Unser Bayern

An Not und Teuerung erinnert dieser „Hungertaler“ im Stadtarchiv Lauf. In dem Zinngehäuse (48 Millimeter Durchmesser, nicht abgebildet) befinden sich Papierblättchen, die von den Naturkatastrophen, den Missernten, den Preisentwicklungen und letztlich der großen Hungerskatastrophe von 1816 berichten. Dann liest man aber auch von neuer Hoffnung im Jahr 1817: „Der segnende Hauch des erbarmenden Gottes erweckte die neue Saat ...“ (Detaillierte Beschreibung unter http://www.lauf.de/index.php?goto=archivregal1&sid) (Foto: „Stadtarchiv/Städt. Sammlungen Lauf a.d. Pegnitz)

24.04.2015

Das Jahr ohne Sommer

Ein Vulkanausbruch in Indonesien vor 200 Jahren bescherte Europa Missernten und Hunger

Es war ein verheerendes Naturspektakel: Anfang April 1815 brach in Indonesien der Mount Tambora aus. Tage lang hielten die gewaltigen Eruptionen. Am Ende war der Vulkanberg um 1400 Meter niedriger als zuvor. Die Schuttmassen und Ascheteilchen, die der Vulkan 20 Kilometer und mehr emporschleuderte, beliefen sich auf 150 Kubikkilometer. Zu den fatalen Begleiterscheinungen gehörten Erdbeben und Flutwellen. Den Vulkanologen ist in historischer Zeit kein größerer Vulkanausbruch bekannt. Auf Sumbawa und den Nachbarinseln starben an die 70 000 Menschen. Auch wenn sich die Katastrophe von Europa aus gesehen am anderen Ende der Welt abspielte: Unter den Folgen zu leiden hatte man auch in Bayern.

Bei solchen großen Vulkanausbrüchen werden magmatische Gase bis in große Höhen geschleudert. Sie bilden dort winzige Partikel, die nur langsam zur Erde niederfallen. Sie vermindern die Einstrahlung der Sonne auf die Erdoberfläche, daher folgen einem solch gewaltigen Ausbruch meist ein oder zwei kühle, nasse Sommer und sehr kalte Winter. Solche Ausbrüche können eine ein- oder mehrjährige Abkühlung der Erdatmosphäre nach sich ziehen.

Die Folgen des Ausbruchs von 1815 waren auf der gesamten nördlichen Erdhalbkugel zu spüren. Das Jahr 1816 war in ganz Bayern kalt und verregnet – es war ein Jahr ohne Sommer. Anfang Juni 1816 „zeigte die Rhöne den umliegenden Dörfern ihr beschneites Haupt [… In den Thälern des Rhöngebirges verzögerten sich die Arbeiten der Felder und die Aussichten auf die Erndte bei Menschengedenken noch nicht so sehr als in diesem Jahre", schrieb der Nürnberger Friedens- und Kriegskurier im Juni 1816. Zur Jahresmitte notierte Goethe in Weimar in seinem Tagebuch: „Erster schöner Tag." Es war der 28. Juni 1816.

Für Teile Deutschlands können wir auf gute Beschreibungen des Wetters zurückgreifen. In Regensburg zum Beispiel machte ein Professor Heinrich in diesen Jahren Wetteraufzeichnungen. Zum Juni 1816 hielt er fest: „heitere Tage 0, windige 14, Tage mit Nebel 5, Tage mit Regen 12, Tage mit Hagel 1, Tage mit Gewitter." Über diesen Monat schrieb er zusammenfassend: „Die Sonne schien nie ohne Flecken. Merkwürdiger Monat wegen der vielen Wolkenbrüche und Ueberschwemmungen: wegen der zerstörenden Hagelwetter und wegen der Kälte beym höchsten Stande der Sonne: alles diese durch das ganze südliche, zwischen 20 und 30 Grad gelegene Europa verbreitet."

Als im Spätsommer 1816 das Getreide geerntet wurde, stellten die Bauern fest, dass es kaum ausgereift war. Die Ernte fiel schlecht aus, und sie wurde erst sehr spät eingebracht. Als der Drusch begann, „krazte der Landmann gar jämmerlich hinter den Ohren", schreibt der bayerische Staatsmann Joseph von Hazzi, ein Zeitgenosse. „Ans Dreschen ging es nur für den Samen; aber noch wunderlicher ward ihm zu Muthe, sehend, daß er im Korn meist nur leeres Stroh gedroschen, also um 2 drittheil Aerndte zurückgesetzt und auch in seinem Futtervorrath sehr getäuscht sich fand ... Endlich konnten ihm auch die Felder wenig gefallen. Schnecken, Mäuse, Ungeziefer und Unkraut kamen … zahllos zum Vorschein."

Die an der Schranne zu Nürnberg wie auch anderswo gehandelten wichtigsten Brotgetreide waren gegenüber der im Jahr 1811/12 gehandelten Menge fast um ein Drittel geringer. Gewöhnlich fielen die Getreidepreise unmittelbar nach der Ernte – doch in diesem Jahr stiegen sie weiter an: Hatte ein Scheffel Weizen im Frühjahr 1816 noch bei elf, zwölf Gulden gelegen, Roggen bei neun oder zehn, so standen diese Preise im September 1816 bei 28 ½ für Weizen und 23 ¾ Gulden für Roggen. Im Dezember mussten 45 Gulden für Weizen und 31 ½ für Roggen gezahlt werden. Der Scheffel Dinkel, den man noch um Pfingsten um fünf, sechs Gulden gekauft hatte, kostete im Juli 12 bis 15 Gulden. Die Brotpreise schossen in die Höhe – auf das Dreifache. In England hatten Gelehrte schon im 17. Jahrhundert beobachtet, dass die Getreidepreise um 100 bis 200 Prozent anstiegen, wenn der Ernteertrag nur ein Sechstel bis ein Drittel unter dem Durchschnitt lag. So kam es auch 1816, die Getreidepreise stiegen gewaltig.

Außerordentlich witterungsempfindlich sind Reben. In Lindau war am 2. August 1816 die Blüte noch nicht beendet – das war seit 1628 nicht mehr vorgekommen. In Württemberg fiel die Weinernte miserabel aus. Der Ertrag hatte seit 1811 ständig abgenommen: 1814 betrug die Lese noch 2411 Eimer, 1815 machte sie 2097 Eimer aus, 1816 nur noch 654 Eimer. Eine geringe Menge – obendrein von schlechter Qualität... (Manfred Vasold)

Lesen Sie den vollständigen Beitrag in der Aprilausgabe von Unser Bayern (BSZ Nr. 17 vom 24. April 2015)

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