Politik

111 Liter Bier trank der Durchschnitts-Deutsche im Jahr 2008. Das sind 30 Liter weniger als noch 1990. Foto: ddp

11.06.2010

Trübe Aussichten

Vielen bayerischen Brauereien geht es schlecht – die Rückkehr der Dose könnte manchen den Rest geben

An solchen Tagen weiß der Münchner, was er an seiner Stadt liebt: Der See im Englischen Garten schimmert in der Sonne. Zwei Verliebte schippern mit dem Boot in Sichtweite vorbei. Die Gäste des Seehauses sitzen am Ufer, direkt neben den Schwänen. In den Maßkrügen leuchtet goldener Gerstensaft – natürlich aus Bayern.
Auch auf den an den Biergarten angrenzenden Wiesen des Englischen Gartens spürt man sie noch: die bajuwarische Lebensfreude. Es duftet nach Grillfleisch. Und auf den Picknick-Decken trinken die Sparsameren ihr Feierabendbier aus den bunt verzierten Glasflaschen der einheimischen Traditionsbrauereien. Menschen, die Bier aus Einwegflaschen oder gar Dosen trinken, sucht man vergebens.
Doch der „Mir san mir“-Idylle droht Gefahr: Denn schon bald könnten die Stadtparks im Freistaat von einer regelrechten Blechlawine überrollt werden: Pünktlich zur beginnenden Fußball-Weltmeisterschaft haben mehrere Lebensmittelketten in den vergangenen Tagen die lange geschmähte Bierdose wieder in ihr Sortiment aufgenommen.
Nach dem Discounter Penny führte in den vergangenen Tagen auch die Billig-Supermarktkette Netto nach mehreren Jahren Unterbrechung das umstrittene Gefäß wieder ein. In rund 4000 Filialen bietet Netto nun Dosenbier der Eigenmarke Schloss-Pils zum Preis von 29 Cent, plus 25 Cent Pfand, an. Und auch andere Einzelhändler wie Edeka bereiten derzeit die Wiedereinführung von Getränkedosen vor.
Während ein Tester des Fachblatts Biertest Online schreibt, das Schloss-Bier sei das beste Billigbier, welches je seinen „Rachen hinunter lief“, ist das Entsetzen bei den bayerischen Markenbrauern und deren Mitarbeitern groß. „Die Branche spürt den Verdrängungswettbewerb durch die Dose bereits“, sagt Hans Hartl, Chef der Gewerkschaft Nahrung, Genuss und Gaststätten (NGG) in Bayern. Vor allem kleinere Brauereien im Freistaat litten unter der Offensive der Billigbier-Hersteller.
Auch Walter König, Sprecher des Bayerischen Brauerbundes ist überzeugt: „Mit jeder Dose fällt eine Flasche für den Mittelstand weg.“ Während Großproduzenten der blechernen Tiefpreis-Plörre ihren Sitz häufig in Ostdeutschland haben, sind die Brauereien im südlichsten Bundesland zumeist noch mittelständisch organisiert.
Ihre Produktion ist sowohl arbeitsintensiver als auch ökologischer als die der Multis. Ein Mittelständler beschäftigt laut Brauerbund pro abgefülltem Liter Bier vier Mal so viele Angestellte wie ein Bierkonzern. Zudem setzen Bayerns Hersteller auf Mehrwegflaschen statt Einwegverpackungen. Als Folge der Einführung des Dosenpfands von 25 Cent im Jahr 2003 nahmen viele Supermärkte Getränkedosen vollständig aus dem Sortiment. Die Mehrwegquote beim Bier stieg auf gut 80 Prozent an. Sie liegt damit weit über denen anderer Getränkesorten. Das Comeback der Blech-Ungeheuer kommt für Bayerns Brauer zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. „Vielen unserer Mitglieder geht es schlecht“, sagt König. Mitte Mai stellte die Bamberger Maisel Bräu Insolvenzantrag. 30 Angestellten droht der Gang zur Arbeitsagentur. Auch das Nailaer Bürgerbräu war jüngst nur knapp an der Pleite vorbeigeschrammt.
Schuld an der Misere ist neben der Wirtschaftskrise nicht zuletzt der harte Winter. Der hat vielen Firmen laut Brauerbund massive Umsatzeinbußen beschert. Noch mehr macht der Branche aber das veränderte Konsumverhalten der Deutschen zu schaffen: Trank der Bundesbürger vor einem Jahrzehnt noch fast 126 Liter Bier im Jahr, waren es 2008 nur mehr 111 Liter. Tendenz: weiter fallend. Für nachlassenden Durst sorgen zudem Werbebeschränkungen und Verbote an öffentlichen Plätzen. Auch der strengere Nichtraucherschutz hat aus Sicht der Brauer einen schalen Beigeschmack: „Sollte das Rauchverbot in Kneipen weiter verschärft werden, wäre dies eine ernste Bedrohung für unsere Branche“, warnt Lothar Ebbertz, Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Brauerbundes.

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