Unser Bayern

22.10.2010

Airbrush für die Haut

Bernhard Setzwein über die richtige Hauttönung

Wollen wir noch einmal einen Blick auf den zurückliegenden Sommer werfen? Wahrscheinlich drohen uns dann posttraumatischen Depressionen. Weil von Sommer konnte keine Rede sein. Eher von einem neuartigen Wetterphänomen, das sich als eine Mischung aus Eiszeit und Monsunregen beschreiben lässt. Früher, ja früher – da haben wir Urlaub gemacht, indem wir an Kärntner Badeseen fuhren, um dort Schlauchboot zu paddeln, oder nach Bibione an der Adria, um Sandburgen zu bauen und in der Sonne zu brutzeln.

Und heutzutage? Einsatz an der Heimatfront! Das einzig Tröstliche dabei: Die alten Urlaubsutensilien tun’s noch immer: Mit dem Schlauchboot lässt sich der vor den tosenden Fluten des kleinen netten Stadtbaches, der auch einmal Niagarafall spielen möchte, auf sein Hausdach geflohene Nachbar retten. Und mit der Sandburgenschaufel kann man super Sandsäcke auffüllen. Vielleicht lassen sich in Zukunft mehrere Jahresurlaube zusammen als freiwilliges soziales Katastrophenjahr anrechnen.

Was bei all dem leider etwas kurz kommt, ist die Sonnenbräune. Derenthalben unterziehen wir uns doch aber überhaupt dem ganzen Stress: Schlange stehen beim Eincheckschalter des Billigfliegers, all-morgendlicher Kampf um die Sonnenliegenplätze, Malträtierung des Magens mit südländischen Speisen, und so weiter und so fort. Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir als Kinder am Ende der Sommerferien die Unterarme nebeneinander hielten, um das Ergebnis all dieser Strapazen zu vergleichen: Wer ist brauner?

Nun aber lesen wir, dass all das obsolet geworden ist. Weil man kann sich die ganze schöne Farbenpracht auch einfach aufsprühen lassen. So als ob man eine Kühlerhaube wäre. Ja, mit Airbrushtechnik! Früher hat der geschäftstüchtige Airbrusher barbusige Schönheiten auf Opel Mantas gesprayt, heute nimmt er sich die Ladies gleich selber vor. Er überzieht sie mit einer Mischung aus Lebensmittelsäure und Zucker. Die geniale Idee abgeschaut hat sich ein Airbrushstudio-Besitzer in München-Ottobrunn und Liebling der Reichen und Prominenten in Amerika. Dort bringt man mittlerweile mit größter Selbstverständlichkeit seinen Van in die Waschanlage und sich selber ins Beautystudio. Man kann dabei eigentlich gar nichts verkehrt machen, weil beides Mal ist die Kundenbestellung dieselbe: Einmal Lack aufpo-lieren, bitte! Promis freut so etwas, wie in der Klatschpresse zu lesen ist, sie loben ihre Lackberater in den höchsten Tönen.

Unsereiner aber fragt sich: Warum nur beruht in dieser Welt beinahe alles auf Lug und Trug? Jetzt sind die Braungebrannten nicht einmal mehr gebrannt, sondern einfach nur angesprüht. Und wohin führt das noch, wenn man weiterdenkt … Wenn Ihr Chef wieder einmal einen cholerischen Anfall – ja, nach diesen Enthüllungen muss man sagen nicht „bekommt", sondern lediglich „mimt", dann fahren Sie ihm mal schnell mit dem angeleckten Zeigefinger über die Backe: Vielleicht ist seine Zornesröte nur aufgesprüht? Und ihr Sitznachbar im Bierzelt, der über seinem Trachtenjanker einen dermaßen roten Schädel aufhat, dass Ihnen Angst und Bange wird, der hat wahrscheinlich gar keinen Bluthochdruck, sondern der war lediglich im Airbrushstudio und hat bestellt: Einmal Ureinwohner-Lack!

Woanders kann wieder vornehme, ja gräuliche Blässe angesagt und gewünscht sein. Wer sagt denn, dass Angela Merkels Gesichtsfarbe und Gesichtsausdruck, an deren Imitation sich Heerscharen von Kabarettisten meist erfolglos abmühen, nicht seit Jahr und Tag von einem Visagisten der Extraklasse, einem Leonardo da Vinci der Sprühpistole, besorgt wird? Vielleicht ist sein Airbrushmotiv der hängenden Mundwinkel das Endergebnis jahrelanger Entwurfszeichnungen. Und die Auftraggeberin hat dem Künstler ihre Vor-stellungen, wie das Endprodukt aussehen soll, vielleicht mit folgenden Worten umschrieben: „So eine andere Art von Mona Lisa. Rätselhaft … ganz viel rätselhaft, aber wenig Lächeln. Ganz wenig Lächeln. Fast schon das Gegenteil davon. Die Leute sollen sich immer fragen: Was will die eigentlich?" (Bernhard Setzwein)

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