Politik

Vor der Verlesung ihrer Aussage ließ sich die Hauptangeklagte Beate Zschäpe das erste Mal freiwillig fotografieren. (Foto: dpa)

09.12.2015

Zschäpe bestreitet Beteiligung an NSU-Morden

Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess hat ihr Schweigen gebrochen

Die mutmaßliche Neonazi-Terroristin Beate Zschäpe hat ihr mehr als zweieinhalbjähriges Schweigen im Münchner NSU-Prozess gebrochen. Ihr Anwalt Mathias Grasel begann heute damit, eine Aussage der Hauptangeklagten zu verlesen.

Zschäpe ließ sich zu Beginn der Verhandlung erstmals bereitwillig fotografieren. Kurz vor ihrer mit Spannung erwarteten Aussage wandte sie sich nicht - wie sonst - von den Kameras weg; sie lächelte. Zschäpe muss sich als Mittäterin an sämtlichen Verbrechen verantworten, die dem NSU angelastet werden. Seit Prozessbeginn im Mai 2013 hatte sie beharrlich geschwiegen.

Zschäpe dagegen bestritt nun, vom ersten Mord gewusst zu haben, den die Bundesanwaltschaft der Terrorgruppe NSU vorwirft. Das geht aus Zschäpes Aussage hervor, die Grasel verlas. Demnach hatten ihre Freunde Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt im September 2000 in Nürnberg den türkischen Blumenhändler Enver Simsek erschossen. Sie habe erst drei Monate danach davon erfahren, ließ Zschäpe erklären. Bis heute kenne sie das Motiv für den Mord nicht. Sie habe den beiden erklärt, dass sie sich der Polizei stellen wolle. Daraufhin hätten Mundlos und Böhnhardt mit Selbstmord gedroht.

Beim Mord an der Polizistin Kiesewetter sei es um deren Waffen gegangen

Auch am ersten Kölner Bombenanschlag im Januar 2001 will Zschäpe nicht beteiligt gewesen zu sein. Böhnhardt habe in einem iranischen Lebensmittelgeschäft einen Korb mit dem Sprengsatz deponiert. Bei der Explosion wurde die 19-jährige Tochter des Inhabers schwer verletzt. Vom Bau der Bombe habe Zschäpe nichts mitbekommen, heißt es in der Erklärung. Böhnhardt habe die Bombe gebaut. Mundlos habe vor dem Geschäft gewartet.

An den NSU-Morden im Jahr 2001 beteiligt gewesen zu sein, bestritt Zschäpe ebenfalls. Böhnhardt und Mundlos hätten sie nicht darüber informiert. Als sie hinterher davon erfahren habe, sei sie sprachlos und fassungslos gewesen. Auch an den anderen Morden will sie nicht beteiligt gewesen sein. Nach dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter im April 2007 in Heilbronn hätten Böhnhardt und Mundlos erklärt, es sei ihnen dabei nur um die Pistolen der beiden Polizisten gegangen, auf die sie geschossen hatten.

Zschäpe: "Ich fühle mich moralisch schuldig, dass ich die Morde nicht verhindern konnte"

Gestanden hat Zschäpe bislang lediglich, die letzte Fluchtwohnung der Terrorgruppe NSU in Zwickau in Brand gesteckt zu haben. Im Radio habe sie im November 2011 davon erfahren, dass ein Wohnmobil mit zwei Leichen entdeckt worden war. Sie sei sich sofort sicher gewesen, dass es sich um ihre beiden Freunde Böhnhardt und Mundlos gehandelt habe. Vor der Brandstiftung sei sie durchs Haus gegangen, um sicherzustellen, dass sich niemand mehr darin befinde.

Bei den Opfern der Terrorgruppe NSU entschuldigte sie sich. Die Schuld für die Verbrechen des "Nationalsozialistischen Untergrunds" trügen allerdings Böhnhardt und Mundlos. Zschäpes Anwalt verlas: "Ich fühle mich moralisch schuldig, dass ich zehn Morde und zwei Bombenanschläge nicht verhindern konnte." Außerdem ließ die Angeklagte mitteilen: "Ich weise den Vorwurf der Anklage, ich sei ein Mitglied einer terroristischen Vereinigung namens NSU gewesen, zurück."

Zschäpe berichtet auch von ihrer schwierigen Kindheit

In ihrer Aussage erinnerte sich Zschäpe zuvor an ihre Kindheit in der damaligen DDR. Sie berichtete von Alkoholproblemen und Streitigkeiten mit ihrer Mutter. Von der Mutter habe sie so gut wie kein Geld bekommen, so dass sie sich an kleineren Diebstählen habe beteiligten müssen. 

Auch über ihre Beziehung zu Mundlos und Böhnhardt berichtete die Angeklagte. In der Aussage, die  Grasel verlas, heißt es: An ihrem 19. Geburtstag habe sie Böhnhardt kennengelernt. Sie habe sich in ihn verliebt, sei aber noch mit Mundlos zusammen gewesen. Kurz nach Mundlos' Wehrdienst hätten sie sich getrennt. Anschließend sei sie eine Beziehung mit Böhnhardt eingegangen. So sei sie stärker in Kontakt zu Böhnhardts Freunden gekommen, die nationalistischer eingestellt gewesen seien als die von Mundlos. (dpa)

Anmerkung der Redaktion: Der Bericht wird laufend aktualisiert.

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche

Frage der Woche KW 33 (2017)

Soll die elektronische Gesundheitskarte abgeschafft werden?

Umfrage Bild
 

Lesen Sie dazu in der Bayerischen ­Staatszeitung vom 18. August 2017 auch die Standpunkte unserer Diskutanten:


Wieland Dietrich,
Vorsitzender der Freien Ärzteschaft e.V.

(JA)


Melanie Huml (CSU), bayerische Gesundheitsministerin

(NEIN)

arrow
Facebook
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
eaper
E-Paper
ePaper
zum ePaper
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.