Politik

Der Hausmeister der Regensburger Grundschule am Sallerner Berg schmiert die Frühstückssemmeln. (Foto: BSZ)

23.10.2015

Zu hungrig zum Lernen

Pilotprojekt: An bayerischen Schulen erhalten Kinder Frühstück – zu viele kommen mit leerem Magen zum Unterricht

Zur Auswahl stehen frisches Brot und Semmeln, es gibt Wurst, Käse, Honig, Marmelade, Obst, Müsli – und ein Mal im Monat auch Nutella. Das Angebot in der Mensa der Grundschule am Sallerner Berg in Regensburg lässt in Sachen Frühstück keine Wünsche offen. „Wir achten darauf, dass für jeden Geschmack etwas dabei ist“, sagt die Schulleiterin Ute Penzkofer. „Aber wir achten auch auf ein gesundes Frühstück.“ Deshalb die Nutella-Regel.
Frühstück gibt es in der Grundschule seit Ende 2013. Als sie die Schule übernahm, fiel Penzkofer auf, dass bereits um sieben Uhr Schüler vor der Schule auf Einlass warteten. „Und das auch im Winter, wenn es noch dunkel ist und kalt.“ Zudem, erzählt die Direktorin, hätten sich die Meldungen von Lehrern gemehrt, die von hungrigen Schülern im Unterricht berichteten. „Diese Schüler klagten über Kopfschmerzen und Konzentrationsschwierigkeiten.“

Anfangs stemmte die Schule die Kosten aus eigener Tasche, mittlerweile erhält sie im Rahmen des Pilotprojekts „Denkbar Schulfrühstück“ Unterstützung vom bayerischen Sozial- und Familienministerium. Der Zuschuss beträgt 1,50 Euro pro Frühstück. „Dieses Projekt kam für uns genau zur rechten Zeit“, sagt Penzkofer. „Uns sind die Finanzen ausgegangen, wir hätten unser Schulfrühstück deshalb beenden müssen.“

Angelegt ist das  Pilotprojekt, das im vergangenen Schuljahr startete, auf drei Jahre und 120 Grund- und Förderschulen. Die Organisation vor Ort wird unterstützt vom Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV) respektive dem BLLV-Kinderhilfe sowie brotZeit, dem Verein der Schauspielerin Uschi Glas. Insgesamt 44 Schulen nehmen bisher an dem Modellprojekt teil. Eine Sprecherin des Ministeriums erklärt der Staatszeitung, sie gehe davon aus, dass, je nach Bedarf, noch im Laufe dieses Schuljahres die Zahl von 120 Schulen erreicht werde.

„Es ist ein wichtiges und notwendiges Projekt, sagt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann. „Der Bedarf ist definitiv da.“ Schon seit 2011 unterstützt der Verband gemeinsam mit den BR-Sternstunden bayernweit Schulen und Kitas, versorgt werden täglich 5900 Schüler in Sachen Frühstück. „Wer Hunger hat“, sagt Fleischmann, „kann sich nicht auf Mathe konzentrieren, geschweige denn fürs Lernen begeistern.“

Wie viele Kinder in Bayern ungefrühstückt im Unterricht sitzen, ist nicht erfasst. Der UN-Sozialbericht von 2011 geht deutschlandweit von jedem vierten Kind aus. An den einzelnen Schulen liegt die Beteiligung der Schüler am Projekt zwischen drei und 30 Prozent. „Erkennbar ist“, sagt Edeltraud Jornitz-Foth von der BLLV Kinderhilfe, „dass in den Städten mehr Schüler am Frühstück teilnehmen als im ländlichen Raum.“

Namenslisten gibt es nicht: Kein Kind soll sich schämen

„Gerade für Kinder im Grundschulalter ist das Frühstück eine wichtige Voraussetzung, um optimal in den Schultag zu starten. Lehrkräfte berichten aber vielfach, dass Kinder ohne Frühstück zur Schule kommen. Dahinter stehen oft finanzielle Gründe oder hohe soziale Belastungen der Eltern“, sagt Bayerns Familienministerin Emilia Müller. Gerade hat sie gemeinsam mit Fleischmann die Regensburger Grundschule besucht.

Zwischen 20 und 30 Schüler nutzen hier das Angebot täglich, das prinzipiell allen Kindern der Schule offensteht. Dieser Zusatz ist Schulleiterin Penzkofer wichtig. „Wir wollen dadurch einer Stigmatisierung vorbeugen. Zudem erreichen wir, indem wir das Angebot niedrigschwellig gestalten, auch die Kinder, deren Eltern sich tatsächlich ein Frühstück nicht leisten können.“ Es gibt keine Voranmeldung und auch keine Namenslisten, in die sich die Kinder eintragen müssen. Geführt werden nur Strichlisten.

Aber nicht nur Kinder aus sozial schwachen Familien gehen ohne Frühstück in die Schule. „Da gibt es auch die Familien, in denen beide Eltern arbeiten und früh das Haus verlassen müssen“, erklärt Fleischmann. „Viele Kinder im Alter von sechs oder sieben Jahren sind aber überfordert, wenn sie alleine frühstücken sollen.“

Ein weiterer Grund: Manche Kinder haben morgens keinen Appetit. Dies ist zumindest das Ergebnis einer Umfrage der Techniker Krankenkasse (TK). Jeder vierte Befragte gab diese Begründung an. Jeder dritte Befragte erklärte, es wäre am Morgen keine Zeit fürs Frühstück.

Frühstücken ist äußerst wichtig für die Leistungsfähigkeit

Welche Auswirkungen es hat, wenn Kinder ungefrühstückt in die Schule kommen, haben Wissenschaftler hinlänglich erforscht, ebenso die positive Wirkung der Morgenmahlzeit. Klinische Studien haben bewiesen, dass die, die regelmäßig frühstücken, seltener an Herz-Kreislauferkrankungen, Depressionen und chronischen Krankheiten erkranken. Zudem beugt ein Frühstück Übergewicht vor.

Auch Leistungsfähigkeit und Gedächtnisleistung nehmen „signifikant“ zu, so das Ergebnis einer Vergleichsstudie aus dem Jahr 2011 der TU Dortmund. Gerade im Bereich der mentalen Leistung spiele aber auch die Qualität des Frühstücks eine entscheidende Rolle. Schüler, die Vollkornprodukte, Obst und Gemüse zu sich nahmen, zeigten durch die Bank bessere Leistungen als die Fraktion der Butterbrezen- und Schokoladenbrotaufstrich-Schüler.

Das Frühstücksangebot an den Schulen hat aber noch einen zweiten wichtigen Effekt. Es schenkt den Schülern die Zuwendung, die die Eltern in der Früh für ihren Nachwuchs nicht aufbringen können oder wollen. „Die ehrenamtlichen Mitarbeiter, die für das Büffet und die Ausgabe sorgen, sind wichtige Ansprechpartner für die Schüler“, sagt Fleischmann.

Nicht alle Kinder, die in der Früh die Regensburger Schulmensa besuchen, wollen denn auch frühstücken. „Wir haben Kinder, die trinken nur eine Tasse Tee, andere kommen, um mit ihren Freunden zu spielen“, sagt Penzkofer. Im Hintergrund läuft zu Frühstückszeiten leise und ruhige Musik. Diese entspannte Atmosphäre nähmen die Schüler mit ins Klassenzimmer, so die Schulleiterin. Ob sich das Frühstücksangebot konkret auf die Noten auswirke, könne sie nicht sagen. „Auf die Stimmung in der Klasse und die Lernbereitschaft der Schüler aber erkennen wir eindeutig eine sehr positive Wirkung.“

Die vorläufige Bilanz des Modellprojekts: „Nach ersten Erfahrungen und Rückmeldungen läuft es gut an“, so eine Ministeriumssprecherin. „Die Kinder kommen gerne, die Ehrenamtlichen zeigen großes Engagement, und das Schulklima verbessert sich.“ Ob die Förderung nach Abschluss des Projekts weiterläuft, ist allerdings noch unklar. (Beatrice Oßberger)

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