Politik

10.02.2012

Tschüss, ciao, servus und pfiagod!

Hallo, Lehrkörper! Die Schüler verabschieden sich mit Ehrerbietung!

„Bayern kündigt den Länderfinanzausgleich!“, „Bayern verbietet ‚Tschüss‘!“ Was kommt als nächstes? „Bayern strebt eigenen Sitz im UN-Sicherheitsrat an“? Karl Valentin hätte gesagt: Alles nur im Traum natürlich!
Der Reihe nach: Seehofer und Söder treten die Diskussion um den Länderfinanzausgleich los, sie erhalten prompt Unterstützung von Winfried Kretschmann, dem grünen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, und als flankierende Maßnahme eröffnet die Bildzeitung Sperrfeuer gegen die Preußen: Die Rektorin einer Passauer Mittelschule verbannt per Aushang „Hallo“ und „Tschüss“ und legt ihren Schülern „Grüß Gott“ und „Auf Wiedersehen“ als angemessene Respektbezeugung gegenüber dem Lehrkörper nahe.
Eine Hausmitteilung an einer bayerischen Schule – ein Sack Reis in China droht umzufallen. Aber Bild war dabei: „Tschüss-Verbot! Jetzt sprechen die Schüler!“ – „Tschüss-Verbot regt Eltern auf!“ – „Ganz Bayern diskutiert das Tschüss-Verbot!“
Als hätten es Seehofer und Söder bestellt: Kaum greifen sie in die alte Klaviatur der bayerischen „Eigenständigkeit“, verfällt ganz Bayern in Abneigung gegen den Rest der Republik. „Die“ wollen „uns“ auch noch das „Grüß Gott“ rauben! Wo sie eh schon ihre Kindergärten mit unseren Steuermilliarden finanzieren!
Die Realität ist aber kein CSU-Werbespot. Die bayerische Wirklichkeit sieht anders aus. Sicher, die sprachliche Verständigung zwischen Nord und Süd ist schwierig. Als jüngst die Biermöslblosn in den Tagesthemen verabschiedet wurde, meinte es die Sprecherin Caren Miosga besonders gut und sagte am Ende der Nachrichtensendung zu ihrem Millionenpublikum „Pfiate“. Anscheinend gab es in der ganzen Hamburger Tagesschau-Redaktion niemanden, der ihr verklickern hätte können, dass „Pfiate“ Singular ist und dass man zu zwei oder mehr Personen „Pfiateich“ sagt.

Hey teacher, leave us kids alone!


Mit dem „Grüß Gott“, das die Passauer Rektorin ihren Schützlingen so leichthin per Aushang anempfiehlt, verhält es sich noch etwas komplizierter. Der Sprachwissenschaftler Ludwig Zehetner erklärt den ausschließlich in Süddeutschland und Österreich verbreiteten Gruß als „keltisches Sprachfossil“, das auf die irischen Missionare zurückzuführen sei (daher die seltsame Wortstellung). „Grüß Gott“ sei nicht, wie oft vermutet, ein Befehl, sondern ein Wunsch: „Gott möge dir freundlich begegnen.“ Bei „Hallo“ streiten sich die Gelehrten, ob es althochdeutscher, ungarischer oder hebräischer Herkunft ist. Bei „Tschüss“ dagegen ist die Sache einfach: eine norddeutsche Variante des romanischen „Adios“ – auch „Tschüss“ ist also etymologisch alles andere als ein gottloser Gruß.
Insofern könnten die Verteidiger des bayerischen Abendlands den Ball flach halten. Die Frage stellt sich ohnehin viel seltener, als man denkt. Die 13-jährige Judit, 8. Klasse Gymnasium, erklärt auf Nachfrage, dass sie den Lehrkörper sowieso meistens mit „Bonjour, Monsieur“, „Good morning“ oder „Buenos días, señora“ begrüßen muss. Falls gerade keine Fremdsprache anstehe, sei aber auch „Hallo“ und „Tschüss“ gebräuchlich. Was durchaus nicht als Mangel an Respekt zu verstehen sei. Der gehe anders: „Manchmal auch einfach ignorieren.“
Welcher Erwachsene würde sich nicht an Pink Floyd erinnern und deren Satz: „Hey, teacher, leave us kids alone!“ (Florian Sendtner)

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