Politik

Auftritt mit dem Chef: Hans Maier Ende der 70er mit Franz Josef Strauß. Links: die damalige Kultusstaatssekretärin Mathilde Berghofer-Weichner. (sz photo)

15.04.2011

Politiker des zweiten Bildungswegs

Der frühere bayerische Kultusminister Hans Maier skizziert in einer Autobiographie sein Dasein als kultivierter Exot in einer - jedenfalls damals - rustikalen CSU

Seiteneinsteigern in der Politik haftet etwas Verheißungsvolles an. Den zunehmend politikverdrossenen Bürgern gelten sie als Hoffnungsträger, als markanter, fachlich versierter Gegenpart zum glattgeschliffenen, dabei unfähigen Politprofi. Die Liste derer, die als politische Quereinsteiger reüssierten, ist indes überschaubar.
Als eine der wenigen Ausnahmen darf der Politikwissenschaftler Hans Maier gelten, der von 1970 bis 1986 als Minister für Kultus und Wissenschaft in Bayern wirkte. Zwar schied auch er gewissermaßen im Zorn aus dem Amt. Doch hatte er zuvor 16 Jahre lang – jedenfalls nach den Maßstäben seiner Partei, der CSU – äußerst erfolgreich an der Spitze des Hauses an der Münchner Salvatorstraße gestanden. Und selbst beim politischen Gegner genoss Maier ob seiner Fachkompetenz und seiner Umgangsformen hohen Respekt, auch wenn man sich inhaltlich heftig befehdete.


Schockmomente
eines Polit-Novizen


Der bald 80-jährige Maier hat nun eine Autobiographie vorgelegt, die seinen Aufstieg vom Freiburger Buben zum bundesweit geachteten Wissenschaftler und Minister, vor allem aber sein Dasein als politischer Quereinsteiger beleuchtet. Der Autor legt Wert auf die Feststellung, Böse Jahre, gute Jahre sei keine Abrechnung. Ein weichgespültes Konglomerat politischer Anekdoten und Lobhudeleien ist das Buch trotzdem nicht. Denn auch wenn der Professor und der Politiker Hans Maier stets die Form zu wahren wusste: Er hat sich den Luxus geleistet, Überzeugungstäter zu bleiben. Dazu gehörte die Abneigung, sich zu verbiegen.
Und so schildert Maier die Schockmomente eines Polit-Novizen ebenso wie die Irrungen und Wirrungen der bayerischen Politik unter den Ministerpräsidenten Goppel und Strauß so präzis wie humorvoll, auch wenn man sich zuweilen ein bisschen mehr Ausführlichkeit wünscht.
Franz Josef Strauß zum Beispiel. Aus seinen Vorbehalten gegenüber dem oft raubeinigen FJS macht Maier keinen Hehl. Schon das erste Sondierungsgespräch zwischen dem neuen Regierungschef Strauß und dem alten und neuen Kultusminister Maier geriet zum Fiasko: Strauß, schreibt Maier, war zu nächtlicher Stunde und – so muss der Leser vermuten – nach etlichen Runden Bier „seiner Sinne nicht mehr mächtig. Er tobte und schrie. Abwechselnd attackierte er mich als ’arroganten Professor’ – und Marianne, seine Frau, attackierte meine Frau, die sich tapfer wehrte. Ich war schockiert. Es war ein böses Omen.“
Strauß, der Wüterich, der seinen Kultusminister schon mal drängte, gegen „linke Lehrer“ an Bayerns Schulen schärfer vorzugehen oder bei Schulleiterposten FJS-genehme Kandidaten zu begünstigen: Es ist kein schmeichelhaftes Porträt, das Maier von der einstigen CSU-Ikone zeichnet. Und doch: Die dunkle, die ganz dunkle Seite, die FJS unstreitig auch hatte – man hätte darüber gern ein wenig mehr erfahren. Strauß, sagte Maier einmal dem Rheinischen Merkur, dessen Mitherausgeber er lange Jahre war, „hatte oft Probleme mit dem Recht“. Das war eine freundliche Umschreibung für die Praxis des Alten, Politik nach dem Per-ordre-de-mufti-Prinzip zu gestalten – ohne also seine Interessen und die seiner Freunde aus dem Auge zu verlieren. Details hierzu sucht man in Maiers Buch jedoch vergebens.
Formal assimiliert hat sich der „Politiker des zweiten Bildungswegs“ (Maier über Maier) übrigens erst 1978 – acht Jahre, nachdem er Kultusminister wurde: Er ließ sich in den bayerischen Landtag wählen. Der CSU beigetreten war Maier bereits 1973. „Mir war klar, dass man in der Parteiendemokratie auf die Dauer nicht in der Splendid Isolation des Parteilosen verharren konnte,“ erläutert er.
Der CSU verlieh Maier einen intellektuellen Touch, den die Partei durchaus nötig hatte. Das vor allem war der Grund, weshalb der seinerzeitige Ministerpräsident Alfons Goppel den damals 39-jährigen Maier für sein Kabinett rekrutiert hatte. Die Öffnung der CSU für die ihr eher abholden Wissenschaftler, Intellektuellen und Künstler, sinniert Maier, „war Strauß (damals CSU-Parteivorsitzender, d. Red.) wichtig“.
Maier war, was man einen Liberalkonservativen nennt: Die Studentenrevolte der Jahre 1968 ff, deren „organisierte Formlosigkeit“, verfolgte der damalige Politikprofessor mit Abscheu. „Diesen Leuten“, so Maier, „überlasse ich nicht die Universität.“ Er war allerdings nicht so verbohrt, die Proteste in toto zu verdammen: „Reformen waren nötig, sie mussten sein.“ Aber war es wirklich nötig, fragt Maier, dass die Deutschen „ständig hin- und hertaumeln zwischen Uniform und Unform“?

Die Abrechnung mit den 68ern


Den Vater von sechs Töchtern hatte damals auch das Verhältnis der 68er zu den Frauen beschäftigt. Sein Fazit: „Die ’Mädchen’ – wie man sie unverändert nannte – waren den männlichen revoltierenden Studenten zwar als Gefolgschaft willkommen, wenn sie als Groupies zu den männlichen Führern stießen, sie wurden aber als Anführerinnen der Revolte nur selten akzeptiert.“
Auf Gegenkurs zu den konservativen Hardlinern in Partei und Kirche war Maier unter anderem in der Frage der Schwangerenkonfliktberatung gegangen. Den von Rom dekretierten Ausstieg der katholischen Kirche aus der Schwangerenberatung verurteilte Maier, von 1976 bis 1988 Präsident des Zentralkomitees der Katholiken, aufs Schärfste.
Überhaupt gewährt das Buch interessante Einblicke in Maiers Verhältnis zur Amtskirche, zum damaligen Präfekten der Glaubenskongregation und jetzigen Papst Joseph Ratzinger und der aktuellen Kirchenpolitik. In großer Offenheit beschreibt Maier seine Auseinandersetzungen mit Ratzinger, den er seit Jahrzehnten kennt, rügt dessen Haltung in der Abtreibungsfrage und attestiert dem Pontifex beim Thema Ökumene „mangelnde Sensibilität“.


„Ohne den Maier ist die CSU eine Bierdimpflpartei“


Rührend und mutig zugleich das Kapitel über Maiers „Sechsmäderlhaus“. Unter der Überschrift „Was die Kinder erlebten“ lässt Maier seine Töchter zu Wort kommen. Ihre Schilderungen enthalten nicht nur Schmeichelhaftes. „Ich kann mich nicht erinnern, dass Du je gefragt hast, was wir da eigentlich lernen in der Realschule“, schreibt die 1966 geborene Verena Maria, heute Berufsschullehrerin. „Es gab halt einfach keine Zeit. Und alles andere war wichtiger, als sich um die Bildung der Kinder zu kümmern.“ Immerhin: Der Vater sei später anders geworden: entspannter und netter. „Schade, dass die Gelassenheit immer erst dann kommt, wenn Menschen keine Verantwortung mehr tragen.“ Von der Bürde, die Tochter des Kultusministers zu sein, schreibt die 1963 geborene Agnes, sie ist heute Frauenärztin: Nach der Schule hätten ihr zwei Klassenkameradinnen aufgelauert und ihr Fahrrad in den Dreck geworfen: „Weil dein blöder Vater die Steuern so hoch macht.“
Maiers Abschied aus der Politik erfolgte 1987, vorausgegangen war ein heftiger Zwist mit Franz Josef Strauß. Der Alte war wütend, weil der Münchner Merkur Indiskretionen aus einer Kabinettssitzung veröffentlicht hatte. Es ging um CSU-Kritik am von FJS eingefädelten Milliardenkredit für die DDR. Strauß tobte und verlangte von seinen Kabinettsmitgliedern eidesstattliche Erklärungen: Sie sollten bezeugen, dass sie dicht gehalten hätten. Maier weigerte sich und sprach von unwürdigem „Kasperltheater“.
Das Verhältnis der beiden war fortan zerrüttet. Maier hatte seither einen schweren Stand bei FJS, der sich nach der Landtagswahl 1986 auf seine Weise rächte: Er verkündete dem verdutzten Maier, sein Ressort zu beschneiden. Ihm sollte die Zuständigkeit für Schule und Bildung entzogen werden. „Mit anderen Worten: Ich sollte einen Kopf kürzer gemacht werden“, schreibt Maier. Er widersetzte sich – und wählte das Dasein als einfacher Abgeordneter. 1987 schied er aus dem Landtag aus.
Ins Nichts fiel Maier danach keineswegs. Der einstige Quereinsteiger war auf ein politisches Amt nicht angewiesen. Er kehrte in die Wissenschaft zurück und übernahm den Guardini-Lehrstuhl für christliche Weltanschauung, Religions- und Kulturtheorie an der Universität München.
Ob die CSU nach Maiers Abtritt, wie von Strauß einst befürchtet, in die Provinzialität abglitt, ist eine Frage, die Maier geflissentlich offen lässt. „Wenn Leute wie Maier weg sind“, hatte FJS einmal einem Spitzenbeamten anvertraut, „ist die CSU wieder eine Bierdimpflpartei.“

Hans Maier, Böse Jahre, gute Jahre – Ein Leben, Beck, München, 422 Seiten, 24.95 Euro.

(Waltraud Taschner)

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