Politik

Integrationskurse in Deutschland sind gefragter denn je. Bei den Kursteilnehmern vermeldet das BAMF im Vergleich zum Vorjahr einen Anstieg um 90 Prozent. (Foto: dpa)

18.08.2017

Überforderte Sprachschüler

Fast jeder zweite Flüchtling schafft den Deutsch-Test nicht – woran liegt das?

Das Interview mit dem 23-jährigen Hakan gestaltet sich schwierig. Ein Dolmetscher ist nicht greifbar, und das Deutsch des Irakers ist kaum vorhanden. Eigentlich müsste das anders sein. Hakan hat bereits einen allgemeinen Integrationskurs hinter sich, der 600 Stunden Deutsch und 100 Stunden Orientierung umfasst. Was genau Hakan in dieser Zeit gelernt hat, bleibt unklar. Deutsch ist es nicht. Er ist krachend durch die B1-Sprachprüfung gefallen, und auch der Test auf dem niedrigeren A2-Niveau war zu schwer für ihn.

Damit ist Hakan kein Einzelfall. Wie die Zahlen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) belegen, schafft fast jeder zweite Schüler die Sprachprüfung nicht. Woran hat es bei ihm gelegen? Hakan sieht ratlos aus, als ein Freund, der doch noch vorbeigekommen ist, ihm die Frage übersetzt. „Es ging zu schnell“, sagt er schließlich. „Ich will Deutsch lernen“, sagt er. „Ich weiß, dass es wichtig ist.“

Hakan, der auf eigenen Wunsch anders heißt, ist in seiner Heimat sechs Jahre zur Schule gegangen. Dann musste er arbeiten gehen, um die Familie zu ernähren. Hier in Deutschland wollte er ein neues Leben aufbauen. Jetzt will er den Sprachkurs noch einmal machen, aber zurzeit sei kein Platz frei.

Integrationskurse in Deutschland sind gefragter denn je. Bei den Kursteilnehmern vermeldet das BAMF im Vergleich zum Vorjahr einen Anstieg um 90 Prozent: 365 000 Menschen haben 2016 in Deutschland an einem Integrationskurs teilgenommen. Die enorme Steigerung spiegelt sich auch in den anderen Kernzahlen der Statistik wider. Rund 20 000 Kurse haben vergangenes Jahr begonnen, das ist ein Plus von 70 Prozent, es gab 100 Prozent mehr Lehrer und 20 Prozent mehr Träger. Durch den Ausbau der Kapazitäten hätten sich die Wartezeiten deutlich reduziert, bilanziert das BAMF.

Das große Chaos aus den Anfangszeiten der Flüchtlingskrise, als es vor allem darum ging, Flüchtlinge irgendwie in einen wie auch immer gearteten Integrationskurs zu schieben, scheint behoben. Umso lauter setzt jetzt die Diskussion um die Qualität der Kurse ein. Grund hierfür sind auch die vom Bundesamt veröffentlichten Zahlen über den Deutschtest. Die Prüfung auf der Schwierigkeitsstufe B1, die die Teilnehmer ablegen müssen, sieht eine selbstständige Anwendung der Sprache in alltäglichen Situationen vor und ist das eigentliche Lernziel des Integrationskurses.

In Bayern haben im vergangenen Jahr laut BAMF von 23 000 Schülern knapp 15 000 diesen Test bestanden. Das entspricht einer Bestehensquote von 64 Prozent. Bundesweit jedoch fallen die Zahlen deutlich schlechter aus. Hier haben nur 58,5 Prozent der Teilnehmer die Prüfung geschafft.

„Dass fast jeder Zweite durch die Deutschprüfung fällt, das ist untragbar“, kritisiert Arif Tasdelen, Vorsitzender der Enquete-Kommission Integration im Bayerischen Landtag. Eine der Hauptursachen sieht Tasdelen in den Sprachkursen selbst. „Ganz offensichtlich geht das Angebot an dem eigentlichen Bedarf und auch den Bedürfnissen der Teilnehmer vorbei.“ Anders fällt das Urteil im Bundesamt aus, das die Kurse bundesweit verantwortet und steuert. Die Integrationskurse wären ein Erfolg, lautet das Fazit der Behörde. Dass im Vergleich zu den Vorjahren immer weniger Teilnehmer den Deutschtest bestehen, sei zudem zu erwarten gewesen, erklärte ein BAMF-Sprecher auf Anfrage der Staatszeitung. „Die Zusammensetzung der Teilnehmer hat sich in letzter Zeit stark geändert.

In den Kursen sitzen Akademiker neben Fast-Analphabeten

Bis 2015 stellten EU-Zuwanderer den größten Teil der Integrationskursteilnehmer. 2016 hingegen stammten mehr als 60 Prozent aus dem Bereich Asyl/humanitäre Zuwendung.“ Für diese Gruppe stelle es schon vor dem Hintergrund der sprachlichen Ferne eine didaktisch erheblich größere Herausforderung dar, das Ziel im unveränderten Stundenumfang zu erreichen.

Tasdelen fordert, dass das Kursangebot besser auf die Teilnehmer zugeschnitten werden müsse. An die 500 Integrationskurse hat der Nürnberger SPD-Landtagsabgeordnete nach eigener Aussage bisher besucht und dabei immer die gleichen Beobachtungen gemacht. „In den Kursen sitzt die Akademikerin aus der Ukraine neben einem Mann aus dem Iran, der kaum seinen Namen schreiben kann. Ich muss kein Pädagoge sein, um zu wissen, dass effektives Lernen in dieser Zusammensetzung nicht funktioniert.“ Es müssten mehr Angebote geschaffen werden, die stärker auf die Vorbildung der Teilnehmer Rücksicht nehmen.

Die Münchner Volkshochschule ist einer der wenigen Träger in Bayern und Deutschland, die genau diese Anforderung erfüllt. Renate Aumüller, Fachgebietsleiterin der Deutsch-Integrationskurse, erklärt: „Ein Dozent, so gut er auch sein mag, kann nicht gleichzeitig einen Akademiker und einen Fast-Analphabeten unterrichten.“

610 Millionen Euro hat die Bundesregierung für die Kurse im laufenden Haushalt zur Verfügung gestellt. Der Zugang zu den Kursen ist allerdings beschränkt. Und auch das ist ein großer Kritikpunkt an den Integrationskursen. Berechtigt zur Teilnahme und damit auch finanziell gefördert sind nur Ausländer mit einer Aufenthaltserlaubnis und „Asylbewerber und Geduldete mit einer guten Bleibeperspektive“. Alle anderen können auch an dem Kurs teilnehmen, müssen ihn aber vollständig selbst bezahlen. Was sich kaum einer leisten kann.

Pro Asyl spricht deshalb von einer „bewussten Integrationsverhinderung“. Die Organisation fordert Integrationskurse für alle zum frühstmöglichen Zeitpunkt. „Manche Antragssteller müssen bis zu zwei Jahre warten, bevor sie anerkannt werden – und in denen die Behörden jegliche Integrationsbemühungen verhindern. Das ist verlorene Zeit.“ (Beatrice Ossberger)

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Kommentare (7)

  1. EigeneMeinungHaber am 18.08.2017
    IMMER sind es die Deutschen (Behörden, Bevölkerung etc.) die schuld an gescheiterten Integrationslaufbahnen haben. EINMAL die ehrliche Einschätzung, dass es vielleicht an den Migranten liegen könnte (zu faul, zu blöd oder unwillig)? NEVER!!!
    Das "Wir schaffen das!" der Bundesmutti wird härter verteidigt als die Lehre von der unbefleckten Empfängnis Marias im Vatikan.
  2. Côté Langues am 18.08.2017
    Ich unterrichte zwar nicht in Integrationskursen, kann mir aber gut vorstellen, dass dort eine Binnendifferenzierung nicht ausreichend ist. Die Gruppen müssten sicher wesentlich homogener sein, damit ein wirklich effektives Lernen möglich ist.
  3. Deutschlehrerin am 18.08.2017
    Als Lehrerin in Integrationskursen bin ich dankbar für diesen Artikel.
    Vor einiger Zeit telefonierte ich mit dem Bamf, um mich zu erkundigen, ob es nicht Kurse mit langsamer Progression für schwächere Teilnehmer gebe. Die Notwendigkeit wurde nicht gesehen. Dies widerspricht meiner Erfahrung.
    Es ist frustrierend, Teilnehmer, die von Beginn an überfordert sind, mangels anderer Kursangebot, den Integrationskurs durchlaufen zu lassen und zu wissen, dass sie ihn nicht bestehen werden.
    Warum werden nicht endlich Kurse mit langsamer Progression, die beispielsweise 900 Stunden umfassen, für diese Teilnehmer angeboten?
    Die Realität sieht so aus, dass diese Teilnehmer bei Nichtbestehen des ersten Kurses nochmal 300 Stunden wiederholen können. Allerdings steigen sie dann in Modul 4, also nach den ersten 300 Stunden, wieder in einen "normalen" Integrationskurs ein. Aber manchen fehlt eben gerade die Basis der ersten 300 Stunden.
    Ich halte dies für eine Zeit- und Geldverschwendung. Im Endeffekt haben diese Teilnehmer dann auch 900 Stunden Deutschkurs besucht, mit dem Resultat, dass es wesentlich länger gedauert hat (die Wartezeiten auf Testergebnisse betragen 4-8 Wochen und dann müssen sie erst noch einen Platz in einem Kurs finden) und sie dennoch nicht immer über "alltagstaugliche" Deutschkenntnisse verfügen. Das zieht den Integrationsprozess unnötig in die Länge und verschwendet somit auch Gelder. Abgesehen von der Frustration der Teilnehmer und auch der Lehrkräfte. Denn es kostet nicht wenig Energie, den Balanceakt zwischen relativ schwachen und wesentlich stärkeren Lernern zu halten.
    Ich hoffe sehr, dass das Bundesamt die Notwendigkeit langsamerer Kurse sieht und diese im Interesse der Teilnehmer, Lehrkräfte und der finanziellen und zeitlichen Investition angeboten werden.
  4. Odinsraven am 18.08.2017
    Ich arbeite nun seit 2 Jahren mit Flüchtlingen, und habe selber Deutsch unterrichtet. Die Kurse sind tatsächlich nicht auf die Anforderungen der Teilnehmer zugeschnitten. Es muss nach Bildungsstufen der Teilnehmer, unterschieden werden. Einen Akademiker neben einem Analphabeten zu unterrichten ist schlicht kaum möglich. Da habe ich eine eigene Referenzerfahrung. Dann dümpeln die Flüchtlinge zunächst unbeschäftigt in den Unterkünften herum. Und das teilweise monate- und jahrelang. Geld fliesst nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Wieso soll ich auf einmal Deutsch lernen, wenn ich bisher für das rumsitzen Geld bekommen habe? Ein weiterer Punkt ist die mangelnde Motivation vieler Teilnehmer, die oft aus einem wenig leistungsfordernden kulturellen Umfeld kommen. Obwohl sie nur 3 - 6 Stunden am Tag unterrichtet werden, bleiben sichtbare Fortschritte oft aus. Hausaufgaben werden obwohl sie sonst nichts zu tun haben in der Regel nicht gemacht. Hier müssen Tests her, die Leistungen abverlangen. Wer von uns Leistungen erhält, muss eine Gegenleistung erbringen. Bei Nichtbestehen wird die Geldleistung reduziert und zwar solange, bis das geforderte Niveau erreicht ist. Bei einem Leistungsempfänger nach dem SGB II und III wird auch eine Sanktion verhängt, wenn die Vereinbarungen der Eingliederungsvereinbarung oder sonstige Vorschriften nicht eingehalten werden.
    Es kann nicht sein, dass ein junger Mann nach Deutschland kommt und nach 8 Jahren in Deutschland und mehreren Deutschkursen (4 an der Zahl) noch immer nur ein A 2-Niveau erreicht hat, und in dieser Zeit auch nicht einen Tag sozialversicherungspflichtig gearbeitet hat - und diese Fälle gibt es. Namen kann ich hier natürlich nicht nennen.
    Wer nach Deutschland kommt und hier Leben will, muss Deutsch lernen. Hier wird seit über 1.000 Jahren Deutsch gesprochen, nicht Englisch, nicht Russisch, nicht Spanisch, nicht Türkisch sondern Deutsch. Wer unsere Freiheiten, die wir gerne teilen, geniessen will muss sich hier anpassen und unsere Regeln akzeptieren und die Sprache des Landes lernen. Und wir als Gastgeber haben das Recht zu erwarten, dass unsere Gäste unsere Art zu Leben akzeptieren und unsere Sprache erlernen. Wer das nicht will, der soll doch bitte eine Freiheit unseres Landes in Anspruch nehmen, die wir alle in Anspruch nehmen dürfen, nämlich das Land zu verlassen.
  5. Bie-Bu am 18.08.2017
    Der Grund ist ganz einfach:
    Versuchen Sie bitte innerhalb von 6 Monaten eine Fremdsprache auf dem Niveau B1 zu lernen.
    Kleine Kostprobe:
    https://www.telc.net/pruefungsteilnehmende/sprachpruefungen/filter.html
    Auf derselben Webseite finden Sie auch einen Modelltest Deutsch B1, wie ihn die Teilnehmer nach 600 Stunden/6-8 Monaten ablegen.
    Viel Spaß damit❣️
  6. Klaus Thei am 19.08.2017
    58% bestehen also die Sprachprüfung beim ersten Anlauf! Das ist weit mehr als die Hälfte und ein guter Wert, wenn man weiß, dass viele Teilbehmer wegen des Bürgerkriegs nur wenige Schuljahre mitbringen. Wer kaum seinen Namen schreiben kann, besucht zuerst in einen Alphabetisierungskurs! Wer die Prüfung B1 nicht schafft, also nach nur 5-6 Monaten Untericht (!), kann nach weiteren 300 Stunden nochmal ran. Danach haben 2|3 vestanden. Das Niveau entspricht dem von Schulenglisch nach 4-5 Jahren. Auch bleibt regelmäßig die Rolle der Wertevermittlung znbeaxhtet. Man sollte also die Messlatte nicht unrealistisch hochlegen. Klaus Amend, Kursleiter für Integrationskurse.
  7. integra am 22.08.2017
    Die Integrationskurse leiden an einigen dem BAMF leider unbekannten Grundfehlern.

    1.) Die meisten VHSen sind mit der überbordenden Bürokratie überfordert.
    2.) Jeder kann inzwischen mit kleiner Fortbildung Deutsch unterrichten. Das ist so, wie wenn ein Mechaniker nach einem Wochenendkurs Blinddärme operiert.
    3.) Viele Asylanten sind psychisch nicht in der Lage, dem Unterricht zu folgen. Der Deutschunterricht beginnt für viele nicht zu spät, sondern zu früh.
    4.) Die Mischung in den Kursen ist, wie im Artikel genannt, kontraproduktiv. Bayern traut sich da mal wieder mehr Differenzierung als alle anderen Länder. Offensichtlich mit Erfolg.
    5.) Ein Deutschkurs hebt nicht die Intelligenz. Der DTZ-Test ist aber zum großen Teil auch ein IQ-Test. Die Teilnehmer müssen Fragen beantworten, die sie nicht richtig verstehen können, weil sie z.B. verneint oder zu ähnlich sind. Genaues Lesen kann man in 600 Stunden nicht lernen, wenn man es nicht in der Grundschule schon gelernt hat.
    6.) Unsere Lehrbücher verlangen Fantasie: Erzählen Sie, stellen Sie sich vor, dass... Was denken Sie über..., Wie würden Sie reagieren...
    All das sind Aufgaben, die ein deutsches Kind ab Kindergarten zu erfüllen lernt. Wer aber in Syrien, im Irak, im Kosovo oder in Afghanistan in der Schule saß und nur auswendig gelernt hat, ist damit völlig überfordert. Fantasie ist eine Frucht der Freiheit!

    Fazit: Die ganzen Integrationskurse sind die größte Steuerverschwendung der Nachkriegszeit. Erst wenn die Integrationsarbeit an den Schulen und Berufsschulen angegliedert wird und wenn die Lehrer dafür ordentlich ausgebildet und anständig angestellt werden, wird sich etwas ändern.
    Aber das dringt einfach nicht zum BAMF durch.

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