Unser Bayern

Viele der Soldaten, die jubelnd aus München abzogen, sahen nie Paris - viele ließen auf den Schlachtfeldern ihr Leben. (Foto: dpa)

25.07.2014

Ahnung vom Abschiednehmen

„Bis in sechs Wochen sind wir wieder da“: Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und das „Augusterlebnis“ in Bayern

Günzenhausen bei Freising: ein typisches Bauerndorf mit Kirche, Wirtshaus und Maibaum, Pfarrer und Lehrer. Es ist Ende Juli 1914. Wie jedes Jahr um diese Zeit nähert sich die Erntesaison ihrem Höhepunkt. Fast alle Dorfbewohner sind damit beschäftigt, das Getreide einzubringen. Es scheint ein gutes Erntejahr zu werden. Nur die Stimmung passt nicht so recht: Alles ist angespannt. „Von Tag zu Tag, ja von Stunde zu Stunde" wurden die Gemüter ernster, bis zu jenem 31. Juli, schrieb Hauptlehrer Weiß in seine Kriegschronik. Es war ein Freitagnachmittag, brütende Hitze lag über dem Dorf und den umliegenden Fluren, auf welche die Sonne ein gedämpftes, fast stumpfes, blaugraues Sommerlicht warf. Jeden Augenblick erwartete man das Telegramm „Kriegszustand verhängt". Doch das Warten schien kein Ende zu nehmen – aus Augenblicken wurden Stunden, bis sich am frühen Abend das Gerücht verbreitete, in „Freising wäre das Telegramm bereits" eingetroffen. Als der Postbote um 21 Uhr die Gaststube des Günzenhausener Wirtshauses betrat, wurde zur Gewissheit, was man seit Stunden erwartet hatte. Und doch herrschte noch Hoffnung: „Kriegszustand ist noch nicht Mobilmachung, diese noch nicht der Krieg", so der Tenor, bis am Abend des folgenden Tages der Beginn der Mobilmachung für den zweiten August 1914 verkündet wurde.

So wie die Günzenhausener erlebten viele bayerische Dorfbewohner die Tage zwischen dem 30. Juli und dem 2. August 1914. Was war geschehen? Am 28. Juli 1914, genau einen Monat nach Ermordung des österreichischen Erzherzogs Franz Ferdinand und seiner Ehefrau in Sarajewo, erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Das Deutsche Kaiserreich, der engste Verbündete Österreich-Ungarns, hoffte anfänglich noch auf eine Lokalisierung des Konflikts – eine Illusion, wie sich rasch herausstellte. Man hatte die Entschlossenheit des russischen Zarenreichs, des Protektors Serbiens, einfach unterschätzt. Fest davon überzeugt, hinter der österreichischen Aggression gegen Serbien stecke vor allem Deutschland, reagierten die Russen überraschend schnell: Am frühen Morgen des 31. Juli 1914 meldeten die Zeitungen die Generalmobilmachung des Zarenreiches, woraufhin Berlin und München den Zustand drohender Kriegsgefahr ausriefen. Das folgende deutsche Ultimatum an Petersburg, die Generalmobilmachung zu widerrufen, blieb unerhört, und noch am ersten August erging die deutsche Kriegserklärung an Russland.

Nur neun Tage lagen zwischen dem österreichischen Ultimatum an Serbien vom 23. Juli und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs – neun Tage, die Europa und die Welt schneller veränderten als die 40 Jahre zuvor. Seit dem 23. Juli löste eine Alarmbotschaft die andere ab; fast im Stundentakt trafen neue Meldungen und Dementis ein, doch am beunruhigsten waren die vielen Gerüchte. Auch die Zeitungsnachrichten waren oft widersprüchlich, nicht weniger die Meldungen auf den unzähligen Plakaten. So trieb die Menschen gerade der Hunger nach Informationen auf die Straßen, darunter viele, die vom Land in die Städte strömten. Noch bevor der Erste Weltrkrieg so richtig entflammte, wurde er zum Medienereignis, ein Medienereignis ohne Radio und Fernsehen, oder heutige Social Media.

Seit dem Abend des 25. Juli berichteten die Zeitungen nahezu pausenlos von Menschenansammlungen in Großstädten. Auch von spontanen patriotischen Kundgebungen war die Rede, von jubelnden Massen, die patriotische Lieder sangen. Auf einmal schien es die alten Feindschaften und Ressentiments, die alten Gegensätze zwischen den Klassen und Gruppen nicht mehr zu geben, sondern nur noch die neue Eintracht einer siegesgewissen Nation. Als König Ludwig III. am Abend des 1. August vom Balkon des Wittelsbacherpalais die Mobilmachung des bayerischen Heeres bekanntgab, jubelte ihm eine begeisterte Menge zu. Am Tag darauf kam es zu einer noch größeren Versammlung vor der Feldherrnhalle. Eine bestechend scharfe Aufnahme des Ateliers Hoffmann hat jene Szene festgehalten, eine Szene, die durch die Anwesenheit des jungen Hitler später große Bekanntheit erlangte.

Schaut man genauer hin, erkennt man auf dem Foto viele gut gekleidete Leute. Nach Menschen aus dem einfachen Volk muss man schon eher suchen, obwohl diese in jenen Tagen ebenfalls auf die Straße gingen – allerdings nicht für, sondern gegen den Krieg. Ganz vorne standen jene Arbeiter, die am 28. Juli 1914 reichsweit gegen Krieg und Kriegshetze demonstrierten. Rund 750 000 Teilnehmer folgten dem SPD-Aufruf, allein in Berlin waren es nicht weniger als 100 000, in München immerhin einige zehntausend. Überall beherrschte die bange Frage „Krieg oder Frieden" die Debatten, heftige Antikriegsreden wurden gehalten, die Kriegshetze der bürgerlichen Zeitungen attackiert, aber auch die Bereitschaft signalisiert, im Ernstfall für die Sache des Vaterlandes einzustehen.

Szenenwechsel: Passau, eine Mittelstadt mit damals gut 21 000 Einwohnern. Als am Abend des 29. Juli das Musikkorps des 16. Infanterieregiments auf der Innpromenade aufspielte, reagierten die Zuhörer mit einer spontanen „patriotischen Kundgebung". So fasste es zumindest die Donau-Zeitung auf, die wohl etwas übertrieb, denn mit der „Kundgebung" war der Applaus auf den Eröffnungsmarsch Hoch Habsburg und das folgende Deutschlandlied gemeint. Auch sonst bemühten sich die beiden Passauer Blätter den Eindruck einer zuversichtlichen, patriotischen, ausgesprochen pro-österreichischen Grundstimmung zu vermitteln. So berichtete die Passauer Zeitung von wiederholten Sympathiekundgebungen für die Habsburgermonarchie, noch bevor die Meldungen vom Ausbruch des österreichisch-serbischen Krieges eintrafen. Anwesende österreichische Veteranen wurden mit großer Herzlichkeit aufgenommen und immer wieder mit Beifall bedacht. Sogar Verbrüderungsszenen sollen sich abgespielt haben, besonders dort, wo sich die Massen tummelten, wie vor den Anschlagtafeln der Presse, in den Gasthäusern und am Bahnhof.

Was durch die rosa Brille der Passauer Zeitung wie eine deutsch-österreichische Jubelfeier aussah, passte nicht so recht zu den Hinweisen auf Panikreaktionen von Sparern und Gewerbetreibenden einige Rubriken weiter. Wie schon einmal vor dem ersten Balkankrieg von 1912/13 kündig­ten viele Passauer ihre Spareinlagen, aus Angst vor dem Zugriff des Staates. Ein wahrer Ansturm auf die Kreditinstitute setzte ein, nicht ganz so dramatisch wie in München, doch stark genug, um eine Serie offizieller Gegenerklärungen auszulösen: Die Einlagen seien auch im Kriegsfall sicher, so die Beteuerungen der Obrigkeit, die eindringlich vor den verheerenden Wirkungen eines Bankensturms warnte. Zu Hamsterkäufen wie in anderen Mittel- und Großstädten kam es in Passau jedoch nicht, erst recht nicht zu so dramatischen Szenen wie in München. Dort spitzte sich die Lage auf dem Lebensmittelmarkt bis zum 30. Juli soweit zu, dass etliche Geschäfte vorübergehend schließen mussten. Wie so viele Großstädter plagte die Mehrzahl der Münchner die Angst vor teuren und knappen Lebensmitteln, denn Krieg, darin waren sich die meisten einig, bedeutete für den kleinen Mann vor allem Not, Entbehrung und Mehrarbeit.

Dann kam der Kriegsausbruch vom 1. August 1914: trotz der düsteren Vorahnungen, trotz der starken Spannungen zwischen den europäischen Großmächten und trotz der Serie von Hiobsbotschaften seit dem 23. Juli war der Überraschungseffekt allgemein. Der Wahlmünchner Thomas Mann sprach für viele, als er am 7. August in einem Brief an seinen Bruder die letzten Wochen Revue passieren ließ: „Ich bin noch immer wie im Traum – und doch muss man sich jetzt wohl schämen, es nicht für möglich gehalten und nicht gesehen zu haben, dass die Katastrophe kommen musste". Die Eindrücke des Romanciers werden bestätigt durch eine Vielzahl von Aufzeichnungen und Erinnerungswerken anderer intellektueller Zeitgenossen. Obschon viele dieser Reminiszenzen bereits von den späteren Erzählungen des „Augusterlebnisses" überlagert sind, atmet aus ihnen das Gefühl, von den damaligen Ereignissen überrollt worden zu sein.

Vergleichbare Warnehmungen machten viele Bewohner der Dörfer und Marktflecken. Wie ein Donnerschlag soll die Meldung vom Kriegsausbruch die Bürger von Tännesberg bei Weiden getroffen haben, berichtete der dortige katholische Pfarrer. Ähnliche Szenen spielten sich vor den Augen des Gemeindeschreibers von Eching bei Freising ab. Als am 1. August um 19.30 Uhr das Telegramm von der Mobilmachung der bayerischen Armee eintraf, zogen sogleich der Feuerwehrtrompeter und der Gemeindediener durch die Straßen des Dorfes und verkündeten: „Es ist Krieg!". Es war ein lauer Sommerabend, doch diesmal herrschte eine ganz andere Atmosphäre als sonst um diese Zeit: Zahllose Menschen waren auf den Straßen, „junge Männer eilten hin und her und fragten einander, wann sie zum Heere eilen mussten", während „weinende Frauen über das hereingebrochene Unglück klagten". Zugleich wurden einige „Hoch Deutschland"- Rufe laut, „nicht ganz harmonisch rein, aber doch begeistert", so der Schreiber weiter. Dann der erste Tag der Mobilmachung, der „erste Kriegssonntag": Auch diesmal erfolgte der übliche Umgang um die Kirche nach dem Gottesdienst, nur dass die Gefühle diesmal anders waren, Gefühle, die sich auf die Grabsteine zu übertragen schienen als wollten sie sagen: „Der Tod beginnt seine Ernte"... (Martin Hille)

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der Juli/August-Ausgabe von Unser Bayern (BSZ Nr. 30 vom 25. Juli 2014)

 

 

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