Politik

13 Menschen starben beim bislang schlimmsten Terroranschlag in Deutschland seit dem zweiten Weltkrieg (Foto: dapd)

06.05.2011

Strauß und die Bombe

Der Landtag fordert neue Ermittlungen über das Oktoberfest-Attentat - tatsächlich gibt es viele offene Fragen

Es ist dieser eine Fall, dieses eine Erlebnis im Leben eines jeden Kriminalpolizisten, das ihn nicht mehr loslässt. Für Josef Ottowitz war es der Abend des 26. September 1980. Damals musste der Kommissar mitansehen, was den mittlerweile 69-Jährigen bis heute beschäftigt: das Münchner Oktoberfest-Attentat, der bislang schlimmste Terroranschlag der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Der Tod kam um 22.19 Uhr. Zu jenem Zeitpunkt wollte der rechtsextreme Student Gundolf Köhler einen Sprengsatz in einem Abfalleimer am Haupteingang verstauen, als die Bombe unvermittelt explodierte. Es gab einen Lichtkegel, Schreie, Panik. Der Militärsprengstoff zerfetzte viele Besucher regelrecht, andere wurden von Metallsplittern durchbohrt – 13 Menschen starben, mehr als 200 wurden verletzt. „Alles war voller Blut, überall Blut“, erinnert sich Ottowitz an den schlimmsten Einsatz seiner Karriere. „Es sah aus wie nach einem Luftangriff“, sagt der Ermittler. Die Gummistiefel, die er beim Einsatz anhatte, trug er danach nie wieder.


Welche Geheimnisse schlummern im LKA-Archiv?


Aber die Erinnerung lässt sich nicht so leicht ablegen. Bis heute fragt sich der Kriminaler, wie genau es zu der Tat kam. Auch dem Reporter Ulrich Chaussy ließ das Geschehene keine Ruhe. Die Bundesanwaltschaft war schnell zu dem Ergebnis gelangt, dass Köhler als verwirrter Einzeltäter gehandelt habe – und es keine Hintermänner gab. 1982 hatte Karlsruhe deshalb die Ermittlungen eingestellt.
Doch Chaussy wollte nicht an die offizielle Version glauben. Schließlich hatte ihm ein unbekannter Informant Teile der Ermittlungsakten zugespielt. Außerdem befragte der Journalist selbst zahlreiche Zeugen. „Die These vom verwirrten und isolierten Einzeltäter lässt sich nicht halten“, fasst er die Ergebnisse seiner Recherchen zusammen. Wenn Köhler so lebensmüde und frustriert gewesen sei, warum hat er dann kurz vor dem Attentat einen Bausparvertrag abgeschlossen, fragt Chaussy. Auch hatte Köhler nachweislich Kontakte zur rechtsradikalen Szene.
Zudem will zumindest ein Zeuge Köhler kurz vor dem Anschlag in Begleitung anderer Personen gesehen haben. Für Chaussy ist klar: Die Polizei hat eine Reihe von Spuren nicht ausreichend gewürdigt.

FJS und die Kanzlerkandidatur


Es gibt sogar die Theorie, die Ermittlungen seien absichtlich behindert worden. Schließlich hatte der damalige Ministerpräsident Franz Josef Strauß mehrfach im Freistaat agierende rechte Terrorgruppen wie die Wehrsportgruppe Hoffmann verharmlost. Für die anstehende Kanzlerkandidatur von FJS wäre das Gift gewesen, hatte er doch schon kurz nach der Tat die RAF beschuldigt. An eine Verschwörung glaubt Polizist Ottowitz indes nicht. Doch auch er sagt: „Neue Ermittlungen wären sinnvoll.“
Chaussy und viele der Opfer blieben mit ihrer Forderung nach einer Wiederaufnahme des Verfahrens jedoch fast drei Jahrzehnte lang ungehört. Die Bundesanwaltschaft blockte ab und auch die Politik zeigte sich unbeirrt. Bis vor wenigen Tagen das Unglaubliche geschah: Auf Initiative der SPD plädierte der bayerische Landtag einstimmig dafür, Karlsruhe solle die Ermittlungen wieder aufnehmen.
Es habe sich bei diesem Fall in den vergangenen Jahren „äußerst viel getan“, begründet Franz Schindler (SPD), Vorsitzender des Rechtsausschusses, das Umdenken seiner Fraktion. So hat etwa die Auswertung von Stasi-Akten jüngst Indizien dafür erbracht, dass es enge Kontakte zwischen der organisierten Neonaziszene und dem Wiesn-Attentat gegeben haben dürfte. „Mir sträuben sich jedenfalls die Haare, wenn ich auch nach 30 Jahren vom angeblichen Einzeltäter höre.“
Er hofft auf den Einsatz neuer Ermittlungstechniken. Tatsächlich klärte die Bundesanwaltschaft in jüngster Vergangenheit einige linksextremistische Straftaten dank alter DNA-Spuren auf. Die lange in Karlsruhe lagernden Beweise des Oktoberfestattentats hat die Bundesanwaltschaft allerdings bereits 1997 vernichtet. „Die Tat galt als aufgeklärt“, rechtfertigt sich ein Behördensprecher. „Ein Skandal“, findet Chaussy.
Er hofft allerdings, dass die in den umfassenden Archiven des LKA lagernden Spurenakten Klarheit bringen. „Hier kann Bayerns Innenminister Joachim Herrmann helfen, indem er zumindest dem Opferanwalt Einblick gewährt“, sagt Chaussy.
Mit Herrmann hatte bereits bei der letzten Gedenkfeier für die Opfer des Attentats im September 2010 erstmals ein bayerisches Regierungsmitglied gesprochen – und dort für eine Wiederaufnahme der Ermittlungen plädiert. Zur Frage, ob das Landeskriminalamt Betroffenen auch bald Einblicke in die Akten gewährt, will Herrmann derzeit jedoch noch nichts sagen.
Das FDP-geführte Bundesjustizministerium könnte eine Wiederaufnahme der Ermittlung anordnen. Dort sieht man momentan dafür aber keinen Grund. „Schließlich prüft die Bundesanwaltschaft förmlich und mit einem beachtlichen Personalaufwand, ob neue Ermittlungen geboten sind“, so eine Sprecherin. Eine anschließende Entscheidung habe die Anwaltschaft bislang nicht getroffen.
Ein Sprecher der Karlsruher Behörde versichert dagegen, es gebe aktuell „keinen Anlass zur Wiederaufnahme der Ermittlungen“. Schließlich habe man bis November 1982 bereits 850 Spuren verfolgt und 1700 Zeugen vernommen. (Tobias Lill)

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