Politik

Der Frauenanteil in MINT-Fächern liegt lediglich bei 29 Prozent, in MINT-Berufen sogar nur bei 19 Prozent. (Foto: dpa)

20.03.2015

Zu viele Abbrecher, zu wenig Frauen

Immer mehr Studierende im Freistaat entscheiden sich für ein MINT-Studium – die Wirtschaft ist trotzdem unzufrieden

Bayern leidet unter einem akuten Fachkräftemangel. Aktuell fehlen laut Wirtschaftsverbänden im Freistaat 15 000 Akademiker aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT). Doch nach jahrelangem Stillstand scheint sich jetzt etwas zu tun: Einer neuen Studie des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft zufolge gibt es in Bayern eine besonders hohe Zuwachsrate von Studienfängern in MINT-Bereich. Mit 42 Prozent bei den MIN- und 54 Prozent bei den T-Fächern liegt der Freistaat jeweils mehr als zehn Prozentpunkte über dem Bundesdurchschnitt.

„Der deutliche Anstieg kann auf das staatliche Ausbauprogramm zurückgeführt werden“, klopft sich das Ressort von Wissenschaftsminister Ludwig Spaenle (CSU) selbst auf die Schulter. So fließe über die Hälfte der zusätzlichen finanziellen und personellen Ressourcen in MINT-Fächer. „Außerdem müssen natürlich die gezielten MINT-Projekte des Wissenschaftsministerium genannt werden.“ Dazu zählen „Wege zu mehr MINT-Absolventen“ oder „Erfolgreicher MINT-Abschluss an bayerischen Hochschulen“. Weitere Gründe seien die Förderungen des Bundes, die gute Arbeitsmarktsituation für Absolventen sowie die steigende Attraktivität der MINT-Studiengänge bei Frauen und Migranten.

Den Ansturm der MINT-Studierenden spüren auch die technischen Hochschulen in Bayern. An der Regensburger Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) haben sich seit 2005 die Studienanfänger um 105 Prozent erhöht. Um den Nachwuchs schon früh zu begeistern, beginnt die Förderung bei der OTH bereits im Vorschulalter: Beim Projekt Littletech kommen pädagogisch ausgebildete Studenten aller Fakultäten in den Kindergarten, um MINT-Themen spielerisch näherzubringen. Zudem gibt es Infoveranstaltungen, das Schnupperstudium für Schüler und Doktorandenseminare für wissenschaftliche Mitarbeiter.

Auch an der Technischen Hochschule in Nürnberg stiegen die Studienanfänger in den letzten sechs Jahren um 73 Prozent. Für sie werden Brückenkurse angeboten, um das Schulwissen auf Hochschulniveau anzuheben. Für beruflich Qualifizierte gibt es Tutorien, Lerntreffs und Mathesprechstunden. Die Technische Hochschule Deggendorf wiederum geht im Rahmen des Projekts MINTmania mit Studierenden und Professoren in die Schulen, beteiligt sich an Elternabenden oder betreut Schüler bei einem Frühstudium. Interessierten stehen beim Projekt VWA-MINT-Coach virtuelle Einstiegskurse mit Videopassagen und Übungssimulatoren zur Verfügung, um Schuldefizite auszugleichen.

Es fehlen 15 000 Fachkräfte

Die Technische Universität München (TUM) bietet für MINT-Studieninteressierte spezielle Orientierungsstudiengänge an, um einen Einblick in das jeweilige Berufsfeld zu geben – mit Erfolg. An der TUM haben sich die Studienanfänger im Vergleich zu 2004 auf 6100 in 2014 fast verdoppelt. „Die TUM nutzt ihr breites Fächerspektrum, um viele interdisziplinäre Masterstudiengänge anzubieten, die Naturwissenschaften, Medizin, Wirtschaft und Technik verbinden“, erklärt ein Sprecher und nennt als Beispiel Biomedical Computing. Außerdem seien die Hands-on-Projekte sehr attraktiv: Dabei können Studierende in Forschergruppen Rennautos, Flugzeuge oder Elektroautos.

Für Wirtschaftsverbände sind die steigenden Studierendenzahlen ebenfalls ein positives Signal. „Allerdings ist es unverzichtbar, die Abbrecherzahlen zu reduzieren“, mahnt Bertram Brossardt, Chef der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Insgesamt würden 28 Prozent der MINT-Bachelor-Studierenden ihr Studium ohne Abschluss beenden. „Nach unseren Berechnungen werden 2020 12 000 Ingenieure sowie 7000 Mathematiker und Naturwissenschaftler fehlen.“ Brossardt wünscht sich daher praxisnahe Angebote an Hochschulen und die gezielte Förderung von Frauen. „Solange sich nur jede fünfte Studienanfängerin für ein MINT-Fach entscheidet, bleibt noch viel zu tun.“

Und Sophia Hatzelmann, Vorsitzende des MINT-Ausschusses des Verbands deutscher Unternehmerinnen klagt: „Trotz des wirtschaftlichen Vorsprungs liegt Deutschland im EU-Vergleich hinsichtlich der geschlechtsunspezifischen Berufswahl und der Einbindung von Frauen in Forschung und Technik nur auf Platz 18 von 22.“ Sie mahnt die Politik, Mentoring-Programme für junge Frauen finanziell besser zu fördern und weibliche Vorbilder im MINT-Bereich stärker herauszustellen.

Der Landesvorsitzende des Verbands Deutscher Ingenieure, Johannes Fottner, pocht darauf, mehr ausländische Studierende anzusprechen. Bayern liegt in diesem Punkt im Vergleich zu den anderen Bundesländern nur auf dem vorletzten Platz. „Darüber hinaus werden wir auch Zuzug von ausländischen Ingenieuren benötigen“, betont er. Hierfür sei ein einfaches Anerkennungsverfahren und eine „Willkommenskultur“ wichtig.

Elgar Straub, Landesgeschäftsführer des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau, fordert eine Vereinheitlichung des Bildungssystems. „Die bildungspolitische Kleinstaaterei hat längst die Grenzen des Vertretbaren erreicht“, poltert er. Schulabschlüsse müssten den gleichen transparenten Standards entsprechen. „Dass einzelne Betriebe durch Nachhilfe das Bildungsniveau der Auszubildenden anheben, entbindet den Staat nicht von seiner bildungspolitischen Verantwortung.“

Nachbesserungsbedarf sieht auch der Vorsitzende des Wissenschaftsausschusses im Landtag, Michael Piazolo (FW): „Die Gewinnung neuer MINT-Studierender geht zumindest teilweise zulasten der Ausbildungsberufe in diesem Bereich.“ Eine Lösung sieht er daher im Ausbau des dualen Studiums, das akademische und berufliche Ausbildung verbindet. „Verglichen mit anderen Fächergruppen ist der Run auf MINT-Studiengänge gering“, kritisiert auch Isabell Zacharias (SPD). Gerade für weibliche Studierende scheinen sie weitgehend ein No-Go zu sein. Sie verlangt deshalb MINT-Programme speziell für Mädchen ab der Kita – und einen Unterricht, der vor allem Schülerinnen neugierig auf MINT-Fächer macht. (David Lohmann)

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