homöo-Akademie noch nicht einmal den Vorgaben des bayerischen Hochschulgesetzes. „Die Homöopathie ist eine über den reinen Placeboeffekt hinaus unwirksame Therapie“, glaubt er. Er hält es wegen des homöopathischen Anspruchs, auch schwerste Krankheiten zu heilen, für einen grundlegenden Fehler, der Homöopathie durch die staatliche Anerkennung als Hochschule das Prädikat der Wissenschaftlichkeit zu verleihen. Ähnlich beurteilt er andere Therapieformen der Alternativmedizin.

Christoph Trapp vom Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVHE) verweist jedoch auf Umfragen, nach denen 70 Prozent der Bevölkerung Homöopathie befürworten. Zudem sei die Wirksamkeit durch viele Studien belegt, weshalb selbst Krankenhäuser wie das Münchner Klinikum rechts der Isar Homöopathie in ihr Konzept integrierten und die bayerische Landesärztekammer homöopathische Weiterbildungen für Ärzte anbiete. „Die Homöopathie erscheint Schulmedizinern nur unplausibel, weil in ihren höher potenzierten Arzneien kein Wirkstoff nachzuweisen ist“, begründet er das Misstrauen. Leider verständen es die Mitglieder der GWUP gut, lautstark ihre Thesen zu verbreiten. Allerdings befürwortet auch er weitere Forschung, „da der Wirkmechanismus weiterhin unklar ist“.

Versicherer sind bei der Beurteilung von Naturheilverfahren ebenfalls uneins. „Heilpraktiker gehören zwar nicht zu den Berufsgruppen, die ihre Behandlungen mit den gesetzlichen Krankenkassen abrechnen dürfen“, erläutert Claudia Widmaier vom Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Kassen könnten die Kosten aber freiwillig übernehmen, was laut DZVHE zurzeit immerhin sieben Versicherer tun.
Das bayerische Gesundheitsministerium wiederum enthält sich einer Wertung. „Welche Therapie für einen Patienten am besten geeignet ist“, so eine Sprecherin von Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU), „soll dieser zusammen mit seinem Arzt entscheiden.“ (David Lohmann)

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Kommentare (3)

  1. kugelblitz am 23.03.2014
    Die Homöopathie hat mit Wissenschaft nichts zu tun. Es gibt wie bei jeder Weltanschauung verschiedene Richtungen und offenbar ist es so, was die Traunsteiner "Zuckerkugel Universität" für Heilpraktiker betrifft, dass eine andere Fraktion der Heilpraktiker die dortige Lehre ablehnt. Die armen Patienten, welche von diese Heilkundigen traktiert werden.
  2. Peter am 23.03.2014
    Hierzu sollte man auf jedenfall anmerken, dass die Bachelor"Ausbildung" für einen Abiturienten total unsinnig ist. Dieses Diplom ist von niemand in der Gesundheitsbranche anerkannt, auch mit Akreditierung nicht!
    Lösung wäre eine Heilpraktikerprüfung (für die er das Studium gar nicht gebraucht hätte).
    Die kann man aber erst mit 25 Jahren ablegen, fertig mit dem Bachelor wäre der Abiturient aber schon mit 22 Jahren!
    3 Jahre, in denen er mit diesem seltsamen "Studium" nirgendwo einen Fuß in die Türe kriegt!
    Viel sinnvoller ist es für Abiturienten, eine Ausbildung zu machen, oder ein wissenschaftliches echtes Medizinstudium zu belegen.
    Dadurch läuft er/sie auch nicht Gefahr, in diesem Esoterik-Milieu gefangen zu bleiben.
  3. Ute aus München am 23.03.2014
    Ein wenig schade in obigem Artikel finde ich, dass es so dargestellt wird, als käme Kritik an der Homöopathie - und am genannten Studiengang - nur von der kleinen Gruppe der GWUP. Das ist so aber nicht korrekt.

    Richtig ist:

    Eine klare Aussage der Homöopathie ist, dass die Hochpotenzen stärkere Wirksamkeit besitzen als niedrigere Potenzen. Genau in diesen Hochpotenzen (ab C12) ist aber kein einziges(!) Wirkstoffmolekül aus der Urtinktur mehr enthalten. (Nicht nur "nicht mehr nachweisbar")

    Damit behauptet die Homöopathie eine spezifische Wirksamkeit eines Stoffes in kompletter(!) Abwesenheit; sie behauptet, dass es verschiedene Formen der Abwesenheit gäbe (je nachdem, welcher Stoff abwesend ist) und dass es verschiedene Formen der Abwesenheit eines Stoffes gäbe (weil ja verschiedene Potenzen desselben abwesenden Stoffes unterschiedlich wirken sollen)
    - Alle genannten Behauptungen widersprechen umfangreich gleich mehreren sich täglich in unserem Leben und in zahllosen technischen Anwendungen bewährenden Erkenntnissen der Physik, der Chemie, der Biologie...

    Es sind also die Naturwissenschaftler der genannten Fachrichtungen, die jedermann bei Bedarf erklären können, warum Homöopathie bisher keine eindeutige Überlegenheit gegen Placebo konnte. Und es ist nicht einfach so, dass ein "Wirkmechanismus unklar" sei, ein Wirkmechanismus widerspricht unserem sich täglich bestätigendem gesicherten Wissen... Die Widersprüche sind also schon deutlich umfangreichender, als im Artikel so dargestellt.

    Es sind genau diese Naturwissenschaftler, deren akademischer Abschluss durch das genannte "Homöopathie-Studium" gezielt entwertet werden wird; denn die Homöopathie ist keine Wissenschaft. Sie ist eine feststehende, unveränderliche Lehre, hinterfragt sich nicht und erfüllt deswegen nicht die Kriterien einer Wissenschaft. Die Kritik an dem genannten Studiengang kann somit also auch komplett unabhängig von der Debatte um die Wirksamkeit der Homöopathie gesehen werden.

    Und nein: Auch "Beliebtheit" macht eine feststehende Lehre nicht zu einer sich methodisch überprüfenden Wissenschaft.

    Es geht vielmehr darum, dass die Homöopathie versucht, sich mit diesem Studiengang als Naturwissenschaft zu adeln. Einen Abschluss "Bachelor of Science" kann man ja schließlich nur in einer "Science" vergeben.

    Damit werden in Zukunft in Deutschland Absolventen der echten Naturwissenschaften und Vertreter feststehender Lehren, die zu diesen Naturwissenschaften explizit im Widerspruch liegen, denselben akademischen Grad tragen.

    Mit der Zulassung dieses Studienganges wird das Gesundheitssystem irreversibel intransparent, weil der Patient damit endgültig nicht mehr erkennen wird, wann er ein Verfahren anwendet, das nach allen Erkenntnissen der Naturwissenschaften gar nicht mehr als ein Placebo sein kann. Damit wird Deutschland als Bildungsstandort ins Lächerliche gezogen. Damit werden echte naturwissenschaftliche akademische Grade entwertet.

    Danke, liebe Politik!

    Kleine Anmerkung noch zum Text: "Schul"medizin ist ein erstmals vor rund 200 Jahren von Hahnemann (dem Erfinder der Homöopathie) gepägtes und von seinem Zeitgenossen, dem homöopathischen Arzt Franz Fischer in Umlauf gebrachtes Schimpfwort. Der politisch korrekte Ausdruck lautet "Medizin".

    Fairerweise: Der Verband heißt DZVHÄ - es sind ja nicht die homöopathischen Erzte... ;-)

    Grüße

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