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Die Ilzstadt in Flammen – da nützte es nichts, dass die Stadt von Wasser umflossen ist. (Foto: Stadtarchiv Passau)

14.09.2012

Das unersättliche Feuer

Ein verheerender Stadtbrand im Jahr 1662 zerstörte Passau. Auf einen Schlag wich das Mittelalter dem italienischen Barock


der Rundgang durch Passau führt durch ein barockes Gesamtkunstwerk. Alles wirkt wie aus einem Guss, wenn man etwa vom Domplatz durch den Südturm von St. Stephan in die Zengergasse geht, vorbei am Zengerhof und an der Alten Bischöflichen Residenz zum Residenzplatz, an dem man die Neue Bischöfliche Residenz erreicht. Ein einzigartiger Blick auf dieses geschlossene Ensemble bietet sich von der Veste Oberhaus oder von der Wallfahrtskirche Mariahilf. Umfasst ist es sozusagen von Wasser – Donau, Inn und Ilz fließen hier zusammen. Das Malerische hat seinen Preis: Überschwemmungen sind in der Dreiflüssestadt seit jeher keine Seltenheit.

Doch vor 350 Jahren war es eine andere Katastrophe, die Passaus Gesicht nachhaltig zerstörte: Gegen Mittag des 27. April 1662 legte ein verheerender Stadtbrand die Stadtteile links und rechts vom Inn in Schutt und Asche. Nur die Ilzstadt kam ungeschoren davon. Mindestens 200 Menschen waren ums Leben gekommen, an die 900 Häuser waren zerstört, der Hohe Dom, die Bischofsresidenz und die Innbrücke waren eingestürzt, die Stadtkirche, das Rathaus, das Jesuitenkolleg und Kloster Niedernburg glichen Ruinen. Die gotische Stadt existierte nicht mehr.

In der Mitte des 17. Jahrhunderts war Passau trotz des gerade erst überstandenen Dreißigjährigen Krieges eine blühende Stadt gewesen. Es war ein wichtiger Handelsplatz,.vor allem der Salzhandel war ertragreich – in der frühen Neuzeit hatte die Stadt sogar das Salzmonopol inne. Zum anderen profitierte die Dreiflüssestadt von ihrer Funktion als geistliche Residenzstadt. Die Fürstbischöfe – sie waren die Herren über die flächenmäßig größte Diözese im Heiligen Römischen Reich – hatten die Hochfürstliche Haupt- und Residenzstadt zu einem Zentrum der Gegenreformation gemacht. Sie gründeten ein Jesuitenkolleg und richteten in Marahilf ein Wallfahrtszentrum ein, das für ganz Mitteleuropa von Bedeutung war.

Der Stadtbrand vernichtete in wenigen Stunden diese schmucke mittelalterliche Stadt. Über die dramatischen Ereignisse sind zwei ergreifende Berichte erhalten. Der Brand, so die Chronisten, brach zwischen ein und zwei Uhr mittags im Bürgerspital oder im angrenzenden Bruderhaus aus. Durch starken Westwind angefacht, breitete sich das Feuer rasch aus. „Innerhalb anderthalb Stunden ist die ganze Stadt bis an das End in vollen Flammen gestanden, dass mann also nit gewust hat, wohin mann Sicherhait halber laufen soll. Dahero sich vill Leuth in die Gewölber und Keller begeben, von welchen die maisten verbronnen oder wegen Durst und Rauch erstickhet seyend", hielt der Augenzeuge und Passauer Goldschmied Wilhelm Schmid fest. Auch den Menschen, die in die engen Gassen flohen, ist es nicht besser ergangen.

Vergeblich waren die Löschversuche der Bürgerschaft. Schließlich drehte auch noch der Wind, blies jetzt von Osten und entzündete die letzten, bislang noch verschont gebliebenen Häuser der Altstadt. Priester Seyffert, der sich auf Augenzeugenberichte stützt, schildert wie „abends die Flammen durch starken Wind gleichsam über den Innfluss flogen und die Innstadt ebenmäßig angezündet" haben. Und weiter: „Das unersättliche Feuer hatte noch nicht genug, sondern lieffe in der Nacht die Stiege hinauf, die über 250 Staffel hoch, an dem heiligen Berg, Mariahilf genannt und verzehrte das obere Capuzinerkloster." Weil beide Stadtteile links und rechts des Flusses in Flammen standen, flohen viele Menschen in ihrer Verzweiflung auf die hölzerne Innbrücke – die wenig später ebenfalls ein Opfer der Flammen wurde.

Nach dem Brand war Passau nahezu unbewohnbar. Die Überlebenden fristeten ihr Dasein in Ruinen, Kellern oder Zelten. Die Versorgung mit Wasser und Nahrungsmitteln war mehr als unzulänglich. Plünderer trieben ihr Unwesen. Der wirtschaftliche Einbruch war immens. Nur zögerlich begann der Wiederaufbau der Wohnhäuser. Da wurde Passau 1680 von einem weiteren Brand heimgesucht. Auch wenn das Feuer nicht ganz so heftig wütete wie 1662, wurde wieder ein Großteil der Häuser vernichtet. Residenz und Dom blieben diesmal verschont.

Es ist dem absolutistisch regierenden Fürstbischof Wenzeslaus Reichsgraf von Thun (1664 – 1673) zu verdanken, dass der von ihm geleitete und organisierte Wiederaufbau von Residenz und Dom zügig voran schritt. Mit strenger Hand sorgte Thun für die Sanierung des verschuldeten Hochstifts. Bereits 1666 konnte er mit seinem Hofstaat die wiederaufgerichtete, vergrößerte Residenz beziehen. Das repräsentative Portal wird in der Giebelnische von der Büste Thuns bekrönt.

Der fürstbischöfliche Hof engagierte Architekten und Künstler aus Italien. Zu dem Trupp, der das gewaltige Bauprogramm zu bewältigen hatte, gehörten die bekannten Baumeister Carlo Lurago und Pietro Francesco Carlone, der Stuckateur Giovanni Battista Carlone – alle drei stammten aus Como und Umgebung – und der Mailänder Freskenmaler Carpoforo Tencalla. Das anspruchsvollste und vor allem auch kostspieligste Projekt war der Wiederaufbau des Domes. Der Fürstbischof sicherte die Finanzierung des Baus durch die bayerische Dombauhilfe, durch Einkünfte des Hochstifts Passau und des Bistums Gurk, dessen Bischof er ebenfalls war, sowie durch einen kleinen Zuschuss aus Österreich.

Als Fürstbischof Thun 1673, gerade einmal 44 Jahre alt, an einer verschleppten Nierenentzündung starb, wurde Sebastian Graf von Pötting, ein enger Vertrauter Kaiser Leopolds I., zu seinem Nachfolger gewählt. Weniger gute Beziehungen hatte Pötting aber zu Kurfürst Ferdinand Maria, der die Dombauhilfe aus Bayern wohl wegen Pöttings allzu enger Verbindung zu Österreich aussetzte. Die Arbeiten am Dom gerieten vorübergehend ins Stocken. Nach langwierigen Verhandlungen lenkte der Kurfürst jedoch ein, die Arbeiten an der Kathedrale gingen wieder zügig voran.

Architekt Lurago hatte sich mit seinen Auftraggebern darauf verständigt, die Domruine nicht komplett abzutragen, sondern den erhaltenen spätgotischen Chor mit der imposanten Vierung in den neuen Kirchenbau einzufügen. Die Altehrwürdigkeit des Bischofssitzes wurde gewahrt. So wurde nur der Westteil der Kirche mit den beiden Türmen abgebrochen. Lurago band die hoch aufstrebenden gotischen Pfeiler in die Formensprache des Barock ein. 1678 war der Rohbau fertiggestellt. Die fast 70 Metern breit angelegte hochbarocke Westfassade wird durch zwei leicht zurückgesetzte Türme begrenzt. Den vorspringenden Mittelteil verzieren markante Pilaster. Im Inneren des 1686 vollendeten Stephansdoms überwältigt die barocke Formensprache. Die gotische Substanz des Chores bleibt aber trotz des barocken Gebälks erstaunlich durchlichtet. Imposante, von mächtigem Gebälk und ausladendem Gesims bekrönte Stützen tragen die Gurtbögen des Langhauses mit den darüber liegenden flachen Kuppeln. Der schwere Stuck Carlones ist auf die oberen Gebälkzonen beschränkt. Die Kuppeln sind freigehalten für die Fresken Tencallas. Als Ergebnis des Zusammenwirkens einzigartiger Künstler entstand nicht nur der größte, sondern auch einer der anspruchsvollsten barocken Kirchenbauten nördlich der Alpen. Schon in den späten 1680er Jahren erstrahlte das gesamte Domviertel wieder in neuem Glanz. Auch das Jesuitenkolleg und die Jesuitenkirche St. Michael im Innviertel sowie die Stadtpfarrkirche St. Paul waren als Barockbauten neu entstanden.

Die Architekten aus Italien ließen aus Schutt und Asche aber auch das italienisch anmutende barocke Stadtbild mit hohen Türmen, malerischen Plätzen, großzügigen Promenaden und verwinkelten Gassen entstehen, das bis heute für Passau charakteristisch ist. Für die neuen oder wieder aufgebauten Häuser musste man sich an strenge Vorgaben halten. Die alten Schindeldächer mussten ziegelgedeckten Grabendächern weichen. Um das „Vorfallen" brennender Gebälkteile im Falle eines Brandes zu verhindern, mussten die Fassaden über den Dachfirst hochgezogen werden. Die Bürgerhäuser bekamen ein neues Antlitz.  (Eva Meier)

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