Politik

Gruppenbild der Staats- und Regierungschefs der sechs führenden Industrienationen vor Schloß Rambouillet bei Paris bei ihrem Gipfeltreffen am 17.11.1975. (L-r): Der italienische Ministerpräsident Aldo Moro, Bundeskanzler Helmut Schmidt, US-Präsident Gerald Ford, der französische Präsident Valery Giscard d'Estaing, der britische Premierminister Harold Wilson, der amerikanische Außenminister Henry Kissinger und der japanische Ministerpräsident Takeo Miki. (Foto: dpa)

01.06.2015

Schwieriges Jubiläum auf Schloss Elmau

Vom Kamingespräch zum Mega-Gipfel, von der G6 zur G8 und wieder zurück zur G7. In 40 Jahren hat sich die Gruppe wichtiger Industrienationen immer wieder neu erfunden

Am Anfang war die Krise. Hätte es den Jom-Kippur-Krieg im Nahen Osten und den anschließenden Ölpreisschock nicht gegeben, wäre das Währungssystem mit festen Wechselkursen zum US-Dollar nicht zusammengebrochen, vielleicht gäbe es die G7 heute gar nicht.  
Die Weltwirtschaftskrise brachte 1975 Bundeskanzler Helmut Schmidt und den französischen Präsidenten Valéry Giscard d'Estaing auf die Idee, zu einem Gipfeltreffen der größten Industrienationen einzuladen. Das Ziel: Die Erörterung der weltwirtschaftlichen Lage und die Suche nach Lösungsansätzen für globale Probleme.   
Die Größe der Gruppe kam eher zufällig zustande. Schmidt und Giscard d'Estaing luden die Staats- und Regierungschefs der USA, Großbritanniens und Japans zum ersten Treffen auf Schloss Rambouillet bei Paris ein. Das waren zum damaligen Zeitpunkt die fünf Staaten mit dem höchsten Bruttoinlandsprodukt.  
Die Nummer Sechs reagierte beleidigt. "Italien war absolut schockiert, dass es nicht eingeladen wurde", erzählte Giscard d'Estaing später einmal in einem Interview. Also erhielt auch der italienische Ministerpräsident Aldo Moro eine Eintrittskarte zum exklusiven Club der Reichen und Mächtigen, der jetzt schon 40 Jahre besteht.
Die Zusammensetzung der Gruppe war in all den Jahren immer wieder Thema - und ist es bis heute. Schon 1976 wurde aus der "Gruppe der Sechs" die G7. Die USA wollten beim Gipfel in Puerto Rico auch Kanada dabei haben. Bei diesem Format blieb es dann für immerhin mehr als zwei Jahrzehnte.  
Die jährlichen Treffen der Staats- und Regierungschefs wurden lange Weltwirtschaftsgipfel genannt. Die Währungs- und Konjunkturpolitik stand zunächst im Vordergrund. Schon bald kamen aber alle möglichen anderen Themen hinzu: die Nutzung der Atomenergie, der Krieg der Sowjetunion in Afghanistan, die Nato-Aufrüstung, später auch Umwelt, Klimaschutz oder Aids.
Aus dem Kamingespräch der Anfangsjahre entwickelte sich nach und nach ein Mega-Gipfel, zu dem immer mehr Gäste eingeladen wurden. Ab Mitte der 80er Jahre zog die Veranstaltung aber auch Jahr für Jahr zehntausende Demonstranten an. Für sie ist die Staatengruppe ein elitärer Kreis, der den ärmeren Ländern ihre Weltsicht verordnen will.  
2001 kam es in der italienischen Hafenstadt Genua zu schweren Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei. Es gab hunderte Verletzte, ein 23-jähriger Demonstrant wurde erschossen.  
Der Schock von Genua führte zum Rückzug der Staats- und Regierungschef in abgelegene Gipfelorte: in ein Golfresort in den schottischen Highlands, einen Badeort an der Ostsee oder eine Lodge in den kanadischen Rocky Mountains.  
In der Lodge in Kananaskis hieß es 2002 "Willkommen im Club!" für den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Seinem Land wurde dort die Vollmitgliedschaft zugesprochen. Russland war nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Schritt für Schritt in die Beratungen eingebunden worden. In den Rocky Mountains wurde die Umwandlung von der G7 in die G8 abgeschlossen. Russland durfte ab sofort auch selbst zu Gipfeln einladen.  
"Diese Entscheidung spiegelt die bemerkenswerte wirtschaftliche und demokratische Umgestaltung wider, die sich in Russland in den letzten Jahren, insbesondere unter der Führung von Präsident Putin, vollzogen hat", hieß es in der Gipfelerklärung.
Putin sollte nach 2006 im vergangenen Jahr eigentlich zum zweiten Mal Gipfel-Gastgeber sein. Daraus wurde nichts. Wegen der russischen Annexion der Krim verlegten die anderen sieben G8-Mitglieder den Veranstaltungsort von Sotschi am Schwarzen Meer nach Brüssel. Aus der G8 wurde wieder die G7. Putin muss bis auf Weiteres draußen bleiben.  
Und wie soll es nun weitergehen? Am 7. und 8. Juni muss die G7 auf Schloss Elmau in Bayern beweisen, dass ihre Treffen auch ohne Putin noch Sinn machen. Kritiker sagen, große Krisen wie die in Syrien ließen sich nur zusammen mit Moskau lösen.  
Zudem macht die Konkurrenz der G20 der G7 zu schaffen. Seit 2008 gibt es Spitzentreffen in dieser größeren Runde, der auch aufstrebende Wirtschaftsmächte wie Brasilien, China und Indien angehören.  
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hält das G7-Format dennoch weiterhin für zeitgemäß. "Die Gespräche auf solchen Gipfeln sind offener und intensiver, als sie es bei üblichen Treffen sein können", sagte sie kürzlich der "Süddeutschen Zeitung".

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