Unser Bayern

Die Fellfarbe gab dem Coburger Fuchsschaf seinen Namen. Als Lämmer sind die Tiere in der Regel goldgelb oder rotbraun. Mit zunehmendem Alter wird das Fell hell, der Kopf behält jedoch einen rötlichen Schimmer. (Foto: dpa)

19.05.2017

Blökende Multitalente

Wollige Landschaftspfleger: Über Schafe und ihre Haltung von der Rhön bis an die Alpen

Manchmal scheint die Landidylle auch in München angekommen zu sein. Zum Beispiel, wenn im Sommer eine Herde Schafe den Nordteil des Englischen Gartens bevölkert. Der Großstädter erfreut sich am Blöken und am Anblick weidender Schafe, besonders wenn Lämmer mit dabei sind. Für Kinder wird dann ein pädagogisches Programm veranstaltet. Es ist Streicheln angesagt, und unter dem Motto „Auf zu neuen Schafen“ dürfen die Kleinen für ein paar Stunden in die Welt des Schäfers eintauchen.

Seit über 10 000 Jahren hält der Mensch Schafe als Haustiere. Sie liefern ihm Wolle, Fleisch, Milch, Häute. Zunächst waren es einzelne Tiere, dann größere Herden, die seit dem Mittelalter vornehmlich auf den Gemeinschaftsweiden, den Allmenden, gehütet wurden. Vor etwa 500 Jahren entwickelte sich in Süddeutschland zusätzlich die Wanderschäferei. Schäfer und ihre Herden wanderten im jahreszeitlichen Wechsel dem Futter nach: auf Grünland, aber auch auf Äcker und Brachflächen. Der Dung, den die Tiere auf den Flächen hinterließen, war bei den Bauern sehr gefragt. So pferchte man die Schafe beispielsweise in den ersten Monaten des Jahres auf Äcker, auf denen später Getreide angebaut wurde, und nach der Ernte kamen die Tiere nochmals auf die Stoppelfelder. Die übrige Zeit des Jahres verbrachten die Tiere auf anderen Flächen. Viele davon waren so steil und trocken, dass sie nur für die Schafweide taugten.

Monatelang unterwegs

Um zu den Weiden zu gelangen, mussten Schäfer und Schafe mehrmals im Jahr weite Distanzen überwinden und waren monatelang unterwegs. Zumeist wanderten sie entlang von Gewässern. Die Strecken verliefen zum Beispiel von Dillingen bis zum Bodensee, von Nördlingen bis nach Ludwigshafen am Rhein oder von Feuchtwangen bis nach München; es gab freilich noch viele andere, auch kürzere Routen.

Wie Wanderschäferei hat Spuren in der Landschaft hinterlassen. So weisen besonders die steilen Hänge im Altmühltal, in der fränkischen Schweiz oder an anderen Stellen in der schwäbischen und fränkischen Alb, die mit ihren ausgedehnten Wacholderheiden einen Hauch von Süden vermitteln, auf die jahrhundertlange Beweidung mit Schafen hin.

Interessanterweise stehen viele dieser Flächen, die der Fachmann als Magerrasen bezeichnet, wegen ihres Artenreichtums unter Naturschutz: Die Schafe, die dort regelmäßig weideten, waren wählerisch in ihrer Futterauswahl und ließen bitter schmeckende, giftige oder stachelige Pflanzen stehen. Unter diese Kategorie von Pflanzen fallen Orchideen, Enziane, Silberdisteln und Wacholderbüsche. So konnten zahlreiche der heute seltenen Pflanzenarten auf den Schafweiden gut überleben. Gleichzeitig wurden diese auch zum Rückzugsraum von vielen Tierarten wie Heuschrecken, Schmetterlingen oder Vögeln. Zugleich sorgten die Schafe ganz nebenbei für die Ausbreitung von Arten, in dem sie Pflanzensamen und Insekten in ihrer Wolle weitertransportierten.

Auch die Heidelandschaften am nördlichen Stadtrand Münchens um Garching und Fröttmaning, dort wo nicht weit entfernt von der Allianzarena seltene Adonisröschen und Küchenschellen zuhause sind, sind durch die Schafbeweidung geprägt. Gleiches gilt für die Lechheiden zwischen Augsburg und Landsberg, die ebenso über Jahrhunderte von Schafen beweidet wurden.

Nähe zu den Städten

Dass die Schäfer mit ihren Herden so nah an die Städte kamen, hatte seinen Grund. Besonders die Schafwolle war für die Städter ein äußerst gefragtes Gut. Sie sicherte seit dem ausgehenden Mittelalter die Existenz der Loderer und Tuchmacher und vieler anderer Stadtbewohner. In München zählte man beispielsweise um das Jahr 1500 „über 60 Tuchmachermeister und über 70 Loderermeister, die auf je 2-4 Webstühlen arbeiteten, je Stuhl 2-4 Knappen hatten, und außerdem je Webstuhl zirka 30 weitere Heimarbeiter mit Wolleklauben, Zupfen und Spinnen beschäftigten“. Damit kamen in München, wie Bruno Kreuter 1897 errechnete, gleich mehrere Tausend Leute zusammen, die von der Wolle lebten. Das traf erst recht für die ehemaligen Reichsstädte Augsburg, Nürnberg, Nördlingen zu. Der Handel mit Wolle, die Weberei, die Manufaktur von Wollprodukten waren über Jahrhunderte eine Quelle des Reichtums dieser Städte. Vor allem der Wollmarkt in Augsburg zählte zu den wichtigsten Handelsplätzen in Süddeutschland.

Dabei war die Wollqualität lange Zeit gar nicht so besonders gut. Denn das seit dem Mittelalter verbreitete Zaupelschaf, eine kleines genügsames Tier, lieferte nur grobe Wolle und galt als „schlichtwollig“. Ein wenig besser war die Wollqualität der sogenannten flämischen Schafe, die mit der Zeit immer häufiger gehalten wurden, weil sie weniger empfindlich gegen schlechtes Wetter und Räude waren als die Zaupelschafe.

Erst im 18. Jahrhundert stiegen die Ansprüche der Menschen hinsichtlich der Wollqualität: Man wollte feinere Wolle, wie sie nur Merinoschafe aus Spanien liefern konnten – und zwar in großen Mengen. Allerdings war die Ausfuhr von Merinoschafen aus Spanien bis 1760 verboten. Danach war der Ansbacher Markgraf Alexander einer der ersten, der 1788 Merinoschafe für seine Schäfereien in Triesdorf beziehungsweise in Rothenhof bei Bayreuth einführte und sie mit den hiesigen Schafen „veredelte“, also kreuzte. Er war damit erfolgreich, denn elf Jahre später wurden im Raum Ansbach/Bayreuth bereits über 8000 veredelte Schafe gezählt.

Im Vergleich dazu dauerte es südlich der Donau bis ins Jahr 1802, als die kurfürstliche Stammschäferei in Schleißheim bei München Merinoschafe erhielt. Nach Weihenstephan bei Freising kamen erst 1815 Merinoschafe, nachdem der bayerische König Max I. Joseph die Herde seines Schwiegersohns mit 237 Tieren erworben hatte und sie der Weihenstephaner Musterlandwirtschaft überließ.

Fast alle adeligen und bürgerlichen Gutsbesitzer, die landwirtschaftlichen Kreiskomitees und die staatlichen Behörden in Bayern setzten im 19. Jahrhundert auf die Hebung der Wollqualität durch Kreuzung mit Merinoschafen. Das Interesse an der Schafzucht war enorm, so dass es 1863 in Bayern über zwei Millionen Schafe gab, davon 43 Prozent veredelte Schafe, 7 Prozent reinrassige Merinoschafe, 10 Prozent Zaupelschafe und 40 Prozent flämische Schafe.

Aber es gab auch noch andere Rassen. Im äußersten Nordwesten Bayerns, in der Rhön, war beispielsweise seit dem 16. Jahrhundert das Rhönschaf beheimatet: eine Rasse mit schwarzem Kopf und weißen Beinen. Es war sehr robust, kam mit den klimatischen Begebenheiten im „Land der offenen Fernen“ besonders gut zurecht und lieferte ein kurzfaseriges, zartes und sehr schmackhaftes Fleisch. Davon überzeugte sich auch Napoleon Bonaparte ... (Petra Raschke)

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der Printausgabe von Unser Bayern, Heftnummer 5/6, BSZ Nr. 20 vom 19. Mai 2017

Abbildungen:
Die Wanderschäferei hat in Bayern eine jahrhundertealte Tradition – ist aber im Aussterben begriffen. Die Schäfer leisten Knochenarbeit, verdienen in der Rrgeel aber nicht einmal den Mindestlohn. (Foto: dpa)

Rassige Schönheiten: Ein Altmühltaler Lamm mit seinem Muttertier. Diese Rasse ist bestens geeignet, um die Kulturlandschaft ums Altmühltal herum mit ihren Wacholderheiden abzugrasen. Auf dem Trottoir in Mörnsheim sieht man die Tiere nur, wenn es beim viel besuchten Lammauftrieb in die Landschaft hinaus geht. (Foto: dpa)

Das Alpine Steinschaf ist besonders an das raue Klima im Hochgebirge angepasst und zudem sehr geländegängig. Eine Arbeitsgemeinschaft kümmert sich um die Zucht der vom Aussterben bedrohten Rasse. (Foto: dpa)

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