Politik

Junge Migranten meinen: Der Doppelpass fördert die Integration. (Foto: dpa)

17.04.2014

Was der Doppelpass bringt

Wie es sich anfühlt, zu zwei Staaten zu gehören

Zwei Pässe – das soll für Kinder, die in Deutschland aufgewachsen sind, aber ausländische Eltern haben, bald möglich sein. In den nächsten Jahren wären bis zu 1000 Jugendliche in Bayern betroffen, ab den Geburtsjahrgängen 2000 pro Jahr sogar 5000 bis 7000. Was bringt’s? Zwei junge Frauen mit Migrationshintergrund meinen: Der Integration nützt es!
„Das war ein komisches Gefühl, als ich meinen Pass aus meinem Herkunftsland abgeben musste. Er wurde gelocht, entwertet. Routine im Passamt. Aber für mich fühlte es sich falsch an. Immerhin machte er einen Teil meiner Identität aus“, erinnert sich Manolya Borucu. Die 23-jährige Jurastudentin ist in Deutschland geboren. Ihre Eltern stammen aus der Türkei. Zuhause spricht sie türkisch, mit ihren Freunden in der Uni, im Café oder in der Bar natürlich deutsch. Beides gehört zu ihrem Leben.

"Ich wollte den deutschen Pass unbedingt"

Manolya ist eines der so genannten „Optionskinder“. Alle Migrantenkinder, die zwischen 1990 und 1999 geboren wurden, durften zwar zunächst ihren ausländischen Pass behalten, mussten sich später aber entscheiden – deutscher oder türkischer Pass. Ab dem Geburtsjahrgang 2000 erhielten Kinder ausländischer Eltern automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft. Sie mussten jedoch ebenfalls bis zu ihrem 23. Lebensjahr die Entscheidung treffen, ob sie von nun an Deutsche bleiben wollten oder nicht.
„Es ist schwer, sich für eins zu entscheiden, wenn beides schon mein ganzes Leben lang zu mir gehört. Ich hab mir nicht ausgesucht, dass ich zwischen zwei Kulturen geboren werde“, meint Manolya. Ihr Herz hängt an der Türkei und an Deutschland. „Ich bin wie ein Fluss, der Wasser aus zwei Quellen bezieht. Die eine ist deutsch, die andere türkisch. In mir vermischt sich beides. Man kann das nicht trennen.“ Deshalb findet sie es gut, dass die Große Koalition jetzt grünes Licht gegeben hat für den Doppelpass und bald auch der Besitz zweier Pässe akzeptiert wird. Für Menschen aus anderen EU-Staaten, die in Deutschland leben, ist das schon seit Langem ganz normal.
Eine Staatsbürgerschaft ist ein Zeichen der Zugehörigkeit und verbunden mit vielen Rechten und Pflichten. Daher ist der Integrationsbeauftragte der bayerischen Staatsregierung Martin Neumeyer skeptisch, was die doppelte Staatsbürgerschaft angeht: „Wenn eine Familie ein Kind nur in dem Geist erzieht, Türke oder Russe zu sein, ist die doppelte Staatsbürgerschaft eher ein Integrationshindernis. Dann suggeriert sie, alle Rechte zu haben, ohne sich wirklich zum Staatswesen und der Gesellschaft, in der man lebt, bekennen zu müssen.“
„Wenn ich mich integrieren möchte, dann geht das mit oder ohne Pass. Das ist nur ein Stück Papier“, meint Lava Taha, die in Erlangen Medizin studiert. Sie ist 22 Jahre alt, hat lange schwarze Haare, dunkle Augen und sieht – wie sie selbst sagt – kurdisch aus. Mit fünf Jahren kam sie nach Deutschland. Ihre Eltern flohen aus dem Irak. Zunächst behielt sie ihren irakischen Pass. Aber als sie 18 wurde, wollte sie unbedingt den deutschen.Jeder, der bei Vollendung des 21. Lebensjahres mindestens acht Jahre in Deutschland gelebt oder hier die Schule besucht hat, kann die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. „Bei mir war es schwierig, da mein irakischer Pass veraltet war und zuerst nicht anerkannt wurde“, erzählt Lava. „Ich musste viele Unterlagen einreichen, zum Beispiel Schulzeugnisse.“ Lava bangte und hoffte. „Ich wollte den deutschen Pass unbedingt. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, habe meine Freunde hier, studiere, fühle mich wohl. Irgendwann werde ich hier Ärztin und leiste etwas für die deutsche Gesellschaft. Daher will ich auch Staatsbürgerin sein.“
Lava fiel es leicht, ihren irakischen Pass abzugeben. „Ich brauche kein Papier, um mich mit dem Irak verbunden zu fühlen“, sagt sie. Dennoch würde sie die Vorteile der neuen Gesetzesregelung nutzen und beide Staatsbürgerschaften annehmen: „Dann könnte ich im Irak zum Beispiel an politischen Wahlen teilnehmen.“

Nicht mehr gezwungen, die Wurzeln aufzugeben

Ein Sprecher des bayerischen Innenministeriums warnt jedoch, dass die doppelte Staatsbürgerschaft auch Nachteile birgt: „Ein Doppelstaater kann sich in seinem weiteren Heimatland nicht auf die deutsche Staatsangehörigkeit berufen, beispielsweise, wenn die Ausreise verweigert wird, wie dies bereits mehrfach erfolgt ist.“ Konsularischer Schutz und diplomatische Vertretung von Seiten Deutschlands wären häufig nicht möglich. Sogar in Drittländern kann es zu Schwierigkeiten kommen: Wenn zum Beispiel ein Drittstaat mit dem zweiten Heimatstaat ein Auslieferungsabkommen hat, kann Deutschland kaum eingreifen. „Probleme gibt es auch dann, wenn beispielsweise eine Eheschließung, Scheidung oder Namensänderung nur in einem von zwei Heimatstaaten wirksam ist, im anderen dagegen nicht“, heißt es im bayerischen Innenministerium.
Die Deutsch-Türkin Manolya glaubt trotz aller Bedenken an die doppelte Staatsbürgerschaft. Sie meint sogar, dass zwei Pässe die Integration fördern. „In meinem türkischen Freundeskreis habe ich von vielen gehört, dass sie sich vom deutschen Staat durch die Entscheidung für die Staatsbürgerschaft gezwungen fühlten, ihre Wurzeln aufzugeben“, berichtet Manolya. Doch sie kennt auch junge Leute mit türkischem Hintergrund, die in anderen Ländern als Deutschland aufgewachsen sind. Sie mussten sich nicht entscheiden, sondern durften beide Pässe behalten. „Die fühlen sich ihrem Land, in dem sie aktuell leben, viel stärker verbunden und sind integrierter. Einfach, weil ihnen von diesem Staat vermittelt wurde: Wir akzeptieren euch so, wie ihr seid – als eine Mischung aus zwei Kulturen.“ (Jennifer Hertlein)

(Foto/Hertlein: Medizinstudentin Lava Taha (22))

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