Politik

Das Atomkraftwerk Grafenrheinfeld. (Foto: Rene Ruprecht/dpa)

29.05.2015

Region feiert AKW-Abschaltfest

Naturschützer proben Countdown - denn der Betrieb des Kraftwerkes im unterfränkischen Grafenrheinfeld wurde um drei Wochen verlängert

Ursprünglich sollte am Sonntag das älteste noch aktive Atomkraftwerk Deutschlands abgeschaltet werden. Das Energieunternehmen Eon verlängerte den Betrieb des Kraftwerkes im unterfränkischen Grafenrheinfeld allerdings um etwa drei Wochen. Umweltschützer und Bürgerinitiativen wollen am Sonntag dennoch ein Abschaltfest in Schweinfurt feiern und kurz vor Mitternacht den Abschalt-Countdown in Grafenrheinfeld proben.
"Wir haben was zu feiern, weil der Atommeiler in Grafenrheinfeld endlich abgeschaltet wird", sagte der Vorsitzende der Bürgeraktion Umwelt- und Lebensschutz - Bürgerinitiative gegen Atomanlagen (BA-BI), Hubert Lutz. Er erwartet etwa 5000 Besucher auf dem Schweinfurter Marktplatz.  
Zu den politischen Diskussionsrunden sind Anti-Atom-Experten und Umweltschützer aus ganz Deutschland, regionale Politiker und die Autorin des Buches "Die Wolke" eingeladen. Der 1987 erschienene, fiktive Roman dreht sich um einen schwerwiegenden Reaktorunfall in Grafenrheinfeld und wurde 2006 verfilmt. Auf der Bühne soll unter anderem Rock- und Soulsänger Andreas Kümmert singen.
Der Bund Naturschutz in Bayern hat zudem dazu aufgerufen, vor dem Atomkraftwerk mit Kerzen, Lampen und Lichtern in der Hand die letzten zehn Sekunden des Tages gemeinsam herunterzuzählen.

BSZ erklärt: Wie geht es am Atomkraftwerk Grafenrheinfeld nach dem Aus weiter?

 

Wird sofort abgerissen?
Betreiber Eon hat einen direkten Rückbau beantragt. Das bedeutet allerdings nicht, dass nach einer Genehmigung sofort abgerissen wird. Zunächst müssen die sehr heißen Brennelemente herunterkühlen. Das kann drei bis fünf Jahre dauern. Dann folgt die schrittweise Demontage der Anlage. Dafür wird alles Stück für Stück zerkleinert und gegebenenfalls dekontaminiert. Der Bauschutt kann im Straßenbau wieder zum Einsatz kommen. Stahlschrott wird wieder zu Stahl vergossen. Etwa zwei Prozent des bei einem Rückbau anfallenden Abfalls muss Eon zufolge als radioaktiver Abfall entsorgt werden. 

Wann würden bei einem genehmigten direkten Rückbau die Kühltürme fallen?
Darauf will sich Eon nicht festlegen. Es läuft noch eine Verfassungsbeschwerde der Energiekonzerne wegen der zwangsweisen Stilllegung ihrer Atomkraftwerke. "Bis zur Entscheidung über die Verfassungsbeschwerde führen wir keine irreversiblen Rückbaumaßnahmen durch. Der Abriss der Kühltürme ist noch nicht terminiert", sagte eine Eon-Sprecherin deshalb.

Derzeit arbeiten fast 300 Menschen im Atomkraftwerk. Was passiert nach dem Abschalten mit den Arbeitsplätzen?
Es wird keine betriebsbedingten Kündigungen geben, sagt Eon. Durch Ruhestand, Vorruhestandsregelungen und Versetzungen freiwerdende Stellen werden nicht mehr besetzt. In den ersten Jahren der Abschaltung werde Eon am Standort weiterhin etwa 200 Mitarbeiter benötigen. Damit ändern sich die Aufgaben der Mitarbeiter. Sie werden statt der Stromproduktion nun den Rückbau planen und betreuen.  

Die Bundesregierung hatte das Abschalten für Ende 2015 geplant. Warum geht das Atomkraftwerk in Grafenrheinfeld sechs Monate eher vom Netz?
Das bayerische Atomkraftwerk Grafenrheinfeld geht mangels Gewinn bereits im Juni vom Netz. Ein Grund dafür sind dem Energiekonzern Eon zufolge die Belastungen durch die Brennelemente-Steuer. Im Juni hätten neue Brennstäbe eingesetzt werden müssen, was mit weiteren 80 Millionen Euro zu Buche geschlagen hätte. Zudem war der Stromverkauf zuletzt wegen des wachsenden Anteils an Solar- und Windenergie und der niedrigen Preise an der Strombörse weniger gewinnbringend. Weil wegen des milden Winters die Brennstäbe Ende Mai jedoch noch nicht verbraucht waren, legte Eon das ursprüngliche Abschaltdatum von Ende Mai auf die zweite Junihälfte. Geplant sei nun die Stilllegung um den 20. Juni herum. 

Welche Auswirkungen hat das frühere Aus auf die Stromversorgung in Bayern?
Der für die Versorgung in Unterfranken verantwortliche Übertragungsnetzbetreiber Tennet rechnet dadurch nicht mit Versorgungsengpässen. Auch die bayerische Landesregierung um Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) stuft Blackout-Sorgen als unbegründet ein. Die Bundesnetzagentur hatte ebenfalls bestätigt, dass die Versorgungssicherheit gegeben sei. (dpa)

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Kommentare (1)

  1. WKlein am 02.06.2015
    Wir werden uns noch sehr wundern, wenn wir den ersten Black Out hinter uns haben! Wer glaubt mit Sonne und Wind den Industriestandort Deutschland sicher mit Strom versorgen zu können, der glaubt auch sicher noch an den Weihnachtsmann oder besser gesagt, er hat leider keine Ahnung! Wir beziehen dann den Atomstrom von z.B. aus Holland, Tschechien, England, Frankreich u.a. Staaten in unserer Nähe. die uns dann auch sagen, was der Strom uns kostet! Umgekehrt verschenken wir dann an sie unseren Überschuss, wenn wirklich mal die Sonne scheint und der Wind mals kräftig weht (nämlich zu 9% Sonne und 14% Wind von 8760 Jahresstunden!) W. Klein

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