Politik

Ein Polizeifahrzeug und eine Überwachungskamera vor dem Gebäude der Hauptsynagoge in München: Nach den Anschlägen in Paris gibt es verstärkte Sicherheitskontrollen. (Foto: dpa)

14.01.2015

"Wachsam, aber keine Panik"

Die Anschläge von Paris haben auch bei der jüdischen Bevölkerung in Bayern zu Verunsicherung geführt. Einschüchtern lassen will sich aber niemand

Im Internet schaut sie sich die Trauerfeier für die vier jüdischen Terroropfer von Paris auf einem Jerusalemer Friedhof an. "Das hat uns alle sehr mitgenommen", sagt die Frau eines Rabbiners in Bayern. Die Anschläge haben auch für ihren Alltag Auswirkungen. "Ich bin vorsichtiger geworden, schaue mich um, wenn ich aus der Synagoge komme, vergewissere mich zweimal, ob die Tür geschlossen ist." Sie ist sich sicher: "Was da in Paris passiert ist, kann morgen auch in Deutschland geschehen." Ihren Namen will sie - wie auch ihr Mann - nicht nennen.
Vor zahlreichen Synagogen und jüdischen Gemeindezentren wird dieser Tage die Präsenz von Sicherheitskräften erhöht, berichtet Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. "Es gibt mehr Wachsamkeit, aber Angst oder Panik gibt es nicht." Nach den Anschlägen von Paris könnten die zusätzlichen Sicherheitskräfte helfen, ein Gefühl von Sicherheit zurückzubringen.  
Für Schuster ist klar: Der Terror ist mitten in Europa angekommen. Einschüchtern lassen wollen sich die jüdischen Gemeinden aber auf keinen Fall. "Das wäre genau die falsche Reaktion", erklärt Schuster. Das Leben in den Gemeinden solle möglichst ohne Einschränkungen weitergehen.      
Von einer "tiefen Angst bei der jüdischen Bevölkerung vor dem muslimischen Terrorismus" spricht Charlotte Knobloch. Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern beobachtet, dass viele Gemeindemitglieder sich ins Private zurückziehen. "Die haben Angst, auf der Straße als Juden erkannt zu werden."  

Auch Übergriffe aus der rechten Szene kommen immer wieder vor

Knobloch erinnert sich, dass noch vor wenigen Wochen bei Demonstrationen in Deutschland Parolen wie "Juden ins Gas" gerufen wurden. "Das war eine Vorwarnung." Deshalb müsse man sich auch stärker mit den Ursachen der islamkritischen Pegida-Bewegung auseinandersetzen.
Es ist nicht nur islamistischer Terror, den Juden in Deutschland fürchten - auch Übergriffe aus der deutschen rechten Szene kommen immer wieder vor. Die jüdische Bevölkerung in Deutschland verspüre schon länger ein großes Gefühl der Unsicherheit, erzählt Knobloch. Manch einer denke auch über einen Weggang nach Israel nach. "Der Gedanke besteht, sich zumindest vorübergehend eine neue Bleibe zu suchen."
Vom Gefühl der Unsicherheit berichtet auch der Rabbiner aus Bayern. "Jeden Monat gibt es Übergriffe gegen Juden", sagt er. Zum Teil hätten die Menschen Angst in die Synagoge zu gehen. "Die Polizei muss noch mehr tun, um die Synagogen zu schützen", fordert der Rabbiner. Seine Frau erzählt, wie ihr Sohn öffentlich als "Scheißjude" beschimpft worden sei. Auch wenn sie sich in Deutschland noch immer sicher fühle, sagt sie: "Es ist mutig, als Jude in Europa zu Leben." (Simon Ribnitzky, dpa)

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Kommentare (1)

  1. Roland am 15.01.2015
    Wenn die Einreise aus Syrien leichter geht, als die Ausreise!
    Braucht man sich nicht mehr zu wundern, hoffentlich triff
    es keine Unschuldige mehr.

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