Politik

Skifahren in Zeiten des Klimawandels: Schnee wird zur Mangelware. (Foto: DAPD)

23.12.2011

Skifahren ohne Schnee

Sinkende Niederschläge stellen Bayerns Wintersportgebiete vor Probleme

In den Skigebieten im Freistaat liegt immer weniger Schnee. Die bayerische Regierung subventioniert deshalb Beschneiungsanlagen. Doch bald wird es auch für Kunstschnee zu warm. Alternative Wirtschaftsmodelle für die Skiorte werden aber nicht gesucht.

Der Saisonstart im Skigebiet an der Zugspitze ist dieses Jahr um drei Wochen verschoben worden. Erst vergangene Woche konnten die Lifte den Betrieb aufnehmen. Es lag einfach zu wenig Schnee. Schneemangel ist in bayerischen Skigebieten mittlerweile normal. Überall stehen deshalb Beschneiungsanlagen, grüne Wiesen neben den Talabfahrten sind ganz normal. Die Aussichten: Es wird noch schlimmer.
Der Klimawandel trifft die deutschen Alpen am härtesten, heißt es in einer OECD-Studie aus dem Jahr 2007. Eine Erwärmung um ein Grad würde demnach die Zahl der schneesicheren Skigebiete um 60 Prozent verringern. Und: „Bei einer Erwärmung um vier Grad wäre in Deutschland nur noch die Zugspitze schneesicher.“
Gerade machte die Klimakonferenz in Durban deutlich, dass die Welt eher auf ein Vier-Grad-Szenario zusteuert. Eine aktuelle Studie aus Österreich zeigt außerdem, dass es bald auch für Kunstschnee zu warm wird.
Doch dass es mit dem Skifahren im Freistaat bald vorbei sein könnte, will in Bayern noch niemand wahrhaben. Eine Sprecherin des bayerischen Wirtschaftsministeriums sagt: „So lange es skibegeisterte Einheimische und Touristen gibt, wird es auch bayerischen Wintertourismus geben.“
Sie könnte auch sagen: Die bayerischen Skigebiete wird es solange geben, wie der Freistaat sie fördert. Das Wirtschaftsministerium subventioniert Schneekanonen derzeit über zwei Förderprogramme: Geld bekommen Ortschaften mit kleinen Skigebieten, die auf die Einnahmen aus dem Wintersport angewiesen sind, und die großen Gebiete, wo Spitzensport stattfindet. Bislang wurden 22 Beschneiungsanlagen bewilligt, unter anderem in den Gebieten Alpspitzbahn, Winklmoosalm, Oberstaufen, Berchtesgaden, und in Garmisch-Patenkirchen und Ruhpolding. Über zwei weitere Projekte wird gerade entschieden: Die Anlagen am Sudelfeld und am Brauneck sollen ausgebaut werden.
Hartmut Graßl, einer der renommiertesten deutschen Klimaforscher und wichtigster Berater der bayerischen Staatsregierung auf diesem Gebiet, sagte kürzlich in einem Interview, der Staat dürfe die bayerischen Skigebiete nicht fördern. „Es ist klar, dass tiefliegende Skigebiete wie das Sudelfeld in 20 oder 30 Jahren pleitegehen, weil sie zu wenig schneesicher sind und es oft zu warm ist für eine Beschneiung.“
In Deutschland sind auch keine chemischen Zusätze erlaubt, die den Gefrierpunkt des Kunstschnees senken. Eigentlich weiß das auch Bayerns Regierung ganz genau: „Niederschläge werden verstärkt als Regen fallen und die Grenze für die Schneesicherheit wird sich nach oben verschieben“, erklärt ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums.
Ein Grund, Subventionen für Schneekanonen zu stoppen, ist das aber nicht. Laut Wirtschaftsministerium ist es Aufgabe des Anlagenbetreibers, diese Erkenntnisse in seine Investitionsentscheidung einzubeziehen. Das bedeutet: Solange die Bergbahnbetreiber weitermachen wollen, zahlt der Staat.
Gleichzeitig suchen die wenigsten Anlagenbetreiber in Bayern nach wirtschaftlichen Alternativen, solange der Skibetrieb noch läuft. Bisher sind 10 Millionen Euro Fördermittel geflossen. In den vergangenen fünf Jahren ist die in Bayern künstlich beschneite Fläche von 413 Hektar auf mittlerweile 711 Hektar angewachsen – insgesamt gibt es in Bayern 3700 Hektar Pistenfläche.


Die Lizenz zum Beschneien wird ziemlich schnell erteilt


Dabei hatte Bayern Anfang der 90er Jahre noch einen rigiden Kurs gegen Schneekanonen eingeschlagen: Nur apere Stellen durften beschneit werden. Erst im August 2005 änderte sich der Kurs der Staatsregierung. Seitdem wird die Lizenz zum Beschneien sehr schnell erteilt. Schneekanonen dienen mittlerweile auch zur Saisonverlängerung.
Die Opposition im Landtag lehnt die staatliche Unterstützung der Beschneiungsanlagen immer noch ab. Ludwig Wörner, umweltpolitischer Sprecher der SPD, ist über die Linie der Staatsregierung entrüstet: „Man setzt Schneekanonen ein, weil es aufgrund des Klimawandels weniger schneit. Die Schneekanonen wiederum tragen durch ihren gewaltigen Energieverbrauch selbst zur weiteren Erderwärmung bei.“ Die Staatsregierung habe diese Entwicklung mitgetragen: Durch die Subventionen werde schließlich ein Anreiz geschaffen, auf die teuren sowie umwelt- und klimaschädlichen Schneekanonen zu setzen. Volkswirtschaftlich richtig wäre das Gegenteil: Gefördert und unterstützt werden sollten Gemeinden, die ihr Tourismus-Konzept auf umwelt- und klimafreundliche Angebote umstellen.
Schneekanonen, sagt auch Ludwig Hartmann, klimapolitischer Sprecher der Grünen, seien zum Symbol einer völlig aus dem Ruder laufenden Vermarktung der Alpenregion geworden. Und weiter: „Der in den bayerischen Alpen viel wichtigere Sommertourismus wird durch die technischen Einbauten und den permanenten Baustellenbetrieb vertrieben.“
Tatsächlich leiden Böden, Pflanzen, Tiere, Wasserhaushalt und Landschaftsbild unter dem Kunstschnee. Er verändert auch die Landschaft. Bis in den September hinein zeichnen sich die braunen Bänder der beschneiten Pisten ab. In der kurzen Zeit zwischen den Beschneiungen können sich die Wiesen nicht erholen.
Trotz aller Bedenken werden mit großer Wahrscheinlichkeit in den kommenden Wochen die beiden neuen Beschneiungsanlagen am Brauneck und am Sudelfeld genehmigt. Im nächsten Winter werden dann nicht nur zusätzliche Schneekanonen aufgestellt, sondern auch noch große künstliche Speicherseen in den Wald gebaut. (Veronica Frenzel)

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