Politik

Papa im Home-Office: Das erlaubt nicht jedes Unternehmen. (Foto: Getty)

28.02.2014

Teilzeit in der Chefetage

Bayern will familienfreundlichere Unternehmen - da ist es gut, wenn man im öffentlichen Dienst mit gutem Beispiel vorangeht

Um eines müssen sich junge Eltern bei der Firma Linhardt im niederbayerischen Viechtach keine Gedanken machen: den Windelkauf. Die bekommen sie derzeit ein Jahr lang gratis von ihrem Arbeitgeber. Doch das ist nicht die einzige familienunterstützende Maßnahme des Verpackungsherstellers mit 1200 Mitarbeitern. Linhardt bezuschusst auch die Großtagespflege Löwenzahn, in der Kinder von 6.45 bis 18 Uhr betreut werden – auch in den Ferien. Dazu nutzen die Mitarbeiter 100 verschiedene Schichtmodelle für Teilzeitkräfte inklusive Home-Office-Zeiten. „Natürlich sind nicht alle Modelle für jede Position sinnvoll“, sagt Geschäftsführerin Monika Kopra-Schäfer der Staatszeitung. „Wir suchen hier gemeinsam ganz unbürokratisch nach der besten Lösung.“

Im vergangenen Jahr wurde Lindhardt zum familienfreundlichsten Unternehmen Bayerns gekürt: beim Wettbewerb „SIEgER 2013 – Gerechte Chancen in der Arbeitswelt“. In der Jury saßen die damalige Familienministerin Christine Haderthauer, vbw-Präsident Alfred Gaffal und DGB-Chef Matthias Jena.
Doch von familienfreundlichen Chefs können die meisten bayerischen Eltern nur träumen. Die Realität sieht meist so aus, dass Mütter Teilzeit arbeiten, in dieser Zeit nicht für Führungsposten infrage kommen und, nachdem die Kleinen größer sind, keine Vollzeitstelle mehr kriegen. Damit sich das ändert, hat Christine Haderthauer, inzwischen Staatskanzleichefin, einen Familienpakt Bayern angekündigt. „Schieflagen und Lücken“ bei der Familienfreundlichkeit sollen dabei beseitigt werden, betont Haderthauer.

Und das ist der Haken: Alles soll nur freiwillig sein


Schönheitsfehler des Vorhabens: Haderthauer will sich auf Appelle und freiwillige Vereinbarungen mit den Unternehmen beschränken. Gesetzliche Vorgaben, etwa das Recht auf Rückkehr in einen Vollzeitjob, sind nicht geplant. Das missfällt auch DGB-Chef Jena. Er beklagt: „Das darf nicht allein dem Goodwill der Betriebe überlassen bleiben.“ Die Landtagsgrünen sehen das genauso. Deren Vizefraktionschefin Verena Osgyan fordert „verbindliche Zielvereinbarungen für die Wirtschaft und endlich auch für den öffentlichen Dienst und die Unternehmen mit Staatsbeteiligung“. So weit will die arbeitsmarktpolitsche Sprecherin der SPD, Angelika Weikert, nicht gehen. Sie plädiert aber dafür, dass der Freistaat als Arbeitgeber mit gutem Beispiel vorangehen soll.
Das wollen auch Haderthauer und die Landtags-CSU. Dem öffentlichen Dienst, sagt Ingrid Heckner (CSU), Vorsitzende des Landtagsausschusses öffentlicher Dienst, „kommt eine Vorbildfunktion zu“. Die CSU-Fachpolitiker haben deshalb eine Ausweitung der Kinderbetreuungsmöglichkeiten für öffentlich Bedienstete beschlossen. Heckner weist darauf hin, dass der öffentliche Dienst mit der Wirtschaft um Personal konkurriere. „Wir werden künftig mehr Fachkräfte etwa in Krankenhäusern und Pflegeheimen brauchen“, so die CSU-Frau. Für die Kinder der verzweifelt gesuchten Fachkräfte müssten genug Betreuungsplätze angeboten werden.

Im Landtag gibt's schon lang einen Kindergarten


Auch Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU) betont: Die Ministerien und die nachgeordneten Behörden hätten „eine Vorbildfunktion“. Sie selbst hat bereits vor fünf Jahren Fakten geschaffen und eine Kindertagesstätte im Landtag gegründet. Eine Ministeriums-Kindertagesstätte gibt es aber noch nicht. Im Jahr 2010 eröffnete der Freisstaat allerdings in München die erste staatliche Krippe „Reitmorzwerge“. Daneben gibt es in Münchner Einrichtungen Belegrechte für Kita-Plätze. Immerhin: Alle zehn Ministerien haben eine Vollzeitkraft in die Staatskanzlei abgeordnet, die Truppe soll bis zum Sommer Details des Familienpaktes erarbeiten.
Zu tun gibt’s genug. „Wir sind nur da familienfreundlich, wo es keinem wehtut“, lästert ein Ministerialer. So sei etwa Telearbeit kein Problem. Schwieriger werde es, wenn sich zwei Väter oder Mütter eine (Führungs-)Position teilen wollten.
Norbert Flach, stellvertretender Bezirksleiter von ver.di Bayern, nennt noch ein weiteres Ärgernis: „Familienfreundlichkeit ist auch eine Frage der Sicherheit des Arbeitsverhältnisses“, sagt er. Beim öffentlichen Dienst seien aber 30 Prozent der Arbeitsverträge befristet. „Welches junge Paar“, so Flach, „traut sich da an die Familienplanung?“ (Angelika Kahl / Waltraud Taschner)

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