Politik

Scham, Angst und Schuldgefühle: Viele Migrantinnen in der Bayernkaserne wurden auf ihrer Flucht nach Deutschland vergewaltigt. (Foto: dpa)

11.09.2015

„Viele Flüchtlingsfrauen wurden vergewaltigt"

Ordensschwester und Migrantinnen-Beraterin Irmtrud Schreiner über die Fluchtursachen von Frauen, Zuhälter in Erstaufnahmeeinrichtungen und darüber, wie Traumata heilen

„Alle reden über Kriegs- und Armutsflüchtlinge, aber keiner über Frauen“: Seit 30 Jahren hilft Solwodi (Solidarity with Women in Distress) Migrantinnen in Not. In München betreut die Organisation jährlich über 200 Frauen und Mütter. Deren Reise gleicht nicht selten einem Martyrium – und selbst in Deutschland sind sie oft nicht sicher.

BSZ: Frau Schreiner, weltweit sind laut den Vereinten Nationen 80 Prozent aller Flüchtlinge Frauen und Mädchen. Warum kommen in Deutschland dennoch rund zwei Drittel Männer an?
Irmtrud Schreiner: Wahrscheinlich, weil sich Männer eher trauen. Die Frauen aus Syrien oder Afghanistan kommen oft nicht allein, weil sie von ihren Männern abhängig sind. Diejenigen, die allein kommen, sind wirklich von ihrer familiären Situation bedroht. Das heißt, sie kommen nicht nur wegen des Kriegs, sondern weil sie aus ihrer Zwangsheirat oder gewalttätigen Familien mit beispielsweise Genitalverstümmelung ausbrechen wollen.

BSZ: Wie ist die Situation beispielsweise in jordanischen Flüchtlingslagern speziell für Frauen ohne männliches Familienoberhaupt?

Schreiner: Schlimm. Dort gesteht man den Frauen keine Rechte zu. Deswegen sollten wir froh sein, wenn sie den Mut haben, auszubrechen. Und sie dann besonders betreuen. Daher haben wir in den letzten Jahren dafür gekämpft, dass Frauen nicht einfach in irgendeine Gemeinschaftsunterkunft kommen, sondern dass man frauenspezifische Häuser bereitstellt. Früher war das Argument, man solle Frauen mit Männern in den gleichen Unterkünften unterbringen, weil Frauen mehr Frieden unter die Leute bringen – aber dafür darf man die Frauen nicht benutzen, wenn es ihnen schadet. Sozialministerin Emilia Müller hat das begriffen und spezielle Frauenhäuser eingerichtet.

BSZ: Trotzdem haben auch Frauen in der Bayernkaserne noch Angst vor Übergriffen. Wie steht es um Sozialpädagoginnen oder spezielles weibliches Wachpersonal?
Schreiner: Davon gibt es viel zu wenig. Sie sind auch nicht genügend ausgebildet – vor allem darin, wie man mit traumatisierten Frauen umgeht. Daher sind sie auch bei uns nicht sicher. Gerade hat mir eine Sozialarbeiterin erzählt, dass sie sich Sorgen macht, dass noch immer ein Zuhälter die Macht über eine Frau hat. Grundsätzlich gilt: Wenn Frauen Angst haben, nehmen wir sie aus den Einrichtungen heraus und bringen sie in unsere eignenen Schutzwohnungen. Inzwischen sind aber leider alle Plätze belegt.

BSZ: Viele Frauen haben sicherlich Hemmungen, von ihren Erlebnissen zu erzählen.
Schreiner: Genau aus diesem Grund ist eine Organisation wie Solwodi unglaublich wichtig. Ich kenne keine Frau, die einen normalen Fluchtweg hatte und nicht ausgenutzt wurde. Viele hat man in die Prostitution gebracht, viele wurden vergewaltigt. Die Frauen, die über Libyen nach Europa gekommen sind, haben ein Martyrium ausgestanden. Teilweise waren sie mit ihren Kindern in Gefängnissen untergebracht, bis sie endlich in ein Boot gebracht wurden. Letzte Woche habe ich eine Stellungnahme geschrieben, wo die Frau erst beim dritten Gespräch sagte, was Sache war – manchmal dauert es sogar noch länger. Viele Frauen kommen mit großer Angst, Schuldgefühlen und Scham. Das ist nicht einfach.

BSZ: Können Sie diesen traumatisierten Frauen überhaupt helfen?
Schreiner: Man kann lernen, mit einem Trauma zu leben. Das müssen wir ja alle in verschiedener Weise. In unseren 17 Stellen in Deutschland versuchen wir, für traumatisierte Frauen eine spezielle Therapie anzubieten. Das sind meistens Therapeuten, die das ehrenamtlich machen. In München betreuen wir pro Jahr rund 200 Frauen. Wir reden mit ihnen, ermuntern sie immer wieder, sorgen für medizinische Versorgung, schauen, dass es in der Unterkunft klappt und suchen nach Möglichkeiten, wie es weitergeht – über Jahre hinweg. Und wir schreiben Stellungnahmen für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), wenn wir glauben, dass die Frauen wirklich hierbleiben sollten. Da haben wir auch gute Erfahrungen gemacht. Für viele ist es der sehnlichste Wunsch, endlich allein Geld verdienen und ihre Kinder versorgen zu können.

BSZ: Geschlechtsspezifische Gründe werden im Antrag auf politisches Asyl in Deutschland seit 2005 anerkannt. In der Praxis wird allerdings immer wieder von Problemen berichtet.
Schreiner: Genau. Eine Frau zum Beispiel, die hierher gelockt wurde, schon mit 15 Jahren über Jahre hinweg eingesperrt war und zur Prostitution gezwungen wurde, bekam nur einen subsidiären Schutz und keinen Flüchtlingsstatus. Niemand gibt solchen Frauen einen festen Arbeitsvertrag. Das ist ein Teufelskreis. Da müsste noch viel mehr passieren. Das größte Problem aber ist, dass sie so lange warten müssen. Allein bis der Antrag bearbeitet wird, ist häufig schon über ein Jahr vergangen. Das BAMF ist einfach überfordert. Wenn das schneller ginge, würde von den Frauen eine Riesenlast abfallen.

BSZ: Allein letztes Wochenende kamen 20 000 Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof an. Hat Sie die Hilfsbereitschaft überrascht?

Schreiner: Dass sie so groß ist, ja. Ich war selber dort, um zu sehen, wie man helfen kann. Aber wir haben schon immer festgestellt, dass die Leute bereit sind, zu helfen. Wir haben auch in unserer Organisation sehr viele Menschen, die mithelfen wollen. Natürlich haben die Leute auch Angst, aber wir werden eine Lösung finden. Ich bin wirklich sehr stolz auf mein Land.

BSZ: Was sagen Sie Menschen, die sagen, je mehr Deutschland hilft, desto mehr Flüchtlinge werden kommen?
Schreiner: Es ist klar, dass wenn Menschen hören, dass ihnen geholfen wird, sie den Mut haben, loszuziehen. Man redet aber gar nicht mehr davon, wie viele Menschen in den Nachbarländern von Syrien seit Jahren in Flüchtlingslagern untergebracht sind. Und dass sie aus diesen Lagern weg wollen, ist doch verständlich. Es ist gut, dass wir jetzt diese Situation haben, aufgerüttelt werden und noch mal neu nachdenken, wie unsere Welt aufgestellt ist. Es ist auch eine Chance für Europa, zu überlegen, wie wir helfen können. Wir sind noch lange nicht überbevölkert. Dass aber alle Flüchtlinge in die Städte wollen, kann natürlich auch nicht sein. Auch Hungerstreiks kann ich nicht verstehen. Wenn ich hier Gast bin, kann ich nicht erwarten, dass man mir ein Essen serviert, wie ich es von Zuhause gewohnt bin.

BSZ: Durch die vielen Flüchtlinge wurden Sie von der Beraterin zur Seelsorgerin. Wie sehr belastet Sie das Erlebte?

Schreiner: Manchmal kann ich mit Freunden darüber reden, aber Freunde werden müde, das immer wieder zu hören. Man fühlt sich sehr hilfslos. Ich persönlich habe einen Supervisor, mit dem ich reden kann, wenn es zu viel wird. Manchmal komme ich aber auch nach Hause, setze mich aufs Sofa und weine. Wenn ich dann die Frauen mit ihrem großen Mut und Willen sehe, sage ich mir aber: Es lohnt sich. (Interview: David Lohmann)

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Kommentare (1)

  1. micnic am 08.10.2015
    Ich sehe leider immer wieder mit Sorge, das sich vor allem türkische Frauen, die schon länger in Deutschland leben, sehr langsam in Sprache und Aussehen integrieren. Sie sind selbst heute noch sehr von Ihren alten Bräuchen abhängig, werden von Ihren Männern nach wie vor bevormundet und können nicht frei entscheiden. Ich glaube, wenn eine muslimische Frau nicht gleich als diese zu erkennen ist, z.B. Ihr Kopftuch ablegt, Ihre Haare schön frisieren lässt und eine moderne modische Kleidung trägt, würden sie sich viel schneller integrieren. Mit den neu ankommenden muslimischen Frauen, wird dieses Thema genau so wichtig sein, um eine schnelle und erfolgreiche Anpassung in der deutschen Gesellschaft zu erlangen. Ich glaube, das klare Verhaltensrichtlinien von Anfang an, zu einer besseren Eingliederung führen würden. Leider habe ich das Gefühl, das unsere Regierung außer klugen Reden, nichts auf die Reihe bekommt. Armes Deutschland, wie soll das nur Enden? Unsere Kinder werden für unsere Unentschlossenheit bezahlen. Ich bin nicht gegen vernünftige, geordnete Integration, aber ich stelle immer wieder fest, das unsere Politik das nicht bringt. Alle deutschen Frauen sollten sich mehr dafür einsetzen. Berlin droht, aber schon seit langem, eine muslimische Übervölkerung.

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