Politik

"Spiel mit mir!" Vor allem in Städten fehlen noch Betreuungsplätze für Kleinkinder. Und bei den Tagesmüttern gibt es lange Wartelisten. (Foto: Bilderbox)

26.04.2013

Zweit-Mami verzweifelt gesucht

In Bayern sollen Tagesmütter die Betreuungslücke schließen – doch die Nachfrage übersteigt bereits jetzt das Angebot

Der Countdown läuft. Gnadenlos. In drei Monaten können Eltern einen Betreuungsplatz für ihre Kinder, die jünger als drei Jahre sind, einklagen. Die Kommunen haben deshalb "Kitas gebaut wie die Blöden", bringt es der neue Städtetagspräsident Ulrich Maly (SPD) auf den Punkt. Doch nicht überall wird das reichen – auch wenn die bayerische Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) dieser Tage medienwirksam den 100 000. Krippenplatz des Freistaats bejubelt hat.
Vor allem in den Städten ist der Bedarf noch nicht gedeckt. In München wünschen sich 60 Prozent der Eltern eine Betreuung für ihr Kleinkind. Mit rund 16 000 Betreuungsplätzen für unter Dreijährige ist aber erst eine Versorgung von 39 Prozent erreicht. In anderen bayerischen Städten sieht es nicht viel besser aus. In Nürnberg etwa wurde ein Betreuungsbedarf von 43 Prozent errechnet. Aktuell liegt man bei gerade mal 30 Prozent.
Das bayerische Sozialministerium empfiehlt den Städten, verstärkt auf die Tagespflege zu setzen, also auf die Betreuung durch Tagesmütter und -väter. Die Bundesregierung hatte bereits 2007 verkündet, dass 30 Prozent der Betreuungsplätze  über die Tagespflege abgedeckt werden sollten. Davon allerdings ist man in Bayern weit entfernt. In den vergangenen sechs Jahren stieg die Zahl der Kinder in öffentlich geförderter Tagespflege zwar um gut 62 Prozent. Allerdings wurden 2012 gerade einmal knapp 7000 Kinder unter drei Jahren von Tageseltern betreut, das sind nicht einmal zehn Prozent. „Die Tagespflege ist in jeder Hinsicht eine gute Alternative zur Krippe, leider wird sie noch viel zu wenig genutzt“, sagt Haderthauer der Staatszeitung. Um sie attraktiver zu machen, habe man mit einer Änderung des Bayerischen Gesetzes zur Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern in Kindergärten, anderen Kindertageseinrichtungen und in Tagespflege (BayKiBiG) die Elternbeiträge gedeckelt. Zudem gibt es für Kommunen eine Förderung pro Platz und Kind, für München sind es beispielsweise 192 Euro.


Die Wartelisten werden immer länger


Dort hat man eine neue Beratungsstelle eingerichtet.  Eltern, die keinen Betreuungsplatz für ihr Kind erhalten, sollen über alternative Betreuungsformen wie die Tagespflege informiert werden. Doch es sind keineswegs die Eltern, um die man werben müsste. Denn die Nachfrage nach Tagesmüttern übersteigt bereits jetzt das Angebot. „Und seit der Deckelung der Elternbeiträge auf 1,69 Euro pro Stunde und Tageskind steigt die Nachfrage weiter an“, sagt ein Sprecher des Münchner Sozialreferats – die Jugendämter sind für die Qualifizierung und Vermittlung von Tageseltern zuständig. Zwischen Dezember 2012 und März 2013 stieg die Zahl der Tagesmütter-Suchenden in München von 460 auf 533. Zum Vergleich: 1052 Kinder werden von 336 Tagespflegepersonen aktuell betreut.
Seit 2005 brauchen Tagesmütter, die mehr als 15 Stunden pro Woche Kinder bei sich zu Hause betreuen, eine Erlaubnis vom Jugendamt. Vorgeschrieben ist ein 60-stündiger Qualifizierungskurs, ab Herbst werden 100 Stunden obligatorisch, in manchen Gemeinden wie München sind 160 Stunden Pflicht. Danach kann man sich entscheiden – für das öffentlich geförderte System und damit für die Bezahlung durch das Jugendamt oder für die Privatwirtschaft. „Immer mehr Tagesmütter steigen aus dem System aus“, sagt Rosa Hochschwarzer, Vorsitzende des Landesverbands Kinder in Tagespflege. Denn viele kämen auf gerade mal knapp über drei Euro pro Kind und Stunde.
„Für viele Tagesmütter lohnt sich das schlicht nicht“, sagt Angelika Mondini. Die 53-Jährige arbeitet seit fast 30 Jahren in Ingolstadt als Tagesmutter. „Dann gehe ich doch lieber putzen“ – diesen Satz höre sie öfter. Die Folge: „Mittlerweile haben wir lange Wartelisten“, so Mondini. Der Bundesverband Kinder in Tagespflege hat in einem Modellprojekt errechnet, dass leistungsgerechte Entlohnung bei 5,50 Euro pro Kind und Stunde liegt. „Hier liegen wir in Bayern im Durchschnitt leider deutlich darunter“, sagt Hochschwarzer.
In München bekommt eine Tagesmutter vom Jugendamt bereits heute weit mehr. Je nach Qualifizierung variiert der Stundenlohn pro Kind zwischen 7,07 Euro und 7,30 Euro. Doch auch das toppt die Privatwirtschaft. Tobias Dreilich vermittelt mit seiner Münchner Agentur Kids-Concept individuelle Betreuungsmöglichkeiten – auch Tagesmütter. Die Kosten pro Kind und Stunde liegen zwischen sieben und zehn Euro – ein Vollzeitbetreuungsplatz kann also 1700 Euro im Monat kosten. „Aber auch unsere Wartelisten sind lang“, sagt Dreilich. „Viele Familien kommen zu uns, weil sie in den öffentlichen Einrichtungen keine Chance sehen, ihre Kinder unterzubringen.“ Ab  1. August könnte das für die Kommunen teuer werden. Dann könnten die Eltern die Kosten für die private Nanny einklagen.
Dass Jugendämter nicht genug Tagesmütter finden, „habe aber nicht nur mit der Bezahlung, sondern auch mit den Strukturen zu tun“, glaubt Hochschwarzer. „In den Landkreisen müssen Fachberatungen für die Kindertagespflege aufgebaut werden“, fordert sie. „In der Zusammenarbeit mit freien Trägern außerhalb der Jugendämter können Anlaufstellen geschaffen werden, die sowohl Beratung anbieten als auch Vernetzung anregen können“, sagt sie. „Nur so kann ein Anreiz dafür geschaffen werden, dass mehr Frauen den Weg in das kleine Unternehmen Kindertagespflege wagen. „In vielen Amtsstuben aber sitzen immer noch alte Männer, mit dem typischen Bild im Kopf: Da ist eine Mutter, die so nebenbei auch noch fremde Kinder beaufsichtigt“, empört sich auch Mondini. Als echter Beruf würde ihre Tätigkeit nicht anerkannt. „Jetzt aber sollen wir  die Kartoffeln aus dem Feuer holen!“  (Angelika Kahl)

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